Tagblatt Online, 24. November 2008 08:18:00
«Ich verkaufe nicht an jeden»
Warenangebot eines Ostschweizer Dealers: Schweizer Indoor-Gras und Haschisch «schwarzer Afghane» in bester Qualität. (Bild: Bild: Roger Berhalter)
Cannabis-Dealer haben's schwer und verdienen gut. Wird die Hanf-Initiative angenommen, macht ihnen vielleicht schon bald der Staat Konkurrenz. Zu Besuch bei einem, der seit Jahren mit Cannabis handelt, aber sofort damit aufhört, wenn die öffentliche Hand es besser macht.
Roger Berhalter
Wir sind in einem Gossauer Wohnzimmer. Auf dem Tisch ein Aschenbecher, ein Feuerzeug und zwei hölzerne Zigarrenkisten. In der Luft eine bittersüsse Haschischwolke, der ein Luftreiniger rauschend den Geruch entzieht. Der Cannabis-Dealer – nennen wir ihn Peter Braunwalder – sitzt auf dem Sofa und zieht an einem Joint. Fürs Foto nimmt er eine Haschischplatte aus der Zigarrenkiste und schneidet sie mit der vorher erhitzten Klinge seines Sackmesser entzwei.
«Es ist nicht so, dass ich die ganze Schweiz versorge», sagt der 28jährige. Er beliefere nur Freunde und Bekannte, dafür mit einer gut sortierten Auswahl: Schweizer Indoor-Gras, schwarzer Afghane, roter Marokkaner. Und manchmal auch handgeriebener Nepalese, der so potent und weich ist, dass man ihn mit der Schere schneiden kann.
Das Risiko ist kalkulierbar
Braunwalder hat 15 Kunden. «Alles normale Menschen, alle arbeitstätig, keine Sozialfälle.» Der jüngste ist 24, der älteste 40, keiner unter 18. «Der Jugendschutz ist mir wichtig. Ich lungere nicht auf Schulhöfen herum.» Stattdessen bleibt er zu Hause und empfängt seine Kunden in der Stube. Dann öffnet er jeweils seine Zigarrenkiste, rollt einen Joint, lässt ihn kreisen und diskutiert mit seinen Freunden, die auch Kunden sind, über Gott und die Welt. «Man trifft sich einfach», beschreibt er seine Dealmethode, die auf Vertrauen basiert. «Ich verkaufe nicht an jeden.» Sondern nur an diskrete Menschen mit guter Kinderstube. An «Leute, die mitten im Leben stehen». So halte sich seine Angst aufzufliegen in Grenzen, das Risiko bleibe «kalkulierbar», sagt Braunwalder und legt einen Haschischklumpen auf seine digitale Waage.
2000 Franken Umsatz macht er im Monat. Kein lukratives Geschäft, angeblich, doch immerhin verdiene er sich so einen Zustupf für die Ferien. Daneben arbeitet er zu 100 Prozent im Büro. Er sei kein grosser Fisch, sondern ein Kleindealer, wie es in der Ostschweiz viele gebe.
Mit dem Kiffen fing er vor zehn Jahren an. Er begann zu dealen, weil er es satt hatte, «dem Zeug nachzurennen, ein ewiger Kampf».
Kleines Angebot, grosser Preis
Bis vor ein paar Jahren sei das Leben als (Deutschschweizer) Kiffer noch einfach gewesen. «Es herrschte eine liberale Stimmung», sagt Braunwalder. Zahlreiche Hanfshops verkauften ihre Ware mehr oder weniger offen, die Polizei drückte ein Auge zu. Dann kamen neue wissenschaftliche Studien, welche die Kiffer etwa als schizophrenie-gefährdet einstuften, und die Stimmung kippte. Der Nationalrat beliess das Betäubungsmittelgesetz auf dem Stand von 1975, das Cannabis-Verbot blieb bestehen, und die Polizei schloss einen Hanfshop nach dem anderen. «Heute ist die Stimmung auf dem Tiefpunkt», sagt Braunwalder und zündet sich den erkalteten Joint wieder an. Die Polizei gehe deutlich repressiver vor, das Angebot an Gras und Haschisch sei knapp, der Preis darum hoch. «Vor fünf Jahren kam ich noch viel einfacher dazu.»
Der Schwarzmarkt bleibt
Klar stimme er Ja zur Hanf-Initiative. Sie abzulehnen hiesse für Braunwalder, die Augen vor der Realität zu verschliessen. «Die meisten Kiffer, die ich kenne, arbeiten und haben es nicht verdient, dass sie kriminalisiert werden.» Er zweifelt aber daran, dass die Legalisierung den Schwarzmarkt stoppen kann. «Sicher wird er durch die öffentliche Konkurrenz kleiner werden.» Aber auch in Holland gebe es noch immer einen illegalen Markt. «Und auch für mich wird es weiterhin einen Markt geben.»
Hanfshops an jeder Ecke
Der Joint ist aus, Braunwalder presst den Stummel in den Aschenbecher. «Wenn die Schweiz amsterdamisiert wird, dann lass ich es bleiben.» Nicht das Kiffen, sondern das Dealen. Dann würde er im Hanfshop um die Ecke einkaufen. Und weiterhin als «unbescholtener Bürger leben, der seine Steuern bezahlt». «Das Kiffen ist Teil meines Lebens, doch ich richte meinen Alltag nicht danach aus.» Dann klappt Braunwalder die Zigarrenkiste zu, begleitet uns hinaus, macht die Tür zu – und schliesst sie ab, kaum stehen wir im Treppenhaus.
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