Peter Licht offenbart sich auf seinem vierten Album als Melancholiker, der ins Romantische flieht

Der Traum geht weiter

Mit einer Hymne aufs Faulenzen («Sonnendeck») wurde er berühmt, zuletzt besang er das Ende des Kapitalismus. Doch nun kommt der deutsche Pop-Liedermacher, der sich Peter Licht nennt, ganz schön ins Grübeln.
05. September 2008, 01:05
oliver seifert

«Lieder vom Ende des Kapitalismus» stimmte Peter Licht zuletzt an und winkte dem «alten Schlawiner» fröhlich hinterher. «Wir werden siegen!» betitelte er zeitgleich sein «Buch vom Ende des Kapitalismus», das Gedichte, Sentenzen, Kurzprosa, Songtexte, Kritzeleien und allerhand mehr enthielt. Und nun das, zwei Jahre später: «Melancholie und Gesellschaft», Album Nummer vier. Die Euphorie des ausgerufenen Untergangs ist weg, der Sieg lässt ganz schön auf sich warten, wie traurig.

Und Peter Licht, der weiterhin seine Identität verheimlicht und seinen Kopf in keine Kamera hält, kommt ins Grübeln, mehr noch als sonst. Die von Heiterkeit und Ironie angefixte Leichtigkeit, mit der er sich bisher zwischen Dada, Kindergarten und Konzeptpop dem Leben und seinen Nöten zuwandte, ist futsch. Er macht ernst – mit gefühligen, wehmütigen Texten, unter Einsatz von Klavier, sehr viel Klavier, Schlagzeug, Streichern und Gitarre, sehr wenig Gitarre.

Die Zukunft leuchtet schon

Hoffnungsschimmernde Durchhalteparolen pflastern den Weg in eine andere, bessere Zeit: Da ist «in weiter Ferne lauter Licht», also nur «nach vorn! / nach vorn! / die Zukunft leuchtet schon», denn «der Film ist aus, aber der Traum geht weiter». Doch bis es so weit ist, empfiehlt sich für die bedrückten Stadtmenschen, um die es hier vor allem geht, die Flucht in Liebe und – wer die nicht findet – Natur. Wolken, Wind und Sterne, Meer und Sonne, ein weisser Himmel, eine weite Nacht, und das «Landlied» zum Ende weist die Richtung, weit weg soll es auf jeden Fall gehen, Rückkehr ausgeschlossen.

So romantisch gab sich Peter Licht, der 2001 sehr erfolgreich aufs «Sonnendeck» stieg und 2007 beim Ingeborg-Bachmann-Wettlesen zwei Preise abstaubte, noch nie. Der Liedermacher ein Schlagersänger?

«Melancholie und Gesellschaft» ist ein Album des Wandels, die Dinge sind an ein Ende gekommen, Abschied ist überall, Aufbruchstimmung will sich aber nicht so recht einstellen. Der Kapitalismus ist ja auch immer noch da. Ein Gefühl diffuser Traurigkeit macht sich in den zehn Liedern breit, da bleibt nur wenig Raum für rational motivierte Kritik an Zeitphänomenen wie marktgerechter Selbstbezogenheit oder durchsexualisierter Produktwerbung. Der wohl in Köln lebende Peter Licht ist also nicht nur ein Utopist, sondern auch ein Melancholiker. Dass Utopie und Melancholie durchaus miteinander zu tun haben, hat der Berliner Soziologe Wolf Lepenies, auf dessen Dissertation sich der Albumtitel bezieht, ausgeführt. Aus dem leidvollen Nachdenken über die unvollkommene Welt kann nämlich die Motivation entspringen, eine ideale Version der Welt zu entwickeln.

Poesie für utopische Piloten

Ein weiterer Schritt weg von der Melancholie: einfach handeln, produktiv sein. Arbeiten galt lange Zeit als ein Gegenmittel. Warum nicht arbeiten an der Realisierung der Utopie? Peter Licht versucht sein Bestes. An «meine utopischen Piloten» wendet er sich im vorletzten Stück und betont: «Ich sing Eure Lieder.» Peter Licht bleibt auch weiterhin aktiv, schon im eigenen Interesse: Konkret Musik und Poesie sollen helfen, die Melancholie zu vertreiben, heisst es. Eine Therapie mit offenem Ausgang.

Peter Licht: «Melancholie und Gesellschaft», Motor Music/Phonag. Konzert 10.10. Kulturladen Konstanz

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