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Tagblatt Online, 21. November 2009 01:01:02

Walser-Denkmal

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Gesamtausgabe Sämtliche Drucke und Handschriften von Robert Walser werden erschlossen – ein Jahrhundertwerk.

Peter Surber

Der «Commis», der kleine Angestellte, der «Gehülfe» im Kontor, als der Robert Walser in rasch wechselnden Stellen tätig war: Aus der Handschrift ist er sofort zu erkennen. Sie ist gestochen sauber, kaum eine Korrektur, hie und da ein einzelnes Wort ergänzt, selten einmal eine Passage verworfen. Der Roman «Geschwister Tanner» sieht im Original aus wie eine Reinschrift – ist jedoch gemäss Walser-Forschung weitgehend eine Erstschrift.

Für die Makellosigkeit seiner Manuskripte war Walser zu Lebzeiten berühmt – die Nachwelt erhält jetzt dank der umfassend angelegten «Kritischen Ausgabe sämtlicher Drucke und Manuskripte» einen bisher nie dagewesenen Einblick in die Schaffensprozesse des Dichters. Den Auftakt der Edition machten die «Geschwister Tanner», als nächstes folgen «Fritz Kochers Aufsätze». Ein grossformatiger Band druckt jeweils das Manuskript vollständig ab und transkribiert es.

Ein kleinerer zweiter Band umfasst die Publikation – im Fall der «Geschwister Tanner» die Erstausgabe 1907 im Verlag Bruno Cassirer in Berlin, deren Erscheinen nicht zuletzt dem Lektor Christian Morgenstern zu verdanken war. Hinzu ziehen die Herausgeber weitere Textzeugen und eruieren akribisch Abweichungen.

Das Editionsunternehmen ist gewaltig. Getragen wird es von der Walser-Stiftung und den Verlagen Stroemfeld und Schwabe.

Den Nutzen hat zweifellos die Literaturwissenschaft; vor ihr liegt die Schreibkammer des Autors nun in grellem Scheinwerferlicht – was zum Teil auch Kritik hervorrief: Dem Autor, selber Feind aller grossen Gesten, werde ein tonnenschweres Bücher-Denkmal errichtet. Unbestritten ist aber die Faszination, welche der Nachdruck der Handschrift ausübt. Wenn der Dichter etwa die eng kalligraphierten Seiten 82–85 später mit rabiatem Bleistift durchstreicht, ist die Neugier aufs Höchste geweckt: Was wollte Walser (der Meister des Versteckspiels mit seinen Lesern) uns sagen – und dann doch nicht sagen?





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