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Tagblatt Online, 20. Dezember 2008 01:00:55

Frau Gott

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Aschera: Jahwes Partnerin als Tonfigur, 16 Zentimeter gross. (Bild: Bild: pd)

Götter-Ehe Der liebe Gott ist kein Single mehr: Othmar Keel zeigt die Frau an seiner Seite. Daniel Klingenberg

Weihnachten ist ein Idyll der bürgerlichen Familie: Einträchtig sitzt in der Christnacht die heilige Familie bei Kerzenschein zusammen. Die Eltern bestaunen verzückt ihren Nachwuchs in der Krippe, Gratulanten treten hinzu. Vater, Mutter, Kind: Hier wird Harmonie beschworen, der Kommerz-Weihnachtskitsch lässt grüssen.

Der göttliche Patriarch

Natürlich hat dieses Bild Risse. Ganz abgesehen von der sozialen Unsicherheit damaliger Tage: Josef ist nicht der Vater des Jesus-Kindes. Er spielt tapfer eine Patchwork-Vater-Rolle. Hinter Josef steht lenkend eine viel mächtigere Männerfigur: der Vatergott. Der göttliche Patriarch gehört zum erweiterten Personal der heiligen Familie. Er ist es, der hier seine Fäden zieht. Denn: Gezeugt wurde Jesus nach der Bibel vom Heiligen Geist, Maria ist Jungfrau, sie «weiss von keinem Mann».

Im Gefolge der Aufklärung hat die wissenschaftliche Theologie mit solchen Vorstellungen aufgeräumt. Die göttliche Vaterschaft wird nicht mehr physisch, sondern symbolisch verstanden: Der Retter der Menschheit muss von höchster Stelle legitimiert sein. Umfragen zeigen denn auch, dass nur noch zwanzig Prozent der Mitteleuropäer glauben, dass Maria bei der Geburt eine Jungfrau war. Viel hartnäckiger hält sich die Vorstellung vom männlichen Vatergott. Dass Gott ein «Er» ist, hat sich samt seinem Bild tief ins kollektive Gedächtnis eingegraben. Den Allmächtigen mit Rauschebart, wie ihn etwa Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle zeigt, haben die Kinder des Abendlands mit der Muttermilch eingesogen. Man schert sich dabei keinen Deut um das erste Gebot, das Gottesdarstellungen verbietet.

6800mal ist Gott ein «Herr»

Nichts könnte die männlich geprägte Gottesvorstellung deutlicher machen als die gängige Übersetzung des biblischen Gottesnamens «Jahwe». 6800mal findet sich dafür in den meisten Bibeln die Bezeichnung «Herr». Obwohl Jahwe in der Bibel in ganz unterschiedlichen Rollen, auch weiblichen, auftritt.

Dass dies fragwürdig ist, hat nicht nur die feministische Theologie festgestellt. So sagt der Freiburger Alttestamentler Othmar Keel, Jahwe erfahre durch die «Herr»-Übersetzungspraxis eine Persönlichkeitsveränderung. Und macht das Beispiel: Wenn ein Eigenname wie «Jahwe» konsequent mit «Herr Direktor» übersetzt werde, bedeute das eine «ungeheure Verengung». Und es handle sich bei der Bezeichnung «Herr» für Jahwe auch nicht um eine Übersetzung, sondern eine Interpretation.

400 Jahwe-Frauen ausgegraben

Die Tradition hat die Herrscherrolle Jahwes ausgebaut: Der liebe Gott braucht keine Frau an seiner Seite. Er ist sich selbst genug, vollkommen unabhängig, allmächtig, Herr der Geschichte. Der Eingottglaube ist Kennzeichen monotheistischer Religionen wie des Christentums.

Mit dreitausend Jahren männlich definierter Gottesvorstellung aufzuräumen, ist ein altes, aber in der kirchlichen Hierarchie bisher weitgehend erfolgloses Anliegen feministischer Theologie. Nun macht Othmar Keel einen neuen Anlauf: Er will «Gott weiblich» zeigen. Das Weibliche sei eine weitgehend verborgene Seite des biblischen Gottes. Der Inhalt des Katalogs zur gleichnamigen Ausstellung ist aber wesentlich brisanter als der Titel: Keel zeigt, dass Jahwe eine Frau hatte. Statt zu einem sich selbst genügenden Single wird der liebe Gott zum Verheirateten. Und: Die Bibel verschweigt dies keineswegs – wenn sie es auch am liebsten vergessen machen möchte.

Othmar Keels Argumentation gründet auf archäologischen Funden. Ausgrabungen in Jerusalem haben bis heute rund 400 Exemplare einer weiblichen Gottheit mit stark betonten Brüsten zutage gefördert – unter Archäologen «Bruschtfraueli» genannt. Aufgrund der Anzahl ist davon auszugehen, dass in jedem zweiten Jerusalemer Haushalt des 8. und 7. Jahrhunderts vor Christus eine solche Kultfigur stand.

Segen von «Jahwe und Aschera»

Bei den Tonfiguren handelt es sich mit grosser Wahrscheinlichkeit um die Fruchtbarkeitsgöttin Aschera. Denn im damaligen Tempel gab es, neben der Bundeslade als Vergegenwärtigung von Jahwe, eine Aschera. Die Göttin war demnach im Jerusalemer Alltag verankert. Hinzu kommt ein weiterer archäologischer Befund. 1975 wurden bei Ausgrabungen in einer Wüsten-Karawanserei zwischen Gaza und Eilat auf Vorratskrügen Inschriften gefunden. Mit einer Segensformel: Gesegnet wird «durch Jahwe und seine Aschera». Die Entdeckung war eine Sensation und löste unter Fachleuten eine weltweite Diskussion über eine Frau an der Seite des lieben Gottes aus. Aufgrund dieser Belege liegt es nahe, dass die Figuren Aschera-Modelle für den Haushalt sind. Mit einem fraglos weitverbreiteten Kult.

Ausradiert wegen Katastrophe

Der Befund von Othmar Keel ist daher klar: Bevor der liebe Gott zum einsamen Patriarchen wurde, hatte er eine weibliche Partnerin. Was in der altorientalischen Götterwelt normal war: Es gibt viele Beispiele von Götterpaaren. Die Haltung von Keel wird von vielen Bibelwissenschaftern geteilt.

Warum ging die Aschera-Tradition und damit das Weiblich-Göttliche vergessen? Eine erste Antwort gibt die Rolle, welche die Bibel der Aschera zuteilt: Sie kommt durchwegs schlecht weg. 622 vor Christus wird sie samt ihren Dienerinnen aus dem Tempel geworfen, ihre Verehrung wird als Götzendienst bezeichnet. Grund für die negative Darstellung ist laut Konrad Schmid, Alttestamentler in Zürich, die damalige weltpolitische Katastrophe für das alte Israel. Nebukadnezar zerstörte 587 vor Christus Jerusalem und verschleppte die Oberschicht ins babylonische Exil. Das war einer der tiefsten Einschnitte in der Geschichte Israels, der tiefe Veränderungen in der Gottesvorstellung nach sich ziehen musste.

Gott als «Jahwe und seine Aschera» hatte als Garant gelingenden Lebens ausgedient. Man setzte nun auf Jahwe, der zum alleinigen Weltenherrscher aufstieg. Eine Partnerin hatte keinen Platz mehr, Aschera wurde im Rückblick dämonisiert.

Die Zukunft ist weiblich

Über 2500 Jahre später ist dies anders. Othmar Keel sieht die Zeit gekommen, weibliche Züge Gottes stärker in den Vordergrund zu rücken. Was er in Verbindung bringt mit dem Aufkommen der Frauenemanzipation. Sie sei eine Revolution ohne Blutvergiessen, werde aber die Entwicklung der Menschheit nachhaltig prägen.

Keel Othmar: Gott weiblich. Eine verborgene Seite des biblischen Gottes. Freiburg 2008, Fr. 43.90




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