Tagblatt Online, 11. November 2008 01:00:35
Der erste Eindruck zählt
Moderner Business-Knigge Ob bei einem Kundengespräch oder beim Geschäfts-Apéro: Mit einem guten ersten Eindruck kann man trumpfen. Äussere Erscheinung, Höflichkeit und die richtigen Worte öffnen die Tore zum Erfolg. Yvonne Forster
Seit den Neunzigerjahren läuft das Geschäft mit den Benimm-Dich-Kursen auf Hochtouren. Vor allem im mittleren und oberen Kader scheint es unumgänglich, das Personal auf gute Manieren und sicheres Auftreten zu schulen. Es ist, als ob der Weg in die oberen Etagen mit Stolpersteinen gepflastert wäre. An einem IHK-Forum im Textilmuseum St. Gallen erklärten Nicole Veser Leschzyk und Christian Leschzyk von der Image-Agentur «Stilgerecht», dass Menschen durch falsches Verhalten schon beim ersten Kundenkontakt alle ihre Trümpfe aus der Hand geben.
Ein Blick in die Runde der über 100 anwesenden Herren an jenem frühen Abend lässt jedoch keine gravierenden Mängel aufdecken: Die meisten tragen einen dezenten Anzug oder eine elegante Hosen-/Veston-Kombination, dazu Hemd und Krawatte. Einzig ein Herr in der hintersten Reihe fällt aus dem Rahmen: In olivefarbener Cargo-Hose, mit Rollkragenpulli und braunem Blouson erweckt er den Eindruck, als hätte er das IHK-Forum mit dem Kegelabend verwechselt.
«Der Herr ist keinesfalls unpassend gekleidet», korrigiert Christian Leschzyk. «Come as you are», heisse der neueste Dress-Code. «Heute darf ein Berufsmann an einen Freizeitanlass oder Geschäfts-Apéro, der unmittelbar nach der Arbeit stattfindet, in seinem Alltags-Tenue erscheinen. Natürlich nicht gerade im Übergwändli und mit schmutzigen Schuhen.» Business-Casual heisse der korrekte Dresscode-Ausdruck für diese Art Anlass.
Gelockerter Dress-Code
Mehr als die Hälfte des ersten Eindrucks werden über die Äusserlichkeiten wahrgenommen. Zum Beispiel die Kleider. «Der Dress-Code hat sich im Geschäftsleben in den letzten Jahren allgemein gelockert», sagt der Stilberater. «Ein kurzärmeliges Hemd ist heute vielerorts geduldet. Doch dann sollte es unbedingt ohne Krawatte getragen werden.» Kleidung solle typengerecht sein, weder Klischee noch Verkleidung. Viele Banken hätten deshalb eigene Richtlinien erstellt.
Ein Vertreter, der den Garagisten im dunkelblauen Anzug besuche, werde es schwer haben, ins Geschäft zu kommen. «Und eine Geschäftsfrau, die in Leggings unter dem Minijupe zur Besprechung mit ihrem Bankvorgesetzten erscheint, wird wohl punkten, aber nicht in der richtigen Sache.» Eine Business-Woman sollte nicht über weibliche Reize definiert werden. «Deshalb ist zu viel Schmuck und ein aufdringliches Parfum nicht von Vorteil.»
Zum ersten Eindruck gehöre noch mehr als nur die Kleidung, erklären die beiden Stilberater am Knigge-Forum. Ein gefährlicher Stolperstein seien fehlende Höflichkeit und Wertschätzung. «Es ist so einfach, durch sympathisches Auftreten zu punkten, ohne sich zu vergeben.» Höflichkeit haben wir schon in der Kinderstube gelernt. Und doch: «Wie viele Menschen nehmen es zum Beispiel mit der Pünktlichkeit nicht so genau. Wer zu einem Treffen zu spät erscheint, setzt ein Zeichen mangelnder Wertschätzung.»
Die einzige Chance nutzen
Eine der wichtigsten Regeln bei Geschäftsgesprächen ist das Schaffen von Sympathie. «Wir haben nur eine einzige Chance, den ersten Eindruck für uns zu gewinnen. Nehmen wir diese wahr, verbuchen wir bereits ein Guthaben auf dem Konto des Partners.»
Man holt sich laut Stilberater bei einem Kunden auch keine Punkte, wenn dieser am Empfang mit den Worten begrüsst wird: «Ich bin im 2. Stock, Zimmer 310. Sie kennen ja den Weg!» «Wann immer möglich, empfangen Sie den Kunden persönlich. Lassen Sie sich Zeit für die Begrüssung und den offenen Blickkontakt», empfiehlt Leschzyk. Wer gleich beim Händeschütteln über den nächsten Auftrag rede oder erzähle, wie schlecht der Tag begonnen habe, verfehle sein Ziel. «Ich habe das Bild vor Ihrer Tür bewundert, zeigt es die Küste Andalusiens?» Smalltalk sei hier am richtigen Platz, weil er Brücken zu Wichtigerem schaffe. Viele Menschen geben keinen eindeutigen Händedruck. «Sie quetschen flüchtig die Fingerspitzen des Gegenübers, ohne die Hand ganz zu ergreifen. Das schafft keinen guten ersten Kontakt.» Das gleiche gelte für die Verabschiedung. «Lassen Sie sich Zeit. Der Partner soll einen bleibenden Eindruck mitnehmen.»
Apéros sind keine Picknicks
Seminare, Jubiläen, Mitarbeiter-Verabschiedungen, ein Grossauftrag: Alles Anlässe, die oft mit einem Apéro gefeiert werden. Eine Gelegenheit für viele, sich mit Häppchen vollzustopfen und den Alkoholbedarf für die ganze Woche zu konsumieren. Falsch! «Gerade mal ein Glas Wein oder Bier liegt im Rahmen der Knigge-Regeln: Mehr könnte gefährlich werden», sagt Leschzyk.
Bevor es ans Essen geht, sollte man die Gelegenheit am Schopf packen, um Geschäftsbeziehungen anzuknüpfen. «Platzen Sie aber nicht mitten in eine Gruppe von Geschäftskollegen, die ihre Köpfe zusammenstrecken, um ihnen Ihre Visitenkarte aufzudrängen. Tun Sie es trotzdem, denken Sie daran, dass als erster immer der Ranghöchste berücksichtigt wird.» Das gleiche gelte für das gegenseitige Vorstellen: «Der Rangniedrigere wird zuerst dem Ranghöheren vorgestellt.»
Das Glas in die richtige Hand
Um Geschäftsbeziehungen knüpfen zu können, braucht es eine freie Hand, um seinem Vis-à-vis die Hand zur Begrüssung geben zu können. «Nehmen Sie das Glas immer in die linke und fassen es am Stil», empfiehlt der Knigge-Kenner und verrät einen Trick, wie man Glas und Teller mit einer einzigen Hand halten kann. «Man klemmt den Teller zwischen Zeige- und Mittelfinger, die Serviette zwischen Ring- und kleinem Finger und das Glas zwischen Daumen und Zeigefinger.» Ein gutgemeinter Rat. Doch wie, um Himmels willen, will man trinken, ohne dass dabei das Schinkengipfeli vom Teller rutscht?
Für eher scheue Business-Leute, die nicht den Mut haben, den ersten Schritt zu einem Kundengespräch zu machen, empfiehlt der Stilberater folgendes Vorgehen: «Lächeln Sie der Person, die Sie im Visier haben, freundlich zu und halten Sie den Blickkontakt aufrecht. Lächelt der andere zurück, dürfen Sie sich ihm durchaus nähern und ihn ansprechen.»
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