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Tagblatt Online, 11. Dezember 2010 01:04:19

Eine Nacht bei den Inkas

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Weltwunder: Machu Picchu ist der schönste aller Berge Südamerikas. (Bild: Bild: ja.)

Reisen und helfen Mit einem neuen Konzept versuchen Reisebüros junge Kundschaft anzulocken. Ein Augenschein in den peruanischen Anden zeigt, dass das funktionieren kann. Wer das authentische Erlebnis fernab der Zivilisation sucht, ist in Ccaccaccollo genau am richtigen Ort. Jürg Ackermann

Dreissig Schafe haben sie geschlachtet – und Dutzende von Meerschweinchen dazu. Über 500 Gäste sind gekommen. Es war ein Fest, wie es nicht oft vorkommt in Ccaccaccollo. Higidia Mayta Cruz erzählt beim Frühstück voller Stolz von der Hochzeit ihrer Tochter Rute, die ein paar Wochen vor unserer Ankunft stattfand. Wie die meisten im Dorf ist Rute sehr jung unter die Haube gekommen. Stolz ist Higidia auch auf ihren Schwiegersohn. Der ist Koch auf dem Inca-Trail.

Er bewirtet Touristen, die sich zu Fuss auf den schönsten aller Berge Südamerikas machen: den Machu Picchu.

Lamas und Hühner

Es war eine ungewöhnliche Nacht bei der Familie Mayta Cruz, fast 3000 Meter über Meer, in den peruanischen Anden. Das Zimmer spartanisch, aber liebevoll eingerichtet, das Plumpsklo hinter dem Schafstall, zum «Duschen» am Morgen ein Kessel mit heissem Wasser.

Die Zivilisation ist hier erst in Ansätzen angekommen: Higidia kocht noch auf dem mit Holz befeuerten Steinherd, das Fleisch der selbstgeschlachteten Tiere konserviert sie nicht im Kühlschrank, sondern in einer speziellen Salzlösung.

Zwar telefonieren einzelne Bewohner Ccaccaccollos mit Handys, die Bauern aber pflügen ihre kleinen Äcker mit Stieren. Maschinen gibt es so gut wie keine und Strom erst seit zehn Jahren.

Wer durch die Strassen des 700-Seelen-Dorfes schlendert, muss nicht Autos, sondern Lamas und Hühnern ausweichen. Die meisten Familien besitzen nicht viel mehr als zwei Kühe, ein paar Hühner, Meerschweinchen und ihren Gemüsegarten, wo vor allem Mais wächst.

Eine Küche mit Überraschungen

«Früher haben wir dort oben gewohnt», sagt Higidia Mayta Cruz. Sie zeigt auf den Berg oberhalb des Dorfes.

Es ist eine stille, eine karge Landschaft, die auch die Menschen, die hier leben, mit einer gewissen Mystik umhüllt. «Wir wohnten zerstreut und hatten nicht so viel Kontakt untereinander», erzählt Higidia. Vor zehn Jahren sind einige Familien wie die Mayta Cruz ins Dorfzentrum übersiedelt, wo sie selber ein einfaches, aber solides Haus bauten. Dort ist nun auch das Gästezimmer untergebracht.

«Dass zu uns einmal Fremde kommen würden, hätte ich nicht gedacht. Wo kommen Sie her? Aus der Schweiz. Ui, das muss weit weg sein.» Dann zeigt sie ihre selbergewobenen Sachen: Schal, Socken, Tücher und Inka-Kappen mit dem trendigen Ohren-Schutz, die auch in Europa immer öfter zu sehen sind. Higidia Mayta Cruz gehört zu einer Produktionsgemeinschaft von 60 Weberinnen im Dorf, welche die Wolle der Alpacas verarbeiten.

Wenn Touristen auf dem Weg zum Machu Picchu hier einen Zwischenstop machen, bieten die Frauen ihre Waren feil – und verdienen damit ihr eigenes Geld.

Manchmal übernachten die Gäste auch ein paar Tage, helfen bei den Feldarbeiten mit und werden dafür üppig bekocht: Alpaca-Steak, Maisschnitten, Lamm, Kartoffeln in allen Variationen.

Die peruanische Küche ist voller positiver Überraschungen, auch wenn das gebratene Meerschweinchen für europäische Geschmacksnerven gewöhnungsbedürftig ist.

Ein besseres Leben ermöglichen

In dem Dorf, das zuvor weitgehend vom Tauschhandel lebte, sind die Einnahmen aus dem Tourismus hochwillkommen. Die Familie Mayta Cruz konnte sich bis vor kurzem keinen Arzt und schon gar keine Spitalbehandlung leisten. Das zusätzliche Geld ermöglichte auch den Bau eines neuen Daches aus Ziegelsteinen statt Stroh.

Ohne den Zustupf aus dem Tourismus könnte Higidias jüngster Sohn Victor nicht die Mittelschule im 50 Kilometer entfernten Cusco besuchen. Zum Studieren wird das Geld aber kaum reichen. «Wenn ich 18 bin, werde ich wahrscheinlich im Dorf bleiben und meinen Eltern helfen», sagt Victor.

Hinter die Kulissen blicken

«Zu viele Einnahmen würden das Gleichgewicht auch innerhalb des Dorfes stören», sagt Kelly Galaski von Planeterra, einer Nonprofitorganisation,

die für STA Travel die sozialen Projekte auswählt, welche ins Reiseprogramm aufgenommen werden. Die Kanadierin ist die Kontaktperson zu den Weberinnen von Ccaccaccollo. «Wir versuchen den Menschen hier eine langfristige Perspektive zu geben, indem wir ihnen garantieren, dass mindestens einmal im Monat Touristen vorbeikommen, Waren abkaufen und vielleicht sogar übernachten.» Der Gegenwert für die Touristen ist kaum in Geld zu messen.

Nachhaltig reisen, nicht nur konsumieren, die Wirklichkeit hinter den schönen Stränden und Städten erleben. Das verspricht STA Travel seinen meist jungen Kunden – und löst es in Ccaccaccollo auch ein.

40 Prozent leben in Armut

Etwas anders sieht die Welt im rund 100 Kilometer entfernten Aguas Calientes aus. Phasenweise atemberaubend ist die Reise mit Bus und Zug durch das heilige Tal der Inkas. Umso ernüchternder dann aber die Ankunft in der hässlichen Retortenstadt am Fusse des Machu Picchu.

Der neoliberale Glaube, die Wirtschaft müsse einfach genügend wachsen, damit alle profitieren, erhält in Aguas Calientes scharfe Kratzer. Viele Hotels, Restaurants und Reisebüros gehören hier wie in der Touristenstadt Cusco Europäern, Amerikanern oder Chilenen. Die Peruaner erhalten zwar (sehr bescheiden) bezahlte Jobs, die Gewinne aber schöpfen andere ab.

Weil jeder Tourist, der nach Peru kommt, auf den Machu Picchu will, sind die Preise für Einheimische astronomisch hoch. 40 Prozent der 30 Millionen Peruaner aber leben noch immer in Armut.

Eine magische Welt

Diese Gedanken sind vergessen, als es nach einer Nacht in Aguas Calientes am nächsten Morgen endlich auf den Machu Picchu geht.

Der Anblick ist umwerfend: Es gibt wahrscheinlich wenige Orte auf der Welt, die eine solche Magie ausstrahlen und dem Besucher ein derart starkes Gefühl geben, eingebettet zu sein in Natur und Kosmos. Mitten im Urwald dieser Bergrücken, auf dem die Inkas vor bald 600 Jahren ein Dorf für 1000 Einwohner bauten, das sie dann aber 1552 auf der Flucht vor den Spaniern Hals über Kopf verliessen.

Die Kultur der Inkas wurde durch die europäischen Eindringlinge zerstört. Ein kleiner Überrest ist aber an vielen Orten in den Anden noch immer spürbar, auch zwei Tage zuvor in Ccaccaccollo. Wenn in der Lautlosigkeit der Nacht ein Schaf blökt oder ein Lama brummt, dann scheint die Welt tatsächlich für ein paar Momente stillzustehen.

Die Reise wurde von STA Travel unterstützt.




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