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Tagblatt Online, 21. Mai 2010 01:02:00

Gehen lassen

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Ein Herz lebt weiter: Grabstätte der verstorbenen Tochter von Franca Mettler. (Bild: Bild: Reto Martin)

Suizid Jedes Jahr werden zahlreiche Menschen beim Versuch, sich das Leben zu nehmen, gerettet. Aber kann hier wirklich von Rettung gesprochen werden? Eine Ostschweizerin, deren Tochter dieses Schicksal erlitt, meldet Zweifel an. Ein Gespräch über die Endlichkeit des Lebens und den freien Willen des Menschen. Beda Hanimann

Der Filmhinweis «Ich bin noch da» in der Zeitung hat Franca Mettler* betroffen gemacht. Es ging um einen Dokumentarfilm über einen jungen Mann, der sich in einer Winternacht aufs Bahngeleise gelegt hatte. Er konnte gerettet werden, schwer verletzt überlebte er den Selbsttötungsversuch. Der Film «Sonntag der 13.» zeigt seinen Weg zurück ins Leben.

Gerettet: Der Geste des Aufatmens, des Jubels gar, der in diesem Begriff liegt, möchte Franca Mettler eine andere Sichtweise entgegenstellen. Warum soll nach einem gescheiterten Suizidversuch alles in Ordnung sein? Einen Menschen, der aus dem Leben scheiden wolle, dürfe man gehen lassen, findet sie. «Der allgemeine Tenor <Juhui, ich lebe doch noch!> widerstrebt mir.» Die Not eines Suizidwilligen nicht anzuerkennen und ihm den freien Willen als höchstes Gut des Menschen abzusprechen, könne seine Not, das Elend und die Verzweiflung nur noch grösser machen.

Versöhnlicher Abschied

Franca Mettler weiss, wovon sie spricht. Im vergangenen Januar ist ihre Tochter, noch nicht einmal zwanzigjährig, an einer Überdosis Tabletten gestorben. Ihre Asche haben die Angehörigen neben dem Haus beigesetzt, ein natürliches Grabmal: Eine neu gepflanzte Buche trägt erste Blätter, daran hängt eine Halskette, ein Herz, ein Glöckchen. Am Boden eine Kerze, eine Engelsfigur.

Die Mutter bleibt in einiger Distanz stehen, sagt dann: «Es war ein versöhnlicher Abschied.» So stand es auch in der Todesanzeige: «In tiefer Trauer und Erleichterung, dass du diesen Weg gegangen bist – dankbar, dass du nach Hause gekommen bist, um heim zu gehen.» Am Abend vor ihrem Tod hatte die Tochter ihre Mutter angerufen und gesagt: «Mama, es tut mir leid. Holt mich heim – ich will nach Hause.»

Tief getroffen

Ein traumatisches Erlebnis im Teenageralter und nachfolgende schwere Depressionen hatten ihre Tochter schon früher an den Rand des Todes gebracht. Eines Tages blieb sie verschwunden, nach zwei Tagen fand man sie in der Nähe des Elternhauses, der Körper auf 23 Grad abgekühlt. Die Gefahr bleibender Hirnschäden war gross. «Schwer behindert zu sein, das wäre auch nicht ihr Wunsch gewesen», sagt Franca Mettler.

So baten die Eltern die Ärzte im Spital, ihre Tochter sterben zu lassen. «Sie sagten zu uns: <Es gibt nur wenige Eltern, die ihre Kinder nicht lieben.>» Ihre Emotionen sind zum Greifen, wie sie das erzählt. «Dieses Unverständnis, dass wir bereit waren, unser Kind gehen zu lassen, das war eine harte Erfahrung», sagt sie. Diese Ignoranz gegenüber anders Denkenden hat Franca Mettler tief getroffen und angeregt, über vieles nachzudenken, was das Ende unseres irdischen Daseins betrifft.

Fünf Wochen im Koma

Nach dem Suizidversuch liegt die Tochter fünf Wochen im Koma. Sie wird intubiert, an die Dialyse angeschlossen, bekommt Blutkonserven, es gibt Komplikationen mit der Lunge, die sich verkrampft und nicht mehr ausdehnen kann. Der Bauch der jungen Frau wird zur Entlastung der Lunge aufgeschnitten. «Laut den Ärzten war sie in dieser Phase mehrmals tot, aber immer wieder wurde sie reanimiert», sagt die Mutter.

Eines Tages schreit sie ihre Tochter an: «Entscheide dich zu leben oder zu sterben, aber entscheide dich.» Von da an sei sie innerlich ruhiger gewesen und bereit anzunehmen, was ist und wird.

Es folgen weitere Wochen in Spitalpflege, dann die Reha, wo die Tochter täglich Non-Suizid-Versprechen abgeben sollte – und dies irgendwann verweigert. Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik, Medikamente gegen Depression etc.

Die befürchteten Hirnschäden bleiben aus, aber die Tochter hat Ausfälle, kennt beispielsweise ihre Grossmutter nicht mehr. Sie muss wieder lernen zu essen, zu sitzen, zu gehen.

«Sie hat wacker an sich gearbeitet in dieser Zeit und zu mir gesagt: <Gut, dass ich noch lebe>», erinnert sich die Mutter. Sie spürt etwas anderes. Und bekommt recht. «Als die beste Freundin meiner Tochter an einem Hirnschlag starb, ist es ausgebrochen.

Sie wurde wütend, brach in sich zusammen und schrie verzweifelt <Warum hat man mich nicht sterben lassen?>» Eine Zukunft, ein Leben in ihrem geschundenen Körper, mit Narben, zitternden Gliedern, Kopfschmerzen, Depressionen kann sie sich nicht mehr vorstellen. «Es war grauenhaft schmerzlich zuzuschauen, wie sie von Medikamenten gesteuert wurde, wie sie sich selber, das Leben hasste und verzweifelte», erinnert sich die Mutter.

Die Tochter kommt später in eine Wohngruppe. Da will sie aber schnell wieder raus, sie schafft sich einen Hund an, das Tier tut ihr gut. Sie sucht eine eigene Wohnung, was die Eltern unterstützen. Alle paar Wochen kommt sie für einige Tage zu den Eltern, um sich aufzufangen. «Für uns war es normal, dass sie anruft und nach Hause will.» In dieser Zeit kommt es zu einem wichtigen Gespräch, bei dem die Tochter ihre Mutter fragt: «Was würdet ihr machen, wenn ich…? Bringt ihr mich in eine Klinik?»

Die Mutter antwortet: «Auch ein sogenannt kranker Mensch hat die Verantwortung für sein eigenes Leben. Wir bringen dich nirgendwohin.» Beide hätten sie gewusst, wovon sie sprachen, erinnert sich Franca Mettler.

Monatelang geplant

So holen die Eltern ihre Tochter an diesem Januarabend nach Hause. «Wir konnten nicht abschätzen, wohin es gehen würde, aber wir waren bereit, jeden Weg anzunehmen.

In der Überzeugung, dass wir alle in Licht und Liebe aufgehoben sind und niemand in diesem Kosmos verloren geht, hatten wir die Kraft und den Mut, sie nach Hause zu nehmen.» Später zeigt sich: Die Tochter hat ihren Suizid monatelang geplant. Sie hat sogar darauf geachtet, dass kein Familiengeburtstag in die Nähe ihres Todes fiel. «Sie hat bewusst Bilanz gezogen und Abschied von uns, ihrem Leben und ihrem Körper genommen», sagt die Mutter.

Sie sei sich bewusst, dass sich das fremd anhöre, aber der Tod ihrer Tochter im Kreis der Familie sei in ihrem Leben «einer der schmerzhaftesten und traurigsten, aber auch einer der glücklichsten Momente» gewesen. Schmerzhafte Trauer, dass ihr Kind tot war – Glück, dass sie ihren ersehnten Frieden gefunden hatte. Das gegenseitige Vertrauen habe ermöglicht, dass ihre Tochter nach Hause kam und der Abschied so versöhnlich sein konnte.

Des Menschen freier Wille

Das gibt Franca Mettler die Kraft, darüber laut nachzudenken. Es ist eine Fülle von Gedanken. Halb Fragen, halb Feststellungen. «Wenn wir das Leid und den Schmerz und den freien Willen dieser Menschen ignorieren und dafür einen allmächtigen Gott herbeiziehen – der niemals einen Selbstmord rechtfertigt – sind wir herzlos und weit davon entfernt, Barmherzigkeit, Mitgefühl und Würde zu leben.

Wenn verschiedene Kreise verhindern wollen, dass Freitodbegleitung in der Schweiz zugelassen bleibt, an ein Leben nach dem Tod glauben – warum müssen sie dann diesen so bekämpfen? Wenn der Mensch wirklich einen freien Willen hat, warum sollte er dann bestraft werden, wenn er davon Gebrauch macht?» Auf diese Weise verkomme der freie Wille zu einer Farce, findet Franca Mettler.

Respekt und Toleranz

«Es ist tragisch, dass Menschen, die gehen wollen, auf harte Fronten und Unverständnis treffen», sagt sie. «Auf Gesetzesebene zu verbieten, jemanden auf seinem Weg aus dem Leben zu begleiten, ist ein massiver Eingriff in die Freiheit und Würde jedes Einzelnen.» In Anbetracht dessen, dass die höchste Form der Liebe nicht ohne die Freiheit auskomme, könne es nicht sein, dass wir in einem der wichtigsten Momente des Lebens daran gehindert würden selbst zu entscheiden, ob wir von den medizinischen Errungenschaften Gebrauch machen wollen oder nicht.

Man spürt: Solche Gedanken hat Franca Mettler immer und immer wieder gewälzt. «Was ist daran ethisch, Menschen gegen ihren Willen am Leben zu erhalten und damit viel Geld zu verdienen? Warum sollte man Menschen nicht liebevoll in den Tod begleiten, wenn diese in Freiheit entscheiden, dass ihr Leiden für sie unerträglich geworden ist?» Diese Haltung zeuge von Respekt, Toleranz und Empathie gegenüber anders Fühlenden und Denkenden, schliesse die Anmassung aus, dass nur die eine Wahrheit für alle allein gültig zu sein habe.

Auf der Basis, dass jeder Mensch die Verantwortung für seine Taten auf der Erde selber trage, gebe es gegen Freitodbegleitung nichts einzuwenden, ist Franca Mettler überzeugt.

Die Endlichkeit verdrängen

Hinter dem Versuch, Suizidwillige an ihrem Entschluss zu hindern, vermutet sie Verdrängung, «weil wir selbst nicht an unsere Endlichkeit erinnert werden wollen».

Im Unverständnis, dass nicht alle Menschen ihr Leben um jeden Preis weiter leben wollen, sieht sie auch die Tragik, dass diese Menschen dadurch möglicherweise gezwungen werden, einsam und allein eine Tötungsart zu wählen, die oftmals äusserst brutal für sie selbst und die Hinterbliebenen ist.

Und sie erzählt von der Begegnung mit einer 104jährigen Frau, die ihr verzweifelt und weinend gesagt habe, sie habe das Gefühl, der Herrgott habe sie vergessen.

«Immer dableiben zu müssen, das wäre wahnsinnig, das könnten wir mit unserem Geist gar nicht erfassen», sagt sie. «Es ist ein Segen, dass wir sterben dürfen.» Und niemand habe das Recht darüber zu urteilen, wann und wie es für einen Mitmenschen richtig sei zu sterben.

Bei der Abdankung für ihre Tochter wurde Franca Mettler darin bestätigt.

Da seien Menschen auf sie zugekommen, auch ältere und religiös Denkende, und hätten gesagt: «Wir sind sprachlos aus der Kirche gegangen, wir wussten nicht, dass ein so trauriger Anlass etwas so Schönes, Friedliches sein kann.» Für sie waren diese Aussagen, bei aller Tragik und nach all den Erfahrungen der Jahre davor, ein Lichtblick.





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