Tagblatt Online, 10. September 2008 01:05:27
Zeitschrift
Legende (Bild: Bild:)
Tiere haben keine Religion
Auch im Zeitalter des rationalen Denkens ist die Religion nicht tot. Eher im Gegenteil. Woher die enorme Kraft der Religion rührt – und wohin sie führen kann –, das macht «Geo kompakt» zum Thema seines neuen Hefts.
Religion in Zahlen: Derzeit leben rund 2,1 Milliarden Christen auf unserer Erde, 1,4 Milliarden Moslems, 900 Millionen Hindus, 376 Millionen Buddhisten und 15 Millionen Juden. Dazu kommen mehrere hundert Millionen Menschen, die sich zum chinesischen Daoismus bekennen.
Von der Kultur überformt
Es ist also eine enorme Zahl von Menschen, die an Gott oder an eine Art Weltgesetz glauben. Dabei ist anzumerken, dass es das Christentum, den Islam oder den Buddhismus gar nicht gibt: Die Urform jeder Religion ist von kulturellen Traditionen verformt worden.
Rationalismus, Wissenschaftsgläubigkeit und Globalisierung haben nicht dazu geführt, dass sich die Religionen einander angleichen oder sogar auflösen. Gerade die enorme Bewegung in der heutigen Welt lässt Menschen vermehrt Halt in der Religion suchen.
Spiritueller Grundzug
Früher existierten Religionen in geschlossenen Räumen, heute begegnen sie einander Tag für Tag. Das kann befremden oder auch zu Konflikten führen – siehe Minarettverbot.
Doch nicht nur das Verhältnis der Religionen untereinander hat sich akzentuiert, sondern jenes zwischen Gläubigen und Ungläubigen. «Geo kompakt» leuchtet in seinem 16. Heft* viele dieser Konfliktfronten aus.
Nicht vernachlässigt werden die Grundfragen. Warum zum Beispiel haben die Menschen seit Jahrtausenden einen Grundzug in sich? Tiere haben keine Religion. Für diesen Unterschied gibt es viele, freilich auch hochspekulative Erklärungen. Vielleicht haben unsere frühen Vorfahren aus Dank für ihr Überleben die Umwelt, die Natur als beseelt betrachtet. Oder ihr Erinnerungsvermögen hat in ihnen die Angst vor dem Tod geweckt – gegen die am ehesten der Glaube an ein Jenseits hilft.
Das «Gottesmodul»
Wie zu so vielem, so hat die Hirnforschung auch zur Religion einiges zu sagen. Menschen erleben ekstatische Bewusstseinszustände, sie machen mystische Erfahrungen – und diese Mystiker werden heutzutage detailliert untersucht. Dabei geht es um Regionen des Gehirns, in denen solche Erlebnisse stattfinden. Ein Forscher hat ihr, nicht ganz ernsthaft, den Namen «Gottesmodul» gegeben.
Solche Erklärungen kommen von aussen, sie klammern die Innensicht aus. Viele Stimmen im Heft fangen viele verschiedene Innensichten ein. Da gibt es Skeptiker wie den Philosophen Gerhard Vollmer, der von der Tatsache ausgeht, dass der Glaube an eine Religion nicht zu widerlegen ist. «Wenn wir alles glauben sollen, was nicht zu widerlegen ist», sagt er, «können wir auch gleich an Einhörner glauben.»
Glaube als Stütze
Ganz anders tönt die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor: Der Glaube ist für mich eine Stütze im Leben», meint sie, und findet in der studierten Theologin und «Zeit»-Gerichtsreporterin Sabine Rückert eine Verbündete. Sie spürt die «Gewissheit, auch im Leid von einer Macht aufgehoben, von einem gewaltigen Kraftfeld getragen zu werden». Dies sei für sie die «grösste denkbare Tröstung». Was ihren Kollegen Harald Martenstein in keiner Weise überzeugt. Er meint, die Menschen hätten so aufwendige Glaubensgebäude errichtet, «um nicht zuzugeben, dass wir die Welt aus Dummheit nicht begreifen».
Das Drama im Dschungel
Der Aufklärer Voltaire hat positiver gedacht: «Wenn es Gott nicht gäbe, müsste man ihn erfinden», hat er geschrieben, damit aber schwerlich jenen Gott gemeint, in dessen Namen sich 1978 mehr als 900 Anhänger des selbsternannten «Father» Jim Jones im Dschungel von Guayana umbringen. Es ist nur eines von mehreren Sektendramen, die sich in den letzten Jahrzehnten abgespielt haben.
Rolf App
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