Tagblatt Online, 29. September 2008 01:05:35
Gegenpredigten
«Zwischen Europa und Islam»: Abdelwahab Meddebs scharfsinnige Aufsätze für einen aufgeklärten Islam
Unter den Moslems nehmen die kritischen Stimmen gegen den rigiden Konservativismus zu. Einer der Wortführer ist der in Paris lebende Tunesier Abdelwahab Meddeb. Er hat in «Zwischen Europa und Islam» 115 Gegenpredigten geschrieben.
Florian Vetsch
Abdelwahab Meddeb bezeichnet sich als «Kosmopolit mit islamischen Wurzeln». Bereits in seiner Studie «Die Krankheit des Islam» (Wunderhorn, Heidelberg 2002) nannte er den reaktionären Extremismus ein Krebsgeschwür dieser Weltreligion. Ihr zugrunde liege ein tiefer Gedächtnisverlust und die Hypostasierung eines historisch unhaltbaren menschenunfreundlichen Archaismus. Mit «Zwischen Europa und Islam» legt Meddeb nun eine Sammlung von 115 kurzen Essays vor, die seinen Ansatz in vielerlei Zusammenhängen ausführen.
Schatzsucher der Geschichte
Die Texte gehen auf Rundfunksendungen zurück, die zwischen März 2003 und Januar 2006 von Médi I, einem arabisch-französischen Sender in Marokko, ausgestrahlt wurden. Die 115 Gegenpredigten sind Un- bzw. Anti- Predigten im Sinne von kenntnisreichen Aufdeckungen der sanften Sinnlichkeit und toleranten Offenheit des ursprünglichen Islam oder aber von scharfsichtiger Fundamentalismus-Kritik mit grosser Schlagkraft.
Meddebs Überlegungen stützen sich auf eine schriftsinngewandte Lektüre des Korans und der Hadithe, der Erzählungen um den Propheten Mohammed, anderseits docken sie an die andalusische Epoche – das goldene Zeitalter des Islam – an und bringen sie zum Leuchten: die Epoche des lebendigen Austauschs mit dem Fremden, der Meinungs-, Ritual- und Glaubensfreiheit. Doch darf nicht unerwähnt bleiben, dass Meddeb selbst in Epiphanien dem Göttlichen nachspürt. Oft im ganz Alltäglichen stösst er auf die Spur des Schöpfers und verteidigt seine Erfahrung gegen die unsinnliche Enge der Rigoristen.
Abdelwahab Meddeb (geb. 1946), Sohn einer alten Schriftgelehrtenfamilie aus Tunis, überzeugt durch seine detailreiche Kenntnis der islamischen Geschichte, aus der er Trouvaillen ans Licht befördert. Zum Beispiel diese: «Der zweite Kalif Umar erfährt, dass ein Jude seinen Besitz verloren hat, indem man sein Haus zerstörte, um an der Stelle eine Moschee zu bauen. Der Kalif befiehlt die Zerstörung der Moschee und die Wiedereinsetzung des Juden in seine Rechte als Eigentümer. Bis zum 20. Jahrhundert wurde Besuchern von Basra dieses <Haus des Juden> gezeigt.»
Typisch an dem Beispiel ist, dass Meddeb die Abweichung von der dogmatischen Regel favorisiert. Er liebt die «geistigen Ausbrüche und Einfälle». Die Ketzer, könnte man auch sagen. Produktive Ketzer wie Ibn Arabi und Baruch de Spinoza.
Von Ibn Arabi zu Spinoza
Die Aktualität von Ibn Arabi, dem andalusischen Mystiker des 13. Jahrhunderts, unterstreicht Meddeb in der Auslegung von den berühmten Versen aus dem «Tarjumân al-Ashwâq»: «Mein Herz kann jede Gestalt annehmen / Es ist Gazellenwiese Kloster für Mönche / Tempel der Götzendiener Kaaba des Pilgers / Tafeln der Tora Kodex des Koran / Meine Religion ist die Liebe / Die Liebe ist meine Religion und mein Glauben.»
Und die Aktualität des niederländischen Philosophen zieht Meddeb aus dessen Position am Ende des verheerenden Religionskrieges im 17. Jahrhundert. Spinoza, der Vater des neuzeitlichen Pantheismus, hatte in seinem «Tractatus theologico-politicus» zum Ethos der «minimalen Übereinstimmung» zwischen den verschiedenen Glaubensrichtungen aufgerufen, einer menschlichen Konkordanz. Ihr schliesst sich Abdelwahab Meddeb an, um von ihr aus das Kühnste zu denken. Sein Buch sollte für alle, die sich mit dem Islam auseinandersetzen, zur Pflichtlektüre werden.
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