Tüfteln und spielen

SOMMERSPIELE ⋅ Velopolo gilt in St. Gallen als neue dynamische Funsportart. Der Sport ist nicht ungefährlich. Darum gilt: Niemand darf jemanden vorsätzlich zu Fall bringen, – und quietschende Bremsen und ungeölte Ketten sind keine Kavaliersdelikte.
07. Juli 2010, 05:57
Sommerspiele
Philippe Reichen

Schnelle, wilde Ritte sind gefährlich. Jedes Bremsmanöver kann mit einem spektakulären Abwurf enden, jede abrupte Richtungsänderung einen Mitspieler gefährden. Beim Velopolo geht öfters jemand zu Boden. Sehr selten kracht es richtig – zum Glück.

Aller Gefahren und Vorsichtsgeboten zum Trotz lebt das Spiel von der Dynamik des Unvorhersehbaren, von genialen Pässen, dem präzisen Zusammenspiel, schnellen Vorstössen, Kunstschüssen und taktisch klugem Abwehrverhalten.

Erlaubt ist Schläger gegen Schläger, Mann gegen Mann, kommen sich Mann und Schläger in die Quere wird es problematisch. Polospieler schützen die Vorderräder gerne mit einer Plastikscheibe. Gerät ein Schläger in die Speichen, bersten die feinen Metallstränge, und das Rad beginnt zu «eiern». Geübte Spieler haben selbst die grösste Gefahr im Griff: Wer auf den Ball fährt, fällt wie ein Stein auf den Boden.

Schliesslich gilt: Niemand darf jemanden vorsätzlich zu Fall bringen. Kopf-, Arm-, Schienbein- und Knieschütze sind trotz Verhaltenskodex mehr als Accessoires.

Spielen, bis die Beine müde sind

Für Michael Schläpfer ist Velopolo «ein Gentlemansport». Er denkt dabei mehr an die Umgangsformen auf dem Feld als an Kleider- oder Parfumkollektionen. Der Spassfaktor ist genauso wichtig wie der sportliche Ehrgeiz. Schläpfer hat als Velokurier gearbeitet und den Sport in der Kurierszene kennengelernt.

Später machte er ihn im St. Galler Freundeskreis bekannt – mit Erfolg. Seit Frühlingsbeginn trifft sich jeden Dienstag und Samstagabend eine Gruppe von zehn bis zwölf Leuten auf dem Sportplatz vor dem Schulhaus Blumenau im St. Galler Stadtzentrum. Mit Nicole Zellweger ist regelmässig auch eine Frau mit dabei. Die Gruppe spielt, bis die Arme und Beine müde werden oder der Ball in der Dunkelheit verschwindet.

Wer absteht, dreht Strafrunde

Eine Partie dauert je nach Spielverlauf und Anzahl Tore in der Regel eine Viertelstunde. «Es gab schon Partien, in denen es nach einer halben Stunde null zu null stand», erinnert sich Schläpfer. Das sei eher selten.

Gespielt wird mit drei Spielern pro Team. Das Tor, auf das sie spielen, sollte rund eine Velolänge gross sein. Verboten ist, mit dem Fuss den Boden zu berühren. Passiert es trotzdem, müssen die Spieler zur Seitenlinie fahren. Dort ist auf Höhe der Mittellinie eine Glocke aufgehängt, die sie mit ihrem Schläger berühren müssen.

Erst danach dürfen sie ins Spiel zurückkehren.

Das Material ist beim Velopolo entscheidend. Eine quietschende Bremse oder eine nicht geölte Kette fallen sofort auf und werden entsprechend beanstandet. Die Polospieler kennen jedes Teil – vom Zahnrad bis zur Sattelschraube – und wissen sofort, warum etwas nicht funktioniert. In den seltensten Fällen ist ein Velo so, wie der Hersteller es im Katalog anbietet. Auch die Schläger sind handgemacht. Im Internet gebe es Anleitungen dafür, aber im Grunde sei es ganz einfach, sagt Michael Schläpfer.

Die Runde nickt. Am unteren Ende eines Skistocks wird ein Abflussrohr, wahlweise auch ein Gasrohr, befestigt. Der Stock kann aus Aluminium sein, Karbon sei aber geiler, fährt jemand dazwischen; ein Dritter gesteht, er habe in sein Abflussrohr ein Stück Schneepfosten eingebaut. Damit soll der Schläger besser schwingen. Das Pröbeln und Tüfteln ist Teil des Spiels. Wer es sich einfach machen will, kann sich einen Schläger auch kaufen.

Polo auch im Winter

Noch ist Sommer, die Temperaturen angenehm und der Boden meistens trocken. Wo kann man im Winter Velopolo spielen? «Ideal wäre eine Tiefgarage», sagt Michael Schläpfer. Es ist mehr als eine Bemerkung, es ist ein Wunsch. Er möchte auch im Winter Polo spielen und sucht nach Lösungen.


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