Tagblatt Online, 02. Juli 2009 01:05:09
«Unsere Fans sind eben Piraten»
«Hollywood zeigt ein falsches Bild der schwarzen Kultur»: Will.i.am (Mitte) und die Black Eyed Peas.
Interview Der 34jährige William Adams, bekannt als Will.i.am, tritt mit den Black Eyed Peas am Jazzfestival Montreux auf. Der Wirbelwind gehört zu den bekanntesten Pop-Produzenten. Im Gespräch erzählt er vom neuen Album, seiner Oma und seinem Obama – und träumt von einem schwarzen Harry Potter. Marlène von Arx/Los Angeles
Sie sind derzeit in den Hitparaden, im Kino und auf der Polit-Bühne allgegenwärtig. Was war für Sie der persönliche Höhepunkt des laufenden Jahres?
Will.i.am: Ganz persönlich? Das war wohl im März. Ich habe meiner Grossmutter und meiner Tante zu meinem Geburtstag mit der Schauspiel-Gage für «X-Men: Wolverine» Häuser gekauft. Sie verlassen die Armee-Baracke, wo meine Oma seit den Fünfzigerjahren wohnte. Das war sehr emotional.
Als Aushängeschild der Black Eyed Peas konnten Sie sich das bisher nicht leisten?
Will.i.am: Es sind ja nicht die ersten Häuser: Meine Mutter habe ich 2002 rausgeholt, dazu habe ich einen vier Jahre älteren Bruder und eine vier Jahre jüngere Schwester. Als ich zehn war, adoptierte meine Mutter Mandy und Princess, die jetzt 22 und 23 sind. Dann hatte sie einen weiteren Sohn, der jetzt 15 ist, zudem hat meine Mutter noch zwei Kids adoptiert…
Da die Gagen in Hollywood so toll sind, wollen Sie also jetzt ernsthaft Schauspieler werden?
Will.i.am: Davon habe ich eigentlich nie geträumt. Aber ich behalte das Kino im Auge. Ich bin in der Musik erfolgreich, weil ich Phantasie habe, und damit kann ich auch im Kino erfolgreich sein. Ich würde gerne etwas für dieses Medium zusammenträumen.
Wie geht Ihre Hollywood-Karriere jetzt weiter?
Will.i.am: Ich würde gerne einen schwarzen Fantasy-Film für ein Breitenpublikum machen. Gangs und zerbrochene Beziehungen – Hollywood zeigt die Schwarzen immer gleich, aber das repräsentiert unsere Kultur nicht. Wieso gibt's nicht so was wie einen schwarzen Harry Potter, der alle anspricht, so etwas wie die Black Eyed Peas fürs Kino?
Bleibt bei all Ihren Projekten überhaupt noch Zeit für die Black Eyed Peas?
Will.i.am: Musik ist und bleibt meine Welt. Wir gehen jetzt mit dem neuen Album «The E.N.D.» bis November 2010 auf Tour. Aber wir haben uns ja zwischenzeitlich alle mit anderem beschäftigt: Fergie hat das Musical «Nine» abgedreht, Taboo war im Film «Street Fighter», apl.de.ap lässt sich in den Philippinen feiern, und ich mache alles mögliche. Selbst das Album-Cover auf meinem Computer, denn was die Plattenfirma ablieferte, war furchtbar.
Aber sonst sind Sie bescheiden geblieben?
Will.i.am: Ja, denn als Musik-Produzent bin ich nicht so gut wie Quincy Jones, als Sänger nicht so gut wie Michael Jackson selig, und ich bin kein ausgebildeter Pianist wie Herbie Hancock. Ich habe die Black Eyed Peas gegründet, weil mich niemand haben wollte!
Was hat Sie für das neue Album der Black Eyed Peas inspiriert?
Will.i.am: Leute zu treffen inspiriert, verschiedene Perspektiven anzuhören inspiriert. Ich sauge alles auf wie ein Schwamm.
Wir wollen uns auch vom Album-Konzept weg und hin zur Erlebnis-Idee bewegen. Alben gibt es ja eigentlich im Zeitalter von iTunes, wo man diese nach Belieben zerpflücken kann, gar nicht mehr.
Wie muss man sich denn die Erlebnis-Idee vorstellen?
Will.i.am: Auf der Webseite DipDive.com kann man beispielsweise verschiedene Megamixes eines Songs von verschiedenen Produzenten und DJs herunterladen.
Wir versuchen, das Musikgeschäft neu zu definieren, denn wir leben im Internet momentan im gesetzlosen Wilden Westen.
Internet-Piraten schnappten sich vor zwei Jahren Ihr Solo-Album und jetzt auch den Film «Wolverine». Regen Sie sich darüber auf?
Will.i.am: Ich kann mich lange aufregen, aber nützen tut das nichts. Unsere Fans sind eben Piraten, und so versuche ich es halt jetzt mit Schiffbau.
Den Kampagnen-Song «Yes We Can» für Barack Obama habe ich extra für File-Sharer konzipiert, damit die Kids ihn im Internet herumschicken und zum Wählen aufrufen konnten. Nicht die Politik hat uns am Schluss alle zusammengebracht, sondern die Technologie.
Was erwarten Sie als Gegenleistung für Ihren Einsatz von Obama?
Will.i.am: Einen Zonenplan. Wir haben Zonenpläne, damit Strip-Clubs nicht neben Kirchen zu stehen kommen. So etwas braucht es auch auf dem Internet.
Aber das kann nicht von mir und nicht vom Label kommen. Das muss von der Regierung kommen, in Frankreich etwa soll illegales Herunterladen mit dem Abschalten des Internetzugangs bestraft werden.
Glauben Sie wirklich, dass sich das durchsetzen lässt?
Will.i.am: Wieso nicht? Ein Beispiel: Indien exportiert Gewürze. Da kann man auch nicht einfach aufs Feld, die Gewürze klauen und weiter verteilen. Was Gewürze für Indien sind, ist Unterhaltungs-Content für Amerika.
Irgendjemand in Washington muss das mal kapieren.
Sie sind also schon enttäuscht von Barack Obama?
Will.i.am: Nein, er hat schon viel erreicht. Angefangen damit, dass man mich jetzt wieder anlächelt, wenn ich im Ausland meinen Pass zeige. Als Nächstes müssen wir einen Weg finden, die Energie der Jugend zu nutzen, dass sie sich in ihrem Umfeld engagiert.
Aber mal ehrlich: Sie interessierten sich als Jugendlicher doch auch mehr für Kleider und Musik als fürs soziale Engagement, oder?
Will.i.am: An den Klamotten ist meine Mutter schuld: Sie schickte mich jahrelang im Anzug zur Schule.
Wurden Sie da nicht gehänselt?
Will.i.am: Und ob! Die anderen Kinder meinten, ich sei reich, weil ich im Anzug erschien. Ich galt ja als «besonders Begabter» und durfte in einem reichen Viertel von Los Angeles zur Schule gehen. Aufgewachsen bin ich aber im Ghetto. Da musste ich früh ein dickes Fell entwickeln.
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