Winnetou klingt immer noch

Mit seinen Winnetou-Soundtracks hat er sich Martin Böttcher vor Jahrzehnten unsterblich gemacht. Doch als vitaler 82-Jähriger komponiert er weiter die Musik für die aktuelle ARD-Reihe «Pfarrer Braun». Dabei wollte der Wahl-Luganeser einmal Kampfpilot werden.
08. April 2010, 07:27
Reinhold Hönle

Es gibt Soundtracks, welche die Filmbilder sofort wieder ins Gedächtnis rufen, Ennio Morricones «Spiel mir das Lied vom Tod», Nino Rotas «Der Pate» oder Martin Böttchers Kompositionen zu den Karl-May-Verfilmungen der 60er-Jahre. Wer die romantischen «Old Shatterhand»- und «Winnetou»-Melodien hört, sieht Pierre Brice und Lex Barker heldenhaft über die unendlichen Prärien Kroatiens reiten oder spürt bei «Tramp Melodie» und «Unter Geiern» sofort Gefahr im Verzug.

Jugendtraum Testpilot

Obwohl ihm als Urenkel eines Weimarer Hofkapellmeisters das Talent in die Wiege gelegt worden war, strebte der gebürtige Berliner zuerst eine Laufbahn in anderen, höheren Sphären an. «Weil ich Testpilot werden wollte, machte ich bereits mit 14 Jahren den ersten von fünf Segelflug- und zwei Motorflugscheinen», erzählt Martin Böttcher. Da später über Deutschland ein Flugverbot galt, musste er seinen Jugendtraum begraben.

Das fiel ihm jedoch nicht mehr so schwer, weil er inzwischen eine zweite grosse Passion entwickelt hatte. «In der englischen Kriegsgefangenschaft in Norddeutschland nutzte ich die Zeit, um mir auf dem Instrument, das ein Freund organisiert hatte, selbst das Gitarrespielen beizubringen.»

Seine Klaviergrundkenntnisse, die Begabung und etwas Vitamin B ermöglichten es ihm, sich bereits kurz nach seiner Entlassung 1945 erfolgreich bei Radio Hamburg zu bewerben.

«Das Tanzorchester, das damals in Europa zur absoluten Spitze zählte, wurde von Willy Steiner dirigiert. Er erkannte in mir sofort den ehemaligen Ballbuben aus seinem Tennisclub und gab mir die Möglichkeit, mich in einer sechswöchigen Probezeit zu bewähren.»

Er etablierte sich nicht nur in diesem Orchester, das mit ihm und dem Bassisten Hans «James» Last richtig zu swingen begann, sondern wurde auch zum zweitbesten Jazzgitarristen Deutschlands gewählt und erhielt immer mehr Aufträge, für namhafte Filmmusikkomponisten Arrangements zu schreiben.

Sein erster eigener Soundtrack war «Putzke will es wissen», eine Dokumentation über das Bundesfinanzministerium. «Erst bei meinem zweiten Film <Die Halbstarken> konnte ich die Katze aus dem Sack lassen», erzählt der vitale 82-Jährige schmunzelnd und mit leuchtenden Augen, denn der Jazz spielte in dem Kultstreifen von 1957 neben Horst Buchholz die Hauptrolle, stand er doch damals noch für die Zügellosigkeit und Sündhaftigkeit der Jugend.

«Shatterhand» vor «Titanic»

Als sich Horst Wendlandt, Herstellungsleiter beim führenden Filmproduzenten Arthur Brauner, 1960 mit Edgar-Wallace- und Karl-May-Verfilmungen selbständig machte, bat er Böttcher, die Musik zu komponieren. «Obwohl ich es bis heute bei keinem <Winnetou>-Roman über die ersten zwanzig Seiten hinaus gebracht habe, da mich die weitschweifenden Beschreibungen langweilen, sagte ich zu», bekennt er.

Mit Streichern und Mundharmonika wusste er die filmischen Umsetzungen jedoch sehr wohl gefühlvoll zu untermalen und die Dynamik durch Rhythmusänderungen zu steigern. «Old-Shatterhand-Melodie», das Titelstück zum «Schatz im Silbersee», stand 17 Wochen an der Spitze der deutschen Hitparade – sogar vier Wochen länger als 1998 Céline Dions gesungenes «Titanic»-Pendant «My Heart Will Go On».

Wahl-Tessiner

Böttchers Karriere ist speziell bewundernswert, wenn man weiss, dass er seit einem Schädelbasisbruch in der Kindheit nur noch auf einem Ohr hören kann und dieses im Krieg bei der Explosion einer Granate geschädigt wurde. Mit erst 35 erlitt Böttcher einen Herzinfarkt, aber erst nach dem zweiten Kollaps 1964 hörte er auf den Arzt, der ihm als Freund und Mediziner geraten hatte, sein Leben grundlegend zu verändern.

Als ihm Caterina Valente vom Tessin vorschwärmte, zogen er und seine Frau, die frühere Schauspielerin Anneliese Kaplan, aus Hamburg nach Campione und bald darauf nach Lugano, wo sie von ihrer Wohnung aus einen herrlichen Ausblick auf den Monte Brè geniessen.

Böttchers Musik war bislang in zwei Schweizer Filmen zu hören.

Besondere Freude machte es dem Deutschen, im Auftrag der Schweizerischen Verkehrszentrale und des Skischulverbandes die Musik für den vielfach ausgezeichneten Werbefilm «Ski For You» zu komponieren, da Condor Films allein auf die Kraft der Bilder im Zusammenwirken mit seiner Musik vertraute. Fünf Jahre später fragte Mark M. Rissi an, ob Böttcher vielleicht Filmmusik auf Lager hätte, die er ihm für wenig Geld überlassen könnte. «Er hatte Glück.

Ich besass noch einen Soundtrack, der keine Verwendung gefunden hatte, den ich ihm für seinen engagierten Film <Brot und Steine> zur Verfügung stellen konnte.»

Partitur für den Pfarrer

Seit den Siebzigerjahren arbeitet Böttcher hauptsächlich fürs Fernsehen. Seine bekanntesten Melodien sind die Titelmusik für die Krimireihen «Das Kriminalmuseum», «Sonderdezernat K1», «Forsthaus Falkenau» und «Pfarrer Braun».

Für letztere wurde er auch deshalb engagiert, da er schon für die «Pater Brown»-Kinofilme «Das schwarze Schaf» und «Er kann's nicht lassen» mit Heinz Rühmann die Musik komponiert hatte. 2002 hat man ihn gebeten, sie für die TV-Serie mit Kabarettist Ottfried Fischer zu adaptieren.

Seine Arbeit läuft so ab: Bevor er für eine Folge zu komponieren beginnt, bespricht er mit dem Regisseur anhand des fertig geschnittenen Films, welche Sequenzen mit Musik unterlegt werden sollen.

«Dann komponiere ich zu den Videobildern zu Hause am Keyboard die Musik und schreibe die Partituren für die Musiker. Schliesslich dirigiere ich sie bei der etwa einen Tag dauernden Aufnahme in einem Synchron-Studio in München.» Wie die 18. Folge «Kur mit Schatten» klingt, ist heute abend zu hören.

ARD heute, 20.15 Kur mit Schatten

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