Zum 125. Geburtstag von Franz Kafka / Von Giuseppe Gracia

Unerlöst, verwandelt, verendet

02. Juli 2008, 01:13

Wer eine Geschichte von Kafka liest, den erwarten in der Regel keine grossen Lacher. Genauso steht es um das Schicksal von Kafkas Figuren. Ob dies ein Landvermesser ist, dienstbereit bis zur Selbstverleugnung, ein Student, ein Vertreter oder der namenlose Sohn einer namenlosen Stadt, in der stets ein fremdartiges, teilnahmsloses Licht herrscht – es will keine rechte Heiterkeit aufkommen. Sogar stemmen sich knallharte moralische Widerstände gegen den Gedanken, hier handle es sich womöglich auch um humoristische Literatur. Da ist einfach zu viel Mitleid mit den jungen Männern, die sich vor dem Hintergrund ihrer strengen, ominösen Väter von der Brücke stürzten, zu viel Verwirrung angesichts der intriganten Vermieterin, die belohnt wird, oder des verwaltungsfrommen Angestellten, der sich den Prozess ohne Hinweis auf persönliche Schuld nicht nur machen lässt, sondern auch noch gutheisst.

Kafkas bleiche Seelen

Mehr oder weniger ungern werden sich wohl die meisten (besonders die gymnasial genötigten) Leser an Kafkas arme, bleiche Seelen erinnern, an jene Figuren, die ihre Finger lieber vom Dorf gelassen hätten, aus dem sie nicht herausfanden, die Finger vom Formular des Schalterbeamten oder auch vom Telefon im Wirtshaus, das keine wirkliche Verbindung ermöglichte, genauso wenig wie die junge Frau, kühl, unsinnlich wie selten junge Frauen in der Weltliteratur.

Auch andere Nebenfiguren sind wenig attraktiv und noch weniger hilfreich, wenn es darum geht, dem Leser das Geschehen, so etwas wie Sinn und Zweck der Handlung näherzubringen. Die Gesellen zum Beispiel, die dem Landvermesser im «Schloss»-Roman geschickt werden, um ihm bei dem nicht näher definierten Auftrag zu helfen, grinsen nur, wenn der Landvermesser etwas Genaueres über die Aufgabe erfahren will. Schwachsinnig oder aber versteckt hinter einer Maske ungelenker, grosskindlicher Mittäterschaft, scheinen sie eingeweiht in ein unaussprechliches Geheimnis. Ebenso die Richter oder Wirtshausgäste, die uns in anderen Szenen mit ihrem Schweigen quälen und jede Hoffnung auf Klärung der Verhältnisse verblassen lassen.

Schliesslich wünscht man sich, diese Vorgänge, ihre eigenartig nüchterne Zähflüssigkeit, mögen aufhören, die Figuren um Gottes willen nicht länger nach Frieden suchen in dieser Welt, in die der böse Autor sie offenbar schutzlos hineingeworfen hat. Gib die Hoffnung auf, möchte man dem Landvermesser zurufen, vergiss die Sehnsucht nach Zugang zum Schloss oben am Hügel, vergiss die Suche nach Klarheit!

Denn Unklarheit, Zweifelhaftigkeit sind hier allgegenwärtig. Zweifelhaftigkeit der Stadt, der Gesellschaft, der Natur, Zweifelhaftigkeit der Gedanken und Gefühle. Ein vager, nahezu unsichtbarer Nebel, beschworen von einer hochpräzisen Sprache, in deren unaufgeregter Fortbewegung wir als Leser gewiss immer weniger an frische Bergluft oder saftige Äpfel denken werden.

Du bist die Aufgabe

Warum tue ich mir das an? So fragt man sich. Ich will an frische Bergluft und saftige Äpfel denken! Ich will mich nicht länger mit diesen Leuten abgeben und mit ihnen verloren gehen.

Aber vielleicht gibt es bei Kafka von Anfang an gar kein Ziel, das man verfehlen könnte, keine Bestimmung, die zu verpassen wäre, nicht einmal eine persönliche, intime Ebene. Josef K. hat keinen richtigen Nachnamen, andere Figuren keinen Vornamen oder beides nicht, und im Grunde können sie froh sein, wenn sie am Morgen nicht schon als Käfer erwacht sind.

Du bist die Aufgabe, kein Schüler weit und breit. So lautet ein dazu passender Aphorismus Kafkas, und er dringt scheinbar mühelos unter die Oberfläche der Dinge, in ihr Geheimnis.

Ein Versuch mit Humor

Aber bevor wir versuchen, das alles zu erklären, wäre es eindeutig besser, es doch irgendwie mit Humor zu versuchen. Sich zu fragen, ob diese Figuren zwischen Behördenapparat und bleiernen Erkundungsgängen durch Stadtviertel, Hinterhöfe, Hinterzimmer wirklich kein Lachen ertragen? Ob man nicht sogar befreit klatschen soll, wenn ein junger Mann namens Karl, von den Eltern nach Amerika geschickt, sich gerade im Moment des Anlegens im New Yorker Hafen an den Regenschirm erinnert, den er in seiner Kabine vergessen hat. Er will ihn holen und verirrt sich im treppauf, treppab verlaufenden Innern des riesigen Übersee-Schiffes, dessen Bauch – vollgestopft mit kleinen, kläglichen Einzelkabinen – an die Jonasgeschichte mit dem Wal erinnert.

Natürlich wurde Kafka oft als religiöser Dichter bezeichnet. Das gestörte Verhältnis zu den ominösen Vaterfiguren lässt sich als gestörte Gottesbeziehung lesen, das verdunkelte Verhältnis zur Welt als einen von Gott abgeschnittenen Zustand. Auch zieht sich durch viele Geschichten die Suche nach Erlösung. Der Wunsch nach Geborgenheit – ganz ohne die Notwendigkeit der Bestätigung durch die Aussenwelt. Die Suche nach einer Quelle der Freude, Quelle der Bejahung und darin letztlich die Sehnsucht nach Transzendenz, nach dem Überschreiten dieser engen, präzis beschriebenen Räume.

Doch gerade dies, das Überschreiten des vorgegebenen Handlungsspielraums, scheint für Kafkas Menschen (und für den gequälten Leser) vollkommen ausgeschlossen. Ihre Welt ist absolut eine Welt ohne Transzendenz, ein hermetisches Universum, in dem das Dasein nur die Summe der Umstände, des ganz Unmittelbaren, Gegenständlichen zu sein scheint. Der Mensch als Spielball, als reines Resultat eines bürokratischen Zweckgefüges. Wobei die Verwaltung, der Richter, das Schloss zur letztmöglichen Instanz der Legitimierung des Einzelnen werden.

Der Landvermesser muss vom Schloss legitimiert, in seiner Existenzberechtigung bestätigt werden, sonst bleibt er vom Dorf ausgeschlossen. Und das Schloss bleibt unzugänglich. Der Landvermesser bleibt ein unbestätigtes Element der Gesellschaft, ja überhaupt ein fraglicher Mensch. Da ist es nur konsequent, wenn er am Ende nicht wie ein Mensch stirbt, sondern wie eine kleinere, tierische Kreatur verendet, wie ein Käfer eben oder, noch kleiner, wie die Ameise in einem Ameisenstaat.

Chaplins kafkaeske Komik

Selbstverständlich ist das auch als Kritik an der Moderne gemeint, an der technisch-bürokratischen Durchdringung der Existenz, worin der Mensch als ein sich selbst Besitzender, aus sich selbst Handelnder nicht mehr vorkommt. Nur noch als Teil einer Struktur, einer von aussen definierten Funktion.

Aber hier, im Schrecken einer Welt, in der Menschen statt erlöst nur noch aufgelöst werden, hier muss es für den geschwächten Leser einen letzten Versuch geben, doch noch zum Komischen vorzudringen, wenigstens zu einem einzigen, unerwarteten, tödlichen Witz.

Dieses Vorhaben hat natürlich nur eine Chance, wenn wir die oberflächlichen, Grimassen schneidenden Spassmacher vergessen und an wahre, existenzielle Komiker denken. Wenn wir zum Beispiel genau hinsehen bei Charles Chaplin, der sich in zahlreichen Stummfilmen immer wieder in kafkaesken Situationen wiederfindet, ob im Getriebe einer Fabrikmaschine oder verkleidet als mechanische, Fusstritte verteilende Figur einer Kuckucksuhr (in die er reingerät, um sich vor einem bösen Stiefvater zu verstecken).

Chaplin hat, wie alle grossen Komiker, ein trauriges, wehrloses Gesicht. Es würde gut zum Landvermesser oder zu Josef K. passen. Und es wird, wenn man noch genauer hinschaut, gerade in den tänzerischen, poetischen Momenten eine Trauer spürbar, eine Ahnung, dass Chaplin nie ganz herausfinden wird aus dieser von Zügen durchrasten, von Gauklern und Schlagstock schwingenden Polizisten durchzappelten Welt.

Auch der von Kafka beschriebene junge Mann namens Karl, der von den Eltern nach Amerika geschickt wird und sich beim Anlegen im riesigen Schiffsbauch verirrt – das könnte der junge Chaplin sein. Und ein anderer, kurzer Film könnte ihn sehr gut in dem kleinen Zimmer zeigen, in dem er am Morgen als Ungeziefer erwacht, auf dem Rücken – wobei er damit beginnt, mit schwachen, hilflosen Bewegungen hin und her zu schaukeln, um aus dem Bett zu kommen.

Giuseppe Gracia (Jg.1967) ist Schriftsteller und lebt in St. Gallen. Zuletzt ist von ihm der Roman «Santinis Frau» (2006) erschienen.

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