Tagblatt Online, 14. Mai 2010 07:24:00
Das DJ-Bobo-Prinzip
Mit DJ Bobo hat am Mittwochabend der erfolgreichste Musiker des Landes seine neue Europa-Tour eingeläutet. Er tat dies im deutschen Oberhausen nach seinem ganz eigenen Strickmuster und unter den Augen von mitgereisten Fans aus der Schweiz.
Tobias Bär
Mittwoch, 18.05 Uhr: In der noch leeren «König-Pilsener-Arena» zu Oberhausen liegen Tausende von Fan-Magazinen für die in Kürze hereinströmenden Besucher bereit. René Baumann, Kölliker von Weltformat, erklärt darin das DJ-Bobo-Konzept höchstselbst: «Über allem steht das Team.» Ist Bobos anhaltender Erfolg auf seine gutschweizerische Bescheidenheit zurückzuführen? Mag sein. Doch hinter der Erfolgsgeschichte des Phänomens Bobo muss mehr stecken.
Rückblende – Mittwoch, 8.21 Uhr: Die Frage einer rüstigen Dame, ob man im Bus zwecks Auflockerung der Stimmung eine Bobo-Scheibe einlegen könne, lässt mich aus dem Dämmerschlaf aufschrecken. Treibende Eurodance-Bässe gehören für mich nicht zu einem angenehmen Start in einen noch jungen Tag. Umso grösser die Erleichterung, dass sich die Begeisterung der Mitfahrenden ebenfalls in Grenzen hält.
Es sind Medienvertreter und Fans, die gemeinsam ins Ruhrgebiet zur Premiere der neuen Bobo-Tour reisen.
9.09 Uhr: Marcel Oberholzer von Bobos Plattenfirma erklärt, warum die Tour in Deutschland eröffnet wird: «Oberhausen bietet logistische Vorteile. Im Gegensatz zum Hallenstadion können wir die dortige Halle länger als einen Tag belegen.»
9.23 Uhr: Jetzt ertönt der unverwechselbare Sound des Aargauers doch noch aus den Lautsprechern. Über Board-Bildschirme wird die Doku zur neuen Tour gezeigt, die schlicht unter dem Motto «Fantasy» läuft. Drei Aussagen des Films überraschen mich. 1.: DJ Bobo wird live von einer Band begleitet. Einer richtigen – mit Bass, Schlagzeug und Gitarre. 2.
: DJ Bobo ist auch nach 16 Jahren im Rampenlicht noch mit genug Herzblut bei der Sache, um nach einem gelungenen Auftritt in Tränen auszubrechen. 3.: Dieser Teufelskerl hat 14 (!) Millionen Alben verkauft.
9.40 Uhr: Dann folgt ein Satz, der mich nicht überrascht: «DJ Bobo ist ein Star zum Anfassen.» Dass René Baumann ihnen stets auf Augenhöhe begegnet – das schätzen seine Anhänger besonders an ihm.
Dass Volksverbundenheit grosse Töne nicht ausschliessen muss, wird dann deutlich, wenn Bobo die «Fantasy»-Tour als Teil der europäischen Musikgeschichte sieht oder sich selber zum «King of Dance» aufschwingt.
11.56 Uhr: Die Stimmung unter den Fans ist als ausgezeichnet, diejenige der Medienvertreter eher als erwartungsfroh zu bezeichnen.
Die rüstige Dame – inzwischen mit dem ganzen Bus bekannt – hält schon mal Ausblick auf das, was da noch kommen möge: «Derjenige, der hinter mir sitzt, tut mir leid.» «Wieso?» «Weil ich doch die ganze Zeit stehen werde!» Ihr Mitgefühl sollte sich als unbegründet herausstellen. Stehen wird die ganze Halle.
13.02 Uhr: Während der Mittagspause komme ich mit Andrina ins Gespräch. Sie ist von DJ Bobo als Support-Act für seine Schweizer Konzerte in Bern und Zürich verpflichtet worden. Die Dame ist 15 und wirkt angesichts der Aussicht, bald vor 13 000 Zuschauern zu spielen, ausgesprochen entspannt. Auf Bobo trifft Andrina heute zum ersten Mal persönlich.
14.15 Uhr: Auf der Fahrt durchs graue deutsche Land kommt mir meine Schwester in den Sinn. Im Gegensatz zu mir war sie Bobo-Fan und hatte deshalb auch dieses unsäglich blinkende Platten-Cover im Regal. Oder ist es späte Eifersucht, die aus mir spricht?
16.42 Uhr: DJ Bobo steht auf der Bühne. Diese stellt diesmal kein Piratenschiff und auch keinen Monster-Schlund dar, sondern einen sechsarmigen, 14 Meter hohen Styropor-Buddha.
In legerer Kleidung und in offensichtlich routiniert aufgeräumter Stimmung absolviert er den Soundcheck. Die Fans aus unserer Gruppe machen lautstark auf sich aufmerksam. Und tatsächlich: Ganz der volksnahe Star, wendet sich Bobo im Plauderton an sie und lässt auch etwas hinter die Kulissen blicken: «Damit Ihr nicht meint, ich würde einfach so auf den Boden starren – vor mir ist die Reihenfolge der Lieder aufgelistet.» «Ahaaa.» «Aber niemandem verraten!» Die nun Eingeweihten lachen entzückt.
18.25 Uhr: Auf dem Rundgang durch den Backstage-Bereich erfahren wir, dass insgesamt 80 Tonnen in acht Stunden auf- und anschliessend in sechs wieder abgebaut werden. Der DJ-Bobo-Fantasy-Tross umfasst 139 Personen – aus einem KMU ist über die Jahre ein Grossunternehmen geworden. Wir passieren verschiedene Zettel mit Aufschriften wie «Catering» oder «Garderobe», wobei einer aus der Reihe fällt. Auf ihm steht: «DJ Bobo – Stilbruch».
Am Ende erhält ein jeder von uns eine «Fantasy»-CD, wodurch sich für mich sofort die Frage stellt, wer als potenzieller Abnehmer in Frage käme. Die Schwester ist aus der Sache rausgewachsen und das Göttikind erst einjährig und damit noch etwas gar wehrlos.
19.02 Uhr: Eine Gruppe von sechs nicht wenig angeheiterten Deutschen, die zum ersten Mal an einem Bobo-Konzert sein werden und deshalb auch keinen Songtitel benennen können, wartet mit einem interessanten Befund auf, dessen Niederschrift sich aufzwingt: «Bobo singt besser als Bohlen.»
19.35 Uhr: Die beiden Einheizer Tommy Fresh und Captain Hollywood sind musikalisch schwer vom Hauptact zu unterscheiden. Im Gegensatz zum Schweizer müssen die beiden ohne die optische Wirkung des Buddhas auskommen, der hinter einem Vorhang verborgen bleibt. Sie versuchen die Aufmerksamkeit deshalb primär mit nackter Haut auf sich und ihre Tänzer zu lenken.
20.37 Uhr: «Oberhausen, ich will Eure Hände sehen!» Bobo befiehlt, und Oberhausen tut wie geheissen. Wie der 42-Jährige und seine Tänzer das Publikum mit dem ersten Takt abholen, ist faszinierend zu beobachten. Die Band steht ihren Mann, auch wenn Gitarrist Ändu dies etwas gar breitbeinig tut. Muss aber auch ein grossartiges Gefühl sein, auf einer Buddha-Hand in acht Metern Höhe vor 7500 Menschen in die Saiten zu hauen.
23.35 Uhr: Obwohl «emotional und körperlich total erschöpft», gibt der frisch geduschte Bobo nach der Premiere geduldig Auskunft. Spricht von anfänglichen «Sound-Problemen», die dem Zuschauer nicht aufgefallen sind. Erst nach 30 Minuten sei er richtig aufgetaut. Während zweier Stunden hat der Schweizer auf Songs des neuen Albums Altbekanntes und Bewährtes folgen lassen.
Hat mit ruhigen Einschüben geschickt Luft rausgenommen, weil auch der trainierte Bobo-Fan mal wieder aus der Ekstase aufwachen muss. Wie er zum Schluss mit dem Publikum das unvermeidliche «Seven Nation Army» johlt, klärt sich das Rätsel um das Phänomen Bobo. Es gibt bessere Sänger, ja auch bessere Tänzer als ihn. Die Menge liebt ihn nur bedingt für sein Produkt.
Überspitzt gesagt könnte da auch ein anderer dieselben Lieder performen, doch müsste er eben auch mit dem Zeigefinger 7500 Menschen dirigieren können – das können nicht viele und wohl keiner so gut wie Bobo. Dass er die einstige Independent-Hymne der White Stripes so endgültig totspielt, darf man ihm verübeln. Auch, wie er die Nerven des Nicht-Fans mit endlosen Animationen strapaziert. Wie er aber eine deutsche Halle mühelos zum Tanzen bringt – dafür gebührt ihm Respekt.
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