Tagblatt Online, 26. Juni 2009 01:01:40
Lustspiele
Dildo. Auf einer St. Galler Webseite testen junge Frauen Vibratoren und Dildos. Unverkrampft und mit Humor schreiben sie gegen das Schmuddelimage der Sex-Toys an.
Katja Fischer
Jede dritte Frau zwischen 24 und 35 Jahren und jede zweite ab 55 besitzt einen und benutzt ihn auch gerne. Die Rede ist von Vibratoren und Dildos. Wahlweise in Silikon, Latex, auch mal in Glas oder Keramik. Die Vibratoren mit Batterien und verschiedenen «comfort levels», die Dildos mit «hautähnlicher Oberfläche». Die Auswahl ist erschlagend, in allen Farben und Formen versucht die Industrie die luststeigernden Objekte an die Frau zu bringen.
Verniedlichte Lust
Aber Frauen sind heikel, wie man beim Beate-Uhse-Sexshop weiss. «Die Ästhetik ist bei den Sex-Toys extrem wichtig. Frauen wollen keine naturgetreuen und fleischfarbigen Nachbildungen, sondern verspielte und farbige Spielzeuge», erklärt die Presseverantwortliche. So kann sich Frau heute herzige Raupen, süsse Delphine oder einen Maiskolben aus Silikon in alle möglichen Körperöffnungen schieben.
Andere Damen bevorzugen Designer-Dildos, die sich auch auf dem Kaminsims gut machen. Wie zum Beispiel den «Yva Gold», der 1900 Franken kostet und mit 18 Karat vergoldet ist. Fast zu schön für die Selbstbefriedigung sind auch die Dildos von «Coco de Mer», einer britischen Edel-Erotik-Kette. Sie sind aus Porzellan gefertigt und erinnern mit ihren Blumenmotiven an Omas Sonntagsservice.
Designpreis für Sex-Toy
Das zweifarbige S-förmige geschwungene Modell «Delight», der deutschen Firma Fun Factory hat sogar einen Preis erhalten – Design Awards für Vibratoren, ja auch so etwas gibt es.
Was bei all der Diskussion um Form und Design fast vergessen geht, ist die Funktion – eigentlich der entscheidende Punkt bei Sex-Toys – würde man meinen.
Ist ein blauer Delphin aus Silikon nur lustig oder auch luststeigernd? Nützt ein rotierende Perlenring etwas und was bringen eigentlich Liebeskugeln? Die Hersteller sind hierbei keine guten Berater. «Lustexplosionen», und «noch nie dagewesene Höhepunkte», gehören zu den Standardversprechen.
Maiskolben-Dildo
Die St. Galler Webseite Dildonews.ch verspricht Abhilfe.
Hier werden Sex-Spielzeuge für Frauen getestet wie anderswo die neusten Automodelle: herstellerunabhängig, seriös und ohne irgendwelche Porno-Klischees zu bedienen.
Vier junge Frauen greifen regelmässig in ihre «Schatzkisten» und liefern danach unter Pseudonym Testberichte ab. So schreibt etwa Viktoria, dass der Maiskolben-Dildo mit fünf Zentimeter Durchmesser ziemlich stattlich und nur mit viel Gleitmittel zu gebrauchen sei.
Lorena müht sich erfolglos mit einem Vibrator names Arielle ab: «Sie rotiert und vibriert, sie ruckelt und zuckelt in mir drin und ich suche den Kick – vergeblich.» Tina hingegen ist begeistert von der Meerjungfrau. Sie schwärmt von «rotierenden Perlen, die innerlich stimulieren.» Richtig plaziert, könne man Arielle einfach sich selber überlassen. «Sie erfüllt ihren Job zuverlässig.»
Nur etwas spielen
Die Testberichte sind süffig aber nie schlüpfrig geschrieben. Die Frauen gehen unverkrampft und humorvoll mit den Spielzeugen um. Und sie machen Lust, selbst mit dem Spielen anzufangen. «Genau darum geht es», sagt Tina, eine der vier Testerinnen. Das Thema Selbstbefriedigung werde selbst unter jungen Frauen immer noch stiefmütterlich behandelt. «Über Sex mit Männern reden wir ausführlich, aber kaum eine gibt zu, zu Hause einen Dildo zu haben.
» Dabei sei Selbstbefriedigung doch etwas ganz natürliches. «Nichts wofür man sich schämen müsse», sagt die 26-Jährige.
Weg von der Schmuddelecke
Von der Idee einer Dildo-Testseite war sie leicht zu überzeugen. «Weil es an der Zeit ist, die weiblichen Sex-Spielzeuge aus der Schmuddelecke hervorzuholen.» Und weil dies nur gelinge, wenn Frauen für Frauen schreiben. In einer eigenen und nicht durch Männerphantasien beeinflussten Sprache. «Es macht Spass und ich profitiere ja auch selbst davon», sagt Tina und wird dabei kein bisschen rot.
Ihren richtigen Namen möchte sie trotzdem nicht nennen. Nicht weil sie sich schäme, sondern weil sie keine Lust habe, von ihrem Chef auf Dildos angesprochen zu werden.
Der Mann dahinter
Der Erfinder von Dildo-News ist aber ein Mann. Christian Reichlin hörte eines Mittags, wie sich seine Arbeitskolleginnen darüber ausliessen, dass es keine vernünftige Dildo-Test-Seite gebe. Ein Mann, eine Idee.
Zu Hause setzte sich der Informatiker sofort vor den Computer und stellte eine solche Seite auf die Beine. Als er jedoch seine Arbeitskolleginnen als Testerinnen verpflichten wollte, winkten diese ab. Sie hätten das nicht ernst gemeint.
Testerinnen gesucht
Reichlin machte aber trotzdem ernst. Übers Internet und im Freundeskreis fand er Testerinnen «Es war aber nicht einfach, die Frauen von meiner Idee zu überzeugen.» Gerne hätte er denn auch noch ein paar mehr Testerinnen.
«Ich kann die Frauen ja nicht gut zwingen, alle zwei Wochen, einen neuen Vibrator auszuprobieren.» Er selbst ist damit beschäftigt, bei den Herstellern neue Spielzeuge für die Frauen zu besorgen und die Webseite aktuell zu halten. Verdienen würde an Dildo-News niemand etwas. Auch einen eigenen Online-Shop gibt es nicht. «Der Aufwand dafür wäre zu gross», sagt der 30jährige Reichlin. Zudem wolle man unabhängig bleiben.
Oder wie es Tina sagt: «Wir machen Aufklärungsarbeit, und zwar nicht nur für Frauen, auch Männer sollten wissen, wie man einen Vibrator in der Hand hält und was man damit anstellen kann.»
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