Tagblatt Online, 27. Juli 2009 01:03:50
Freibier, bis Fass leer
Ohne Spritzen geht's nicht: Hansueli Alder sticht das Hofchilbi-Fass an. (Bild: Bild: mhu)
Das gibt es nur in Wil: Eine Brauerei verschenkt jedes Jahr mehr als tausend Liter Bier. Doch die Sache hat einen Haken beziehungsweise einen Humpen.
Michael Hug
Vier- bis fünftausend Menschen zog der Anlass am Samstag auch dieses Jahr an. Das ist ein Drittel der Bevölkerung des Städtchens Wil. Kein Wunder, denn die Hofchilbi kostet (fast) nichts, zumindest der Eintritt ist gratis und das Bier auch. Doch: Nach exakt 1125 Litern wird abgewinkt. Wer dann noch Bier verträgt, muss zahlen. Das Fest auf dem Hofplatz mitten in der Altstadt, je nach Wetter, dauert dann noch weit in die Nacht hinein. Das hat Tradition, seit 1972 schon, aber eigentlich noch viel länger.
So steht's geschrieben
Denn so steht's geschrieben: Am 6. August 754 verschenkte der freie Bauer Rotbald seine Güter an das Kloster St. Gallen. Der schlaue Rotbald liess sich die Schenkung einträglich verzinsen. Als Lehenzins wurde vereinbart, dass nebst verschiedenen Naturalien wie Getreide und Schweine auch alljährlich 30 Eimer Bier abzuliefern sind. Wie lange der Zinsendienst erhalten blieb, weiss man nicht.
1972 aber, als man die schon im Mittelalter beliebte Hofchilbi wieder aufleben liess, erinnerte sich die damalige Wiler Hofbräu des alten Brauchs und spendierte von da an der Wiler Bevölkerung besagte 30 Eimer Bier.
30 Eimer sind 1125 Liter. Das sollte auch für die Brauerei Hürlimann bei der Übernahme der Hofbräu Geltung behalten, dann für Feldschlösschen, die ihrerseits die Zürcher Brauerei schluckte – und die 30 Eimer gelten bis heute für Carlsberg.
Das verschenkte Bier fliesst nun jedes Jahr im Juli aus Rheinfelden nach Wil beziehungsweise wird von den Wallachen Apollo, Ares, Carlo, Diego, Fredy, Quinto, der Stute Pouliche und drei Fuhrmännern in die Ostschweiz gebracht. Wo etwas Wichtiges inszeniert wird, gehört eine möglichst prominente Person dazu. Renzo Blumenthal hatte schon die Ehre, Melanie Oesch, Hausi Leutenegger und diverse Schweizer Missen.
Ihn wundert nichts mehr
Die Promis also sollen das Fass anstechen. Unter kundiger Anleitung des Fuhrmanns Peter Nussbaumer pflocken sie – diesmal war es Hansueli Alder von der Streichmusik Alder – den Hahnen ins Fass, natürlich echt showmässig mit mehr oder weniger Gespritze. Und Gedränge. Denn schon stehen die Bierwilligen da mit ihren Humpen, bereit, den Becher unter den Hahnen zu halten, um möglichst viel köstlich-kostenloses Bier und wenig Schaum abzukriegen. Zuweilen gibt's dann böse Worte, Ellbogen in die Seite oder sonstige Unnettigkeiten.
Peter Nussbaumer und seine beiden Kutscherkollegen wundern sich schon lange nicht mehr: «Wir machen an die 120 Einsätze pro Jahr, da sieht man einiges!» Klar, Freibier gibt's dabei nicht immer, die schön hergerichteten Fässer auf dem Fuhrwerk werden meist als leere Show herumgefahren. Doch imposant ist der sechzehn Meter lange Sechsspänner mit seinen je fast eine Tonne schweren belgischen Bierkutschepferden schon, wenn er in der Wiler Altstadt auffährt. Und wenn der Wagen hält, zieht er vorne die Pferde- und hinten die Biernarren an.
Hahnen rein und angezapft ist, es gibt Gratisbier, bis das Fass zur Neige geht. Nur einen kleinen Haken hat die Sache: Freibier gibt's nur in den echten Wiler Hofchilbihumpen. Der kostete heuer 14 Franken.
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