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Tagblatt Online, 11. Oktober 2008 11:31:00

Im Übergang nach Istanbul

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Lesen in der Türkei III: Can Isik mit Kopftuch und Lesestoff auf der Bosporus-Fähre – zu Hause zwischen Europa und Asien. (Bild: Bild: Marcel Angehrn)

Can Isik, der Schweizer mit türkischem Vater pendelt zwischen St. Gallen und Istanbul und liebäugelt nun mit einem Umzug in die Türkei.

Marcel Elsener

Den Türkei-Auftritt in Frankfurt und folglich in den hiesigen Medien wird er nur aus der Entfernung erleben – in Istanbul: Can Isik reist nächste Woche wieder in seine zweite Heimat, bereits zum viertenmal in diesem Jahr, im Gepäck sein Portfolio als Konzepter und visueller Produzent. Bereits arbeitet er regelmässig für zwei Istanbuler Agenturen. Und es sieht ganz danach aus, dass er seinen lang gehegten Auswanderungsplänen einen guten Schritt näher kommt.

Vererbtes Heimweh

Es ist eine lebenslängliche Sehnsucht, die den am heutigen Samstag 39 Jahre alten St. Galler nach Stationen im Welschland, in Sidney, Zürich und wieder in St. Gallen in den Moloch Istanbul treibt. Eigentlich eine eingepflanzte Sehnsucht – das übertragene Heimweh seines 1962 in die Schweiz eingewanderten Vaters Saim Isik, der als Buchbinder bei der «Ostschweiz» arbeitete. «Ich mache nun, wie derzeit viele Migrantenkinder in Europa, sozusagen die rückläufige Bewegung.»

Er sei kein «Vorzeige-Türke», rede nicht mal fliessend Türkisch, wundert er sich über die Anfrage. Der arbeitende Vater hatte keine Zeit, die – ebenfalls arbeitende – Mutter sprach kein Wort Türkisch. «Die meisten merken erst, dass ich Türke bin, wenn sie meinen Namen hören.» Wenn er sich hier zuweilen (und aus Trotz) als Türke bezeichnet, so nennt er sich dort lieber schweizerisch «Jan»: «Ah, super, du interessierst dich für uns», heisse es dann, wogegen er als Can in Istanbul schon auf Unverständnis gestossen sei: «Was, du bist Türke! Dann lern Türkisch! Dein Vater sollte sich schämen…»

Im Ostschweizer Kulturmagazin «Saiten» hat sich Isik – als Migrantensohn im Titelthema «Zorn» vom November 2007 – über sein komplexes Leben zwischen zwei Kulturkreisen geäussert: «Ich bin ein Bastard. In mir verquillt katholisches und sunnitisches Blut zu einem blasphemischen Gebräu. Konfessionslos steht in meinen Pässen – davon habe ich zwei. Gezeugt von einer Eggersrieterin und einem Istanbuler begrüble ich Fluch und Segen multikultureller Lebensart, seit ich glaube denken zu können.»

Hommagen ans Vaterland

Ein «Bastard», oder «Hybrid», wie er anfügt, zwar mit Wohn- und Arbeitsort St. Gallen, aber ein sprichwörtlicher Doppelbürger, der die (englischsprachigen und sehr liberal eingestellten) «Turkish Daily News» täglich ebenso selbstverständlich liest wie das «Tagblatt». Und doch bewegt er sich mit Schlagseite zum Bosporus hin, seit er 25jährig zum erstenmal als Erwachsener die Türkei besuchte und dort ergriffen eine Vertrautheit spürte, die später zur Euphorie wuchs.

Gefühle, die er fortan «in Musik zu packen» suchte, wie er sagt, zuletzt im Rahmen seines Pop-Projekts Mizan auf dem Album «Avrasya» (Eurasien), in Songs wie «Savas», «Father's Land», «Deniz» (eine Hommage an seine beste Istanbuler Freundin) und natürlich in der Stadt-Liebeserklärung «My Istanbul» – Pop auf Augenhöhe der Zeit, aber mit Einflüssen aus osmanischer Klassik oder Sufi-Klängen. Nicht zu vergessen das Türkisch gesungene Traditional des rebellischen alewitischen Dichters Pir Sultan Abdal aus dem 16. Jahrhundert, «Gecti Dost Kervani» (Da geht meine Karawane) – ein Lied, das Isik schon als Kind in der Interpretation des türkischen Popmusikers Baris Manco gesungen hatte. Im Mizan-Logo umfasst ein Halbmond ein Kreuz, und das Cover zeigt einen Fisch, der vermeintlich einen anderen frisst – in Wahrheit ist es eine Befruchtungsszene, für Isik symbolisches Bild für den kulturellen Austausch und eine listige Absage an gängige Vorurteile.

Islamisierung und Kommerz

Die vom Istanbuler Label «Hammer Müzik» vertriebene Platte ist in der Türkei auf unerwartetes Interesse gestossen; TV-Sender, Radios, Zeitungen berichteten darüber, die Verkaufszahlen sind beachtlich, zumal das Album auf vielen Internet-Plattformen als Gratis-Download und auf der Strasse als – gängige – Raubkopie erhältlich ist. Kein Wunder, wurden Mizan auf ein Festival zum diesjährigen Nationalfeiertag (29.10.) eingeladen, doch schlug Izik das Angebot aus, weil man aufgrund des Aufwands lieber eine kleine Konzerttournée plant.

Wichtiger als der bezifferbare Erfolg ist Isik «das aufrichtige Interesse junger Menschen, die Feedbacks über E-Mails, Facebook, MySpace, Foren». Im Land mit Durchschnittsalter 27 sei es «jetzt wichtig, alternative Realitäten aufzuzeigen». Mizan kommen jedenfalls rechtzeitig: Die Rockszene, «vor zwei Jahren noch 97 Prozent türkisch» und von «altbackenen 80er-Hardrock-Imitationen» dominiert, habe sich stark geöffnet und in allen Genres an Qualität gewonnen. Als besten Eindruck laufender spannender Entwicklungen empfiehlt Isik «den Musikfilm über Istanbul schlechthin», Fatih Akins «Crossing the Bridge».

Die wachsende Kreativ- und Untergrundszene der Metropole, die er auch als Besucher der dortigen Kunst-Biennalen erlebte, sieht Isik nicht zuletzt als Reaktion auf zwei beunruhigende Prozesse: zum einen den zunehmenden Einfluss radikaler Islamisten, die den traditionell laizistisch-sufistischen Sonderweg der Türkei in Frage stellen. Sogar bei seinen Verwandten, die in der «Kurdenhochburg» Diyarbakir leben, hat er eine befremdliche «Islamisierung» festgestellt: Mit einem Mal trug die Tante, die ihn jeweils mit spiritualistischen Islam-Büchern eindeckte, ein Kopftuch und begrüsste nicht mehr herzhaft mit Handschlag oder Küssen, sondern distanziert. Und zum andern eine verheerende Kommerzialisierung, die den Graben zwischen Arm und Reich auseinanderdriften lässt und aus der Innenstadt eine überteuerte Shopping- und Erlebniszone gemacht hat. «Ein Bier in einer Bar zu acht Franken, wer soll das bezahlen?»

Pamuk als Wegweiser

Mögliche Antworten auf die Zukunft «seines Istanbuls» findet Isik in den vielen Büchern, die er verschlungen hat – «Atatürks Erben auf dem Weg nach Westen» ebenso wie das «Lexikon der Islam-Irrtümer», Peter Scholl-Latours Essays oder, immer wieder, Orhan Pamuk. Im grandiosen Istanbul-Buch des Nobelpreisträgers («Erinnerungen an eine Stadt») hat er seine winterlichen Impressionen eines trostlosen Istanbuls wiedergefunden – in der Beschreibung des melancholischen Lebensgefühls «Hüzün», dieses «seit hundertfünfzig Jahren auf der Stadt lastende Gefühl fortwährenden Scheiterns» (Pamuk).

Hin und her gerissen wird Can Isik bleiben, wenn er dereinst im Künstlerviertel Cihangir statt im St. Galler Linsebühl wohnen wird. Zum Brückenbauer ist er schon geworden, wenn er im Schweizer Freundeskreis Istanbul-T-Shirts oder Pamuk-Bücher verschenkt und in türkischen Medien den Erfolg seines exotischen Musikmix als Antwort auf den Aufstieg der fremdenfeindlichen Schweizer Partei SVP erklärt. Oder daselbst sich jene «warmherzige, humanistische, Gerechtigkeit suchende Türkei» wünscht, die er liebt – im Gegensatz zum Nationalismus und egoistischen Bürgerstolz, der «von Südostanatolien bis Zypern jedem Kind imprägniert wird».

Schliesslich bliebe er in der Türkei seiner eigenen Karawane verpflichtet, und einer (St. Galler) Herkunft, die er im Interview mit einem türkischen Magazin so skizzierte: «Ich glaube, unsere multikulturelle Lebensart in einem Viertel, in dem viele Fremdarbeiter aus aller Welt lebten, half mir, tolerant und mit offener Wahrnehmung aufzuwachsen.»





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