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Tagblatt Online
15. Oktober 2008, 01:05 Uhr

Mehr als nur Dadada

Babies, können sich verständigen, und zwar bevor sie die ersten Worte von sich geben: Mit Gesten. Diese Sprache lernen sie durch Nachahmung, die mit der Babyzeichensprache noch unterstützt werden kann. Sie lehnt sich an die Gebärdensprache der Gehörlosen und bereichert die Kommunikation zwischen Eltern und Kind. Fredi Kurth

Karin Patton war skeptisch. «Was soll denn das schon wieder?», fragte sie sich, als sie erstmals von der Babyzeichensprache hörte. Sie war skeptisch bis zu jenem Augenblick, als ein kleines Mädchen dem Vater am Abend, als er nach Hause kam, mit Gesten sagen konnte: «Wir haben heute einen Affen gesehen.»

Eine Kollegin von Karin Patton hat eine 14 Monate alte Tochter, die 50 Zeichen richtig anwendet. Das Vorbild machte Eindruck: Karin Patton besuchte einen Kurs und versucht nun daheim in Wuppenau ebenfalls, sich mit ihrem acht Monate alten Sohn Elijah in der «Zwergensprache» zu verständigen. Elijah formt die Hand wie zu einer geneigten Blume und quietscht vergnügt. Das Zeichen bedeutet «Lampe». Es ist sein Lieblingszeichen, für ihn aber nicht zuletzt Mittel zum Zweck: Der Schlaumeier darf dann den herunterhängenden Leuchter betasten, der bei leichtem Berühren sanft hin- und herpendelt.

Sich verstehen in der Nacht

Nicht nur tagsüber, sondern auch in der Nacht verringern Babyzeichen Unruhe und Rätselraten, wenn die Kleinen mit einer einfachen Geste zeigen können, ob sie weinend aufwachen, weil gerade der Nuggi weg ist, das Kuscheltier gesucht wird oder sie eine Milch haben wollen. So kann man rascher auf ihre konkreten Bedürfnisse eingehen und das Kind gewinnt an Selbstvertrauen.

Durch weitere Zeichen lernt Elijah, das Wort «mehr» auszudrücken oder «Ich möchte Milch». Das hilft Karin Patton, das Kind im Alltag besser zu verstehen. Bis ein Baby das von den Eltern stets wiederholte Zeichen begreift und später selbst mit den Händen formt, vergehen einige Tage bis Monate. Das Kind soll ja nicht zu irgend etwas gezwungen werden, sondern bloss spielerisch und reflexartig aufnehmen, was es in diesem Alter ohnehin tut. Nur ahmt es nun gezielt vorgetragene Bewegungen der Eltern nach und zwar in Anlehnung an die hochdeutsche Gebärdensprache.

Will ein Kind zum Beispiel «Milch» sagen, bewegt es seine Hände zweimal auf und ab und schliesst die Fäuste dazu. Das ist eine abgekürzte Version der Melkbewegung.

Die Babyzeichensprache kann hörenden wie tauben Kindern beigebracht werden, aber auch Kindern mit verzögerter Sprachentwicklung oder Down-Syndrom.

Mit den Augen und den Ohren

In den 80er-Jahren bemerkte ein gewisser Joseph Garcia, dass die Kinder seiner gehörlosen Freunde im Alter von neun Monaten bereits die Gebärdensprache ihrer Eltern nachahmten und damit kommunizieren konnten. Und er fragte sich, ob das nicht auch bei noch sprachlosen Babies hörender Eltern funktioniere. Er sollte recht bekommen.

So profitieren heute nicht nur die Eltern. Auch den kleinen Schlingeln bleibt manch ein Frust erspart, wenn sie etwas «sagen» sollen, aber nur die Gedanken sprudeln, ohne dass sie vom Gegenüber verstanden werden. Das Kind lernt gleichzeitig visuell und akustisch zu begreifen, was die Aufnahme und das Erlernen einer Sprache verstärkt. Denn die hiefür «zuständige» rechte beziehungsweise linke Hirnhälfte wird gleichmässig genutzt.

Studien und Behauptungen

Die Gebärdensprache für Babies kann in Kursen beigebracht werden (siehe Kasten), unbedingt erforderlich ist das aber nicht. Die Zeichen sind in Büchern abgebildet. In einem Kurs können die Eltern jedoch Erfahrungen austauschen, ist die Motivation der Kinder grösser. «In der Gruppe ist es schöner. Wir Eltern trinken auch gemeinsam Kaffee, und die Kinder sind eine fröhliche, bunte Schar», sagt Karin Patton.

Natürlich existieren in den USA Studien, die belegen wollen, dass mit der Zwergensprache der IQ gefördert werde und solche Kinder leichter lernen. Karin Patton will diesen Eindruck vermeiden und damit jenen widersprechen, welche solche Spielformen mit «Förderungswahn» gleichsetzen. Noch weniger logisch erscheint ihr der Vorwurf, dass Eltern so die Körpersprache der Kinder verlernen würden. «Das Gegenteil ist der Fall», sagt Karin Patton, «wir Eltern beobachten das Kind so viel genauer und reagieren auf ihre Gefühle und Gesten.»



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