Tagblatt Online, 09. Januar 2012 01:04:37
Spiel an der Grenze
«So hab ich einen Bruder?» Hanna Binder (Recha) und Julian Sigl (Tempelherr), rechts Boglarka Horvath (Sittah), Marcus Schäfer (Nathan). (Bild: Stefan Beusch)
Theater St. Gallen Tim Kramer lässt «Nathan den Weisen» im Gaza-Streifen spielen: Der aktuelle Rahmen führt das Trümmerfeld vor Augen, auf dem Lessing argumentiert. Stürmischer Applaus in der Premiere am Samstag. Bettina Kugler
Der verblassten Parole auf der Mauer im Hintergrund ist ebenso wenig zu trauen wie den aufgesprühten Friedenstauben, dem Peace-Graffito, der Silhouette eines Mädchens mit Luftballons, das über die Absperrung hinweg ins Licht der Strassenlaternen zu schweben scheint.
«Tretet ein, denn auch hier sind Götter»: Den Satz des Philosophen Heraklit stellt Lessing seinem «Nathan» als Motto voran. Die Gegend freilich, in der in Gottes Namen Sirenen heulen, Soldaten patrouillieren, in der gekämpft und getötet wird, spricht der Behauptung Hohn. Ein Trümmerfeld aus Steinbrocken, staubigen Autoreifen, kaputten Plastikstühlen; Kulissen aus Holzpaletten, eine Überwachungskamera im Hintergrund: Das wirkt viel eher gottverlassen.
Und doch liesse sich kein besserer Ort finden, um Lessings Toleranzpredigt auf dem Theater ins Heute zu holen, ins «Hier» und «Itzt», von dem die Bühnenfiguren immer wieder so bedeutungsvoll sprechen. Mitten im Krisengebiet des Nahen Ostens wird «Nathan der Weise» gespielt, texttreu, wenn auch zuweilen mit Erstaunen und verwirrtem Stirnrunzeln beim Blick ins Textbuch. Ein alter Theatertrick dient Schauspieldirektor Tim Kramer als Vehikel zur Aktualisierung – die sich im Fall des «Nathans» geradezu aufdrängt –, ohne das Stück zu beschädigen.
Kulturelle Intifada
In bester Absicht agiert die zusammengewürfelte Truppe, die wir zu sehen bekommen, direkt vor dem «Sicherheitszaun» im Gaza-Streifen – so wie es der 2011 ermordete Juliano Mer Khamis im palästinensischen Flüchtlingslager Jenins mit seinem «Freedom Theatre» als «kulturelle Intifada» praktizierte. Auf der Bühne des grossen Hauses sehen wir Menschen, die sich «Nathan den Weise» als unmittelbar Betroffene zu eigen machen: keine schlechte Voraussetzung, um mit den darin verhandelten Anliegen neu in Berührung zu kommen. Das Stück selbst demonstriert mit Verve, wie sich Kunst Schlupflöcher gräbt und Grenzen unterläuft: Weder hält sich Lessing an saubere Gattungstrennlinien seiner Zeit, noch lässt er sich von der Zensur einen Maulkorb in Glaubensfragen verpassen. Statt weiter gegen die Rechthaberei des orthodoxen Protestantismus seiner Zeit zu polemisieren, schickt er den Juden Nathan auf die Kanzel, rettet dem reichen Kaufmann und guten Menschen mit einem «Geschichtchen» die Haut. Die Ringparabel, Schulstoff und Magna Charta der religiösen Toleranz, spielt Lessing lässig herunter: «Nicht die Kinder bloss speist man mit Märchen ab.»
In Komödie verpackt
Die Debatte um den rechten Glauben zwischen Christen, Juden und Moslems ist verpackt in eine Familienkomödie mit Irrungen und Wirrungen, eine Soap in «Lindenstrassen»-Manier, die mit Wundern und Zufällen nicht geizt. Das fängt mit Nathans Hausbrand an, der Rettung seiner Pflegetochter Recha durch einen christlichen Tempelritter; es geht weiter damit, dass dieser Krieger in letzter Sekunde vom Sultan begnadigt wurde, mit heftiger Verliebtheit beiderseits und religiösen Hindernissen, die sich bald als grundsätzliche erweisen. Denn wie in der Ringparabel, die Nathan dem Sultan Saladin erzählt, sind die Vertreter der drei Religionen hier tatsächlich miteinander verwandt und verschwistert.
Trümmertheater
Marcus Schäfer als Nathan und Leiter der Gaza-Schauspieltruppe in Personalunion muss zwischendurch einem Grenzsoldaten die amtliche Bewilligung vor das Maschinengewehr halten, ansonsten ist vor allem Improvisationskunst gefragt: Der Darsteller des Patriarchen ist noch nicht eingetroffen; Requisiten, Kostüme und das Mobiliar werden recht spontan nach vorgelesenen Regieanweisungen zusammengeschustert. Sei es ein Tisch aus gestapelten Reifen, der Palmzweig vor dem Haus, der nach Bedarf an wechselndem Standort dekorativ angebracht wird, sei es der Harem Sittahs aus bunter Bettwäsche über einer Leine: Gernot Sommerfeld (Bühne) und Natascha Maraval (Kostüme) zwingen die Schauspieler zu Kreativität und retten den Klassiker so vor der drohenden Feierlichkeitsstarre.
Das könnte in Regie- und Ausstattungsklamauk ausarten, läuft sich aber zum Glück durch den sichtbaren Ernst der lebensbedrohlichen Lage im Gaza drei Stunden lang nicht leer. Besonders auch, weil Marcus Schäfer dem Nathan starke Konturen gibt, der Bürde seiner Rolle in jedem Augenblick mehr als gewachsen ist. Mag er im Businessanzug vermeintlich austauschbar daherkommen, so zeigt er sich doch am verletzlichsten als Vater, als Mensch.
Von Mensch bis Witzfigur
Natürlich leicht geht ihm der Blankvers über die Lippen; nie wirkt das deklamiert – was im übrigen für das gesamte Ensemble gilt. Sei es Hanna Binder als unsentimentale Recha, Oliver Losehard als Saladin, sei es der Tempelherr, den Julian Sigl geradezu hyperaktiv Sturm laufen lässt in Liebes- und Glaubensdingen, oder Diana Dengler als Schicksal spielende Daja: Sie fächern die Skala an Komödientypen weit auf, bis hin zur Witzfigur des Patriarchen, für die ein vergeistigter Professor (Bruno Riedl) in roter Pelerine einspringen muss. Dass er platterdings M. Büchel heissen muss, gehört zu den seltenen Missgriffen abseits des Textes; gleichwohl hat die Szene groteske Grandezza. Heiterkeitsausbrüche, als probten die Handwerker in Shakespeares «Sommernachtstraum» ihr Liebestrauerspiel.
Aufrüttelnd
Ein Nathan wie Marcus Schäfer muss in dieser Gesellschaft einsam bleiben. So erscheint es nur logisch, dass er das Stück am Grenzzaun allein zu Ende bringt, während die Sirenen heulen. Allseitige Umarmungen nicht in Sicht. Ein Schluss, der uns nicht glücklich machen kann. Aber aufrütteln und nachhaltig beschäftigen, über den ausgiebigen Applaus hinaus.
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