Tagblatt Online, 27. Februar 2009 08:16:00
Beichten ohne Gott
Beichten und bereuen wollen viele Jungen heute lieber ohne Pfarrer und ohne danach Rosenkränze beten zu müssen. (Bild: Bild: ky/Robert F. Bukaty)
Online beichten Im Beichtstuhl seine Sünden gestehen und den Pfarrer um Vergebung bitten, kommt für viele Jugendliche nicht in Frage. Ihre Fehltritte veröffentlichen sie lieber im Internet.
Anita Bünter
Es passierte in den Winterferien im Schwarzwald: Ein Snowboarder – nennen wir ihn Daniel Meissner – muss den Bügellift zusammen mit einem Skifahrer benutzen. Zumutung pur, finden beide. Die Fahrt vergeht denn auch nicht mit betretenem Schweigen, sondern der Skifahrer nutzt die Zeit für eine Schimpftirade über Snowboarder. Daniel Meissner hört eine Weile zu, dann wird es ihm zu bunt: An einer bewaldeten Stelle tritt er dem Skifahrer auf die Bindung und schubst ihn aus dem Lift. Reue und Scham empfindet der Boarder für seine Tat keinesfalls: «Ich grinse noch heute darüber», gesteht er – aber nicht beim Pfarrer im Beichtstuhl, sondern im Internet, auf der Online-Plattform beichthaus.com.
Sex, Wollust und Ehebruch
Mit seinem Geständnis im World Wide Web ist Snowboarder Daniel Meissner nicht der einzige; online seine Sünden bekennen liegt im Trend. Allein in den letzten fünf Jahren wurden auf beichthaus.com mehr als 13 000 Fehltritte veröffentlicht. Und: «Jeden Tag kommen rund fünfzig neue Beichten hinzu», sagt Robert Neuendorf, Gründer der Online-Community. In den Geständnissen geht es um Boshaftigkeit, Ekel und – wen wundert's – vor allem um Sex: Von Wollust übers Fremdgehen bis hin zur biblischen Sünde des Ehebruchs, gebeichtet wird auf der Plattform alles. Eine mögliche Erklärung dafür: Beichten kann man auf der Plattform anonym. «Ein Klick genügt», so Gründervater Neuendorf.
Ohne religiösen Hintergrund
Dass deshalb nicht alle gestandenen Vergehen wahr sind, ist klar. «Erfahrungsgemäss sind weniger als zehn Prozent aller Beichten ernst gemeint», erklärt Dominik Homberger, der mit onlinebeichte.net ebenfalls ein Beichtportal betreibt. Mit seiner Homepage hat er keine religiösen Absichten: «Die Seite soll für Unterhaltung sorgen.» Wer sich für seine Sünden im Internet eine Absolution erhofft, liegt also falsch: «Die Beichten werden nicht von einem Priester durchgelesen», so Homberger. Das ist auch bei beichthaus.com so. Dafür können die User sich gegenseitig vergeben und Hilfe anbieten.
Pfarrer hält wenig davon
Einer, der ebenfalls vergibt – aber im Namen Gottes –, ist Albert Wicki, zukünftiger Pfarrer der Seelsorgeeinheit Altstätten. Von so vielen Beichtwilligen wie auf den Internet-Plattformen kann Wicki aber nur träumen: «Pro Monat kommen nur etwa ein bis zwei Jugendliche oder junge Erwachsene zu mir.» Deshalb ist er auch kein grosser Fan von der Online-Beichte: «Davon halte ich nichts.» Denn beim Beichten stehe das persönliche Gespräch im Vordergrund. «Auch fehlt beim Beichten im Internet das Ritual des Sakraments.»
Keine Absolution
Nichtsdestotrotz: Auch ohne Sakrament haben die Online-Beichtplattformen Erfolg. Auf Facebook gibt's mittlerweile zwei Fangruppen für beichthaus.com.
Und obwohl Snowboarder Daniel Meissner seine Sünde im Internet gebeichtet hat und deshalb keine Absolution bekommt, hat wohl auch er erhalten, was er sich von seinem Geständnis erhofft hat: Die meisten User der Online-Community feiern den Boarder in ihren Kommentaren als Held, weil er's dem Skifahrer gezeigt hat. Nur Stamm-User Ludetta scheint das Ganze etwas ernster zu sehen: «Wenn du dich nicht schämst, dann bereust du auch nicht und dann ist es auch keine Beichte.»
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