Tagblatt Online, 11. Juni 2009 08:31:00
Mit Mut gegen Klischees
Elham Manea (auf ihrem Balkon in Bern) will das Reden über den Islam nicht den Männern überlassen. (Bild: Bild: Annette Boutellier)
Elham Manea kommt aus Jemen, wohnt in Bern und plädiert für einen liberalen Islam – im Alltagsleben und im Buch «Ich will nicht mehr schweigen». Barbara Spycher
An «diese Strasse» kommt Elham Manea immer wieder gerne zurück, wenn sie in Jemen, in Kuwait oder Syrien auf Feldforschung war. Seit 14 Jahren lebt sie an der Altenbergstrasse in Bern, dort steht sie jetzt auf dem Trottoir: eine Frau mit schwarzen, schwer zähmbaren Locken, wachen Augen und offenem Gesicht. Direkt an der Aare liegt die Strasse, mit einer Kinderkrippe und langjährigen Nachbarn, mit denen man einen Schwatz hält und deren Kinder man aufwachsen sieht.
Das ist für die 43jährige jemenitisch-schweizerische Doppelbürgerin eine neue Erfahrung, denn als Tochter einer Ägypterin und eines jemenitischen Diplomaten ist sie in ihrer Kindheit ständig umgezogen. Sie wuchs in Ägypten, Marokko, Deutschland, Kuwait, in Iran, den USA und in Jemen auf. In Washington studierte sie Politikwissenschaften und lernte ihren Mann, einen Schweizer, kennen. 1995 zog sie mit ihm nach Bern, an «diese Strasse».
Gefahr für Jugendliche
«Woher kommen Sie?» Das ist die Frage, die Elham Manea damals von Schweizern zu hören bekommt. Sie wird als Jemenitin, Araberin, Exotin wahrgenommen. Das ändert sich mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001. «Von einem Tag auf den anderen wurde ich zur Muslima», stellt Manea fest. Plötzlich wird sie gefragt, wie sie sich als Muslima verhält. Ob sie Wein trinkt oder vor der Ehe Sex hatte.
Man will von ihr wissen, wie «die Moslems» leben und denken – wohlgemerkt eine Religion, der weltweit 1,2 Milliarden Menschen angehören, die in Indonesien, Bosnien, Nigeria, Ägypten oder Saudi-Arabien leben, mit unterschiedlichsten kulturellen Traditionen. Nach 9/11 nimmt Manea einen neuen Diskurs wahr, das «Wir-gegen-sie», «wir» sind die Europäer, «sie» die Moslems, und dieses «sie» macht Angst. Darüber schreibt Elham Manea in ihrem Buch «Ich will nicht mehr schweigen».
Das Buch beginnt mit den Worten: «Ich bin kein Mensch, der unbedingt auf Konfrontation aus ist. Im Grunde fürchte ich mich davor, im Rampenlicht zu stehen.» Es seien einfache Dinge, die sie glücklich machen, eine Tasse Kaffee und ein gutes Buch oder ein Uno-Spiel mit ihrer neunjährigen Tochter. Man nimmt ihr diese Worte ab, wie sie da in ihrer Schreibkammer unter dem Dach sitzt, nicht darauf bedacht, Eindruck zu machen.
Manea ist Dozentin für «Gender und Politik in arabischen Staaten» an der Uni Zürich und schreibt derzeit an ihrer Habilitation über Frauenrechte in arabischen Staaten. Dennoch wirkt sie bodenständig. Wenn sie lacht, was sie oft und herzhaft tut, dann auch über sich selbst.
Doch mit ihren zahlreichen Publikationen auf Arabisch und ihrem ersten Buch auf Deutsch geht Elham Manea auf Konfrontation. Nach dem 11. September sei Schweigen für sie unmöglich geworden.
Sie will das Reden nicht mehr denjenigen moslemischen Männern überlassen, die einen konservativen Islam vertreten, und hat das «Forum für einen fortschrittlichen Islam» mitgegründet. Sie betrachtet mit Sorge, wie in den letzten Jahren eine Re-Islamisierung stattfindet, hin zu einem Islam, der den Koran dogmatisch auslegt und vom Nahen Osten nach Europa getragen wird.
Sie will insbesondere den moslemischen Jugendlichen in der Schweiz eine Alternative bieten, Jugendlichen, «die verbissen darum kämpfen, irgendwo dazuzugehören, von der Schweizer Gesellschaft aber abgelehnt werden.» Sie befürchtet, dass sie in die Identität als «Moslem» flüchten, je mehr die hiesige Gesellschaft und politische Parteien ihnen dieses Etikett überstülpen – eine Identität, die sie von «den anderen» trennt.
Mutige Kritik
In ihrem Buch plädiert Elham Manea für eine Reform des Islam. Insbesondere fordert sie, den Koran als Erzeugnis seiner Zeit zu lesen, als von Menschen geschrieben. Was für die meisten Christen heute bei der Interpretation der Bibel gängig ist, ist in der islamischen Welt ein Tabu. Für die Publikation ähnlicher Gedanken wurden andere verfolgt oder gar getötet. Ob sie selber Angst hat? «Ich würde lügen, wenn ich das verneinen würde. Aber ich hoffe, dass verstanden wird, dass ich mit Respekt und Liebe schreibe.»
Elham Manea mag nicht länger schweigen, wenn Dogmen vor Menschenrechte gestellt werden. Wenn Religion benutzt wird, um etwa Zwangsehen, die Kopftuchpflicht oder einen Schwimmdispens zu legitimieren. Sie ist vehement dagegen, dass die Schule Mädchen aus religiösen Gründen vom Schulunterricht dispensiert – ganz einfach, «weil damit Mädchen gegenüber Buben diskriminiert werden». Schulen sollen auch Kopftücher verbieten, fordert Manea. Wähle dies eine erwachsene Frau aus freien Stücken, sei das etwas anderes.
Gar keine Lösung von Problemen biete aber die Anti-Minarett-Initiative. «Indem man ein Symbol abschafft, kann man nicht die Anwesenheit einer Gruppe abschaffen.» Stattdessen fordert Manea, genau hinzuschauen, woher das Geld für Moscheen kommt. Das sage viel darüber aus, was die Prediger lehren.
In der Kirche
Auch wenn Elham Manea kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn sie religiös begründete Praktiken kritisiert: Sie brauche ihre Religion. Auch wenn sie es lieber Spiritualität nennt.
Jeden Tag nimmt sie sich Zeit zum Meditieren, im Fastenmonat Ramadan fastet sie, «so gut ich kann». Und manchmal geht sie in eine Kirche. Denn in Moscheen hierzulande dürfen Frauen nicht im gleichen Raum wie Männer beten. Elham Manea aber will nicht in einem «Hinterzimmer» beten. In Ländern wie den USA oder Grossbritannien sei das möglich, weiss Manea. «Es ist der Mensch, der die Religion zu dem macht, was sie ist.»
In ihrem Buch betont Manea: «Nennt mich nicht Muslima.» Wieso nicht, Frau Manea? Sie schweigt einen Moment. «Weil ich mehr bin als das», sagt sie schliesslich. Ihre Identität sei vielschichtiger. Sie sei Humanistin, Araberin, Muslima und Frau. Letzteres sei möglicherweise die entscheidende Linse, durch die sie die Welt sehe.
Zurück im hiesigen Alltag, in ihrer Strasse in Bern. «Cosy» sei es hier, «heimelig», sagt Elham Manea.
Zwar wird sie mit ihrer Familie demnächst in eine grössere Wohnung umziehen – «aber natürlich auch an dieser Strasse», fügt die Weitgereiste lachend an.
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