Helvetia – in West-Virginia

Schweizer Auswanderer in den USA Zehntausende sind im 19. Jahrhundert in die USA ausgewandert. In zahlreichen Siedlungen erinnert nur noch der Name an die Schweizer Vorfahren. Doch in einem kleinen Dorf im US-Bundesstaat West-Virginia wird das Erbe der Väter hochgehalten: Helvetia. Ruedi Studer
03. November 2008, 01:05

«West-Virginia ist kein südlicher und kein nördlicher Staat, sondern hält die goldene Mitte. Hier weiss man nichts von extremer Hitze oder Kälte. Die Sommer sind lang und nicht übermässig heiss, die Winter kurz und mild», schrieb C. E. Lutz im März 1873 an seine Landsleute in der Heimat. Das Gebiet sei zwar hügelig und deshalb nur für Kleinfarmer geeignet, doch dafür sei der Boden ausserordentlich produktiv: «Alle möglichen Cerealien und Knollenfrüchte gedeihen auf hiesigem Boden nach Wunsch, auch Tabak und Wein.»

Der Traum vom besseren Leben

Vier Jahre zuvor war ein halbes Dutzend Schweizer Auswanderer nach West-Virginia gereist, um sich vor Ort ein Bild der Erzählungen eines Schweizer Landvermessers zu machen, der von endlosen Weiten, an Wild reichen Wäldern und klaren, fischreichen Flüssen geschwärmt hatte. Nach ihrer Rückkehr entschloss sich eine Gruppe Schweizer und einiger deutscher Familien zum Zug Richtung Westen. Die neue Gemeinde sollte «Helvetia» heissen.

32 Personen zählte sie Anfang 1871. Im gleichen Jahr zogen weitere Familien in das kleine «Schweizer Dorf», unter ihnen auch C. E. Lutz, dem als lokaler Grundstücksmakler schnell eine tragende Rolle zukam. Er warb denn auch in Deutsch und Englisch in verschiedenen Zeitungen des Landes für sein Dorf.

Existenzkampf und Armut

Manche folgten seinem Ruf: Bis Ende 1874 wuchs die Gemeinde auf 90 Familien mit rund 380 Personen an. Doch wie im ganzen «Mountain State» mussten die Schweizer zwar ohne Hunger, aber mit harter Arbeit und oft in bitterer Armut um ihre Existenz kämpfen. Einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte Helvetia Anfang des 20. Jahrhunderts dank einer nahe gelegenen Chemiefabrik und dem Bau einer Eisenbahnstrecke. Während einer kurzen Boom-Phase stieg die Bevölkerung auf gut 1000 Einwohner – doch der Aufschwung war nur von kurzer Dauer. Trotz des Niedergangs hat sich die Gemeinde bis heute gehalten. Die etwas über hundert Einwohner arbeiten als Farmer, Holzfäller, Kohlenminenarbeiter oder fürs Militär. Auch der Tourismus bringt einen Verdienst.

Das schweizerische Erbe wird von der Dorfgemeinschaft liebevoll gepflegt. Wer nach Helvetia reist, dem fallen als erstes die Schweizer- und Kantonswappen an zahlreichen Gebäuden auf. Im beschaulichen Ortskern zeugen zehn historische Gebäude von der Geschichte des kleinen Ortes. Selbst aus den Pioniertagen sind noch Gebäulichkeiten erhalten, welche der lokale Heimatschutzverein so gut wie möglich instand zu halten versucht.

Mailloux, geborene Fahrner

In einem alten Blockhaus aus der Gründerzeit ist das Dorfmuseum untergebracht, in welchem sich ein reicher Fundus an Utensilien der früheren Auswanderer befindet: alte Tische, Stühle und Truhen, Flaschen und Gläser, Werkzeuge und Bücher, angerostete Musikinstrumente und eine etwas vergilbte Schweizer Fahne.

«Wir wollen erhalten, was wir noch haben», sagt Eleanor Mailloux, welche über das Museum wacht. Die über 80jährige hat rasch ein Register zur Hand, in welchem Namen, Herkunftsort und Immigrationsjahr der Auswandererfamilien fein säuberlich aufgelistet sind. Fahrner heisst sie mit ledigem Namen– ihr Vorfahr Gottlieb Fahrner wanderte Mitte der 1850er Jahre aus dem zürcherischen Birmensdorf nach den USA aus. Die Genealogie ist in Helvetia wichtig: «Jeder ist stolz darauf, Schweizer zu sein», erklärt Mailloux. «Auch wenn hier in jemandem nur wenig Schweizer Blut fliesst: das Schweizer Blut zählt zuerst!»

Seit gut vierzig Jahren führt sie auch das «Hutte Swiss Restaurant». «Grüss Gott, tritt ein, bring Glück herein», steht über dem Eingang. Das Restaurant wartet mit rustikaler Schweizer Kost auf. Jeden Sonntag steht für die Gäste ein reich gedecktes Buffet mit Kartoffeln, Speck, Bohnen und noch mehr parat – eine «Bernerplatte», wie die Speisekarte verspricht. «Unser ganzes Dorf ist in Vereinen organisiert», sagt sie schmunzelnd – in der Volkstanzgruppe, im Jodlerclub, im Alpenrose-Gartenverein, im Heimatschutzverein.

«Burning of Old Man Winter»

Jedes Jahr im Februar wird Fasnacht gefeiert, samt Umzug, Böög-Verbrennen («Burning of Old Man Winter») und Maskenprämierung. Ein Muss für jeden Helvetian ist die 1.-August-Feier, welcher mit Jodel- und Trachtentanzvorführungen sowie Fahnenschwingen begangen wird. Festlicher Höhepunkt ist der «Helvetia Fair» im September, eine eigentliche Dorfchilbi, welche auch Besucher von ausserhalb anlockt. «Wir leben hier stark isoliert und sind deshalb auch noch authentisch», sagt Mailloux.

Nur einen Steinwurf von ihrem Restaurant entfernt befindet sich das Gemeindehaus. An den Wänden rund um das Gebäude finden sich die Wappen der Schweizer Kantone. Im Gemeinschaftsraum finden die alljährlichen Feste und Vereinstreffen statt. Die Wände sind mit alten Schwarzweissfotos und einigen neueren Farbbildern geschmückt.

Ein Duo in der Sennenkutte sticht besonders hervor: Norman und Vernon Burky. Sie gehören zu den letzten, welche noch ein wenig Schweizerdeutsch sprechen. Ihre Tochter Sandy betreibt die Herberge «Grandpa John's Inn». Die lebhafte 47jährige empfängt ihre Besucher mit offenen Armen – dies umso mehr, wenn sie aus der Schweiz kommen. «Ich fühle mich hier nicht als Amerikanerin, in der Schweiz aber auch nicht als Schweizerin», sagt sie. Als 17jährige war sie aus Helvetia weggezogen, nach Kalifornien. Doch nach den Terroranschlägen 2001 besann sie sich ihrer Wurzeln.

Junge Bierbrauer

Seither engagiert sich Sandy Burky für das Schweizer Erbe – unter anderem als Trachtenfrau und Jodlerin. Ihre Liebe zur «alten Heimat» drückt sie auch auf ihrem Auto aus, auf dessen Nummernschild in grossen Lettern «Chalet» steht. Das prachtvolle Gasthaus gehört ihrer Freundin Thrayron Morgan, eine geborene Betler, welche gleich gegenüber wohnt. Die Vorfahren der beiden Frauen stammen aus dem bernischen Saanen. «Wir Schweizer hängen an unserer Geschichte und lehren diese von Generation zu Generation», sagt Thrayron Morgan bestimmt. Und dies offenbar mit Erfolg: Ihr Sohn Shane und dessen Freund Ben Daetwyler üben sich jedenfalls in der Kunst des Bierbrauens. Der Name ihrer Eigenmarke: «Helvetia Swiss Lager».


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