Direkte Links und Access Keys:

Tagblatt Online, 16. Oktober 2008 01:05:26

Die Trottel von Washington

Kinokomödie Burn After Reading Nach ihrem düsteren Neo-Western «No Country For Old Men» wechseln die Gebrüder Coen wieder ins komödiantische Fach: «Burn After Reading» ist eine hirnrissige Washington-Spionage-Farce mit Stars, die sich allesamt grandios zum Trottel machen. Marcel Elsener

Zoom

Dankbare Idioten: John Malkovich, Brad Pitt, George Clooney und Frances McDormand (von links) spielen für die Coen-Brüder genüsslich «lauter Schwachköpfe».

Ethan und Joel Coen, den diesjährigen mehrfachen Oscar-Preisträgern für «No Country For Old Men», ist vor lauter Ehre das nihilistische Lachen nicht vergangen. Schon die erste Einstellung ihres neuen Films ist ein Hohn: Aus dem Weltraum saust die Kamera in Google-Earth-Manier auf die Erde zu und landet schliesslich im CIA-Hauptquartier in Langley, Virginia. Wer nur ein bisschen mit dem Universum der Coen-Brüder vertraut ist, versteht die Botschaft: Wiederum aus grosser Fallhöhe betrachten sie diesen unseren Ameisenhaufen namens Welt, höchst verwundert und amüsiert über das, was die Menschen so anstellen in ihrem Leben, das oft genug ein schäbiges ist.

Manuskript in falschen Händen

Diesmal, und erstmals bei den Coen-Brüdern, geht es um das Machtzentrum der USA, um die Hauptstadt Washington und ihre Behörden. Im CIA-Hauptquartier wird der Balkanexperte Osborne «Ozzie» Cox (John Malkovich in Hochform) entlassen, angeblich wegen seines Alkoholproblems, das ihm ausgerechnet ein Mormone einreden will. Zu Hause wird's ihm nicht besser ergehen, da wartet seine kaltherzige Gattin Katie (Tilda Swinton, ähnlich wie zuletzt in «Michael Clayton») mit einer Dinnerparty, wo auch deren Liebhaber Harry Pfarrer (George Clooney, zum drittenmal ein «Idiot» in einem Coen-Film), ein eitler und sexbesessener Finanzbeamter, aufkreuzt. Grösserer Ärger droht Ozzie allerdings bald in Form eines Erpressungsversuchs: Die Fitnesstrainerin Linda Litzke (Frances McDormand, seit 1984 Gattin von Joel Coen) und ihr junger Kollege Chad Feldheimer (Brad Pitt) haben sein vermeintlich brisantes CIA-Buchmanuskript in der Umkleidekabine ihres Clubs «Hardbodies» gefunden und wittern nun das grosse Geschäft. Respektive das Geld für diverse Schönheitsoperationen.

In der Folge kommt es wie in einer klassischen Screwball Comedy zu allerhand überhitzten Aktionen auf Seiten der unverhofften «institutionellen» Gegenspieler – hier «Hardbodies», dort CIA. Und selbstverständlich gibt es Leichen und nimmt die Sache ein ungutes Ende; die Coens betrachteten das Happy End noch nie als Menschenrecht. Während sich die Geschichte in flottem Tempo abspielt, ist man als Zuschauer hin- und hergerissen: Soll man sich nun einfach nur erheitern ob der umwerfend komischen Schauspielerei von sichtlich vergnügten Stars, die man so noch nie gesehen hat – allen voran Brad Pitt, der die Aufforderung, den «inneren Schwachkopf rauszulassen», schonungslos wörtlich genommen hat? Oder soll man stets den doppelten Boden und also die Anspielungen, etwa in der gruseligen russischen Botschaft, zu entschlüsseln suchen?

Aber nein, behaupten die Coens in jedem Interview, ihr Film habe nichts mit real existierenden politischen Ereignissen zu tun, es gehe weder um Bush und Putin noch um all die jüngsten CIA-Flops oder die letzten Zuckungen des Kalten Kriegs. Nun denn, zurückgelehnt, und dem CIA-Chef zugehört, der ebenso wenig durchblickt und seinem Untergebenen rät: «Beobachtet alle, schaut, was sie tun. Erstattet Bericht. Ich weiss nicht. Sofern es Sinn macht.» Und als wir uns mit den trotteligen Figuren längst im Dickicht der irrwitzigen Story verfangen haben, sagt er endlich, was Sache ist: «Jesus, what a clusterfuck!» Was wörtlich deutsch mit «Rudelbums» übersetzt werden kann, aber im US-Militär seit Jahrzehnten für ausweglos verfahrene Situationen gebraucht wird.

Der Begriff «Clusterfuck», oder eben: heilloses Schlamassel, bringt den Inhalt und die Botschaft dieses Films auf den Punkt. Am Ende zieht der CIA-Chef (eine Paraderolle für Glatzkopf JK Simmons) kopfschüttelnd Bilanz und fragt sich, was man denn nun gelernt habe. Jedenfalls dürfe sich «so etwas niemals wiederholen» – aber was, das wisse er auch nicht.

Wittgenstein und die Fugs

Im Hintergrund hören wir die Coens lachen – aus der Fallhöhe jener sarkastischen Gottheit, die Dürrenmatt-Lesern vertraut ist. Vielleicht haben sie wieder an den Philosophen Ludwig Wittgenstein gedacht, über dessen Spätwerk Ethan Coen in Princeton einst seine Abschlussarbeit geschrieben hat: «Zu einer Antwort, die man nicht aussprechen kann, kann man auch die Frage nicht aussprechen.» (aus «Tractacus»)

Das allerletzte Wort aber hat nicht der ratlose CIA-Boss, sondern – unbedingt den Abspann absitzen im Kino – der Beatnik-Poet Tuli Kupferberg, der mit seiner Protest-Rockband The Fugs 1966 bissig vom «CIA Man» singt: «Who can squash republics like bananas / Fuckin' A, man / C.I.A. man…» Und das soll nicht politisch gemeint sein? Aber doch wohl – wenigstens als salopper Kommentar zur Zeit, als spöttischer Blick auf die Unfähigkeit der Machthaber, die ausser Rand und Band geratenen Verhältnisse wieder zurechtzurücken, von Irak bis an die Wall Street. Vorgeführt als flüchtiges Vergnügen, das bei aller Schärfe nach dem Kinobesuch schon bald wieder verflogen ist.





Leser-Kommentare:
keine


Zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden.

Kommentar schreiben

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein!

Um Inhalte kommentieren zu können, müssen Sie eingeloggt sein.

Noch keinen Zugang? Jetzt kostenlos registrieren!

Anzeige:

Anzeige:

Anzeige:

Anzeige:

tagblatt.ch / ipad

iPad und E-Paper

facebook.com / tagblatt

 ...

Anzeige: