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Tagblatt Online, 11. September 2008 01:00:22

Eine Haltung als konkrete Kunst

Max-Bill-Dokumentarfilm im St. Galler Kinok: «Bill – das absolute Augenmass» von Erich Schmid

Zoom

Unbestechlicher Blick: Max Bill im Jahr 1947 bei der Installation der Skulptur «kontinuität». (Bild: Bild: Ernst Scheidegger/Ariadnefilm)

Er war Bildhauer, Maler, Gestalter, Hochschullehrer und Politiker und eine der bedeutenden Schweizer Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Erich Schmid versucht dem Menschen und Künstler Max Bill mit seinem Porträtfilm gerecht zu werden.

andreas Stock

Im Dezember hätte Max Bill seinen 100. Geburtstag feiern können. Mehrere Publikationen werden aus diesem Anlass erscheinen, die das vielfältige und bedeutende Schaffen des Malers, Gestalters, Bildhauers und Architekten zu würdigen und einzuordnen versuchen. Für seinen Dokumentarfilm hat sich der Filmemacher Erich Schmid einen etwas anderen, eigenständigen Blickwinkel gesucht. Er hatte weniger einen Film über das Werk als vielmehr über die Person und die Persönlichkeit im Sinn: «Ich möchte den unbekannteren Bill, den Menschen hinter dem Werk zum Vorschein bringen», sagte Schmid anlässlich der Filmpremiere am diesjährigen Filmfestival Locarno.

Grosse Nähe

Dieser persönlichere Zugang zu Bill war naheliegend, obwohl der Filmemacher den Künstler nicht persönlich kennenlernte: Aber seit zehn Jahren ist Erich Schmid mit Angela Thomas verheiratet und lebt im Bill-Haus in Zumikon. Die Kunsthistorikerin Angela Thomas war Bills Ehefrau und zwanzig Jahre mit dem Künstler zusammen. Wenn also jemand einen Film über den Menschen und unbekannten Max Bill drehen konnte, dann wohl dieses Paar. Die Neugierde und die ausgiebigen Recherchen des Filmemachers, der sagt, er habe über 185 Stunden Film- und Tonmaterial verfügt, und die Kunstkennerin, die mit Bills Schaffen ebenso vertraut ist wie sie es mit seinem Privatleben war – sie liefern dem Zuschauer in gut 90 Minuten eine Fülle an Informationen und Anekdoten. Und so finden sich im Film erstmals Fakten und Zeitzeugen versammelt, die beispielsweise das antifaschistische Engagement von Max Bill ausführen oder seine politischen Aktivitäten gegen den Vietnamkrieg oder die Atomenergie aufzeigen.

Vieles hätte man sich dennoch ausführlicher oder etwas vertiefter gewünscht. Beispielsweise die erwähnten aber nicht weiter vertieften Differenzen mit dem bürgerlichen Zürich oder eine Bilanz seiner politischen Tätigkeit als Parteiloser im Schweizer Nationalrat während vier Jahren.

Kleine Distanz

Das Anekdotische und der persönliche Zugang hinterlässt im FIlm jedoch auch Tücken und Fallen. Wohl bemühen sich Erich Schmid und Angela Thomas bis auf eine unnötige Szene spürbar um einen sachlichen Ton. Dennoch ist «Bill – das absolute Augenmass» ein filmisches Denkmal für diesen bedeutenden Schweizer Künstler geworden; ein Denkmal auf einem hohen Sockel, das allzu glatt glänzt und keine Kratzer zeigt. Kritiker oder kritische Stimmen, die ja auch eine veränderte Einschätzung oder Neubewertung des Werks von Bill ermöglichen würden, fehlen im Porträt gänzlich. Dafür gibt es jene bereits erwähnte, unnötige Szene, in der Schmid mit der Witwe zum Flughafen Berlin Tegel reist: Er filmt Angela Thomas, wie sie an jener Stelle ein paar Blumen hinlegt, wo Max Bill am 9. Dezember 1994 tot zusammenbrach. Diese peinlich-berührenden Bilder hätten sie sich besser für ihr Home-Movie aufgespart. Denn sie diskreditieren einen Film, der sich sonst solche Eitelkeit verbietet.

Kunst als Gegenwelt

Er habe mit seinen Werken eine Gegenwelt zur Konfusion der Welt beabsichtigt, wird Max Bill einmal zitiert. Die Schönheit der Reduktion, die mit einer politischen Haltung verbunden war – sie stellt der sehr kurzweilige Film immer wieder ins Zentrum, und Erich Schmid findet die überzeugende filmische Entsprechung dafür. Freilich, die vielen Zeitzeugen, biographischen Fakten sowie Bild- und Tondokumente, die er abarbeitet, machen eine formal adäquate und bezwingende statt lediglich illustrative Bildsprache schwierig. Nur in wenigen Momenten gelingt es, dass die gefilmten Werke mehr als nur Abbilder sind. Beispielsweise in scheinbar unregelmässigen Skulpturen wie die «Unendliche Schleife», deren Symmetrie erst durch das bewegte Bild aufgedeckt wird.

Sehenswert ist «Bill» vor allem für seine genaue Beschreibung eines Künstlers und Menschen, dessen klare gesellschaftspolitische und künstlerische Haltung in seinem vielfältigen Werk einen konkreten Ausdruck gefunden hat. Die sogenannte konkrete Kunst wird so einem breiteren Publikum erhellend erschlossen.

Regisseur Erich Schmid und Bill- Witwe Angela Thomas sind an den heutigen Vorstellungen um 17.30 und 20.30 Uhr im Kinok anwesend; Weitere Daten: www.kinok.ch




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