Auf hoher See ohne Kapitän

ETH-Studenten, darunter vier Ostschweizer, tüfteln an einem Segelboot, das unbemannt den Atlantik überqueren soll. Ein Gelingen würde Weltrekord bedeuten. Sebastian Keller
17. Dezember 2008, 01:00

So muss es in Bill Gates' Garage vor über dreissig Jahren auch ausgesehen haben: zahlreiche Computer auf kleinen Tischchen, ein Kabelsalat auf dem Boden, Bastelmaterial überall – und ein Sofa. Auf eben diesem hat der 23jährige Lian Giger gestern nacht wieder einmal übernachtet. «Weil es spät wurde beim Tüfteln.» Der Steckborner Maschinenbaustudent ist einer von acht Mitgliedern des SSA-Teams (Studenten segeln autonom). Ziel dieses Projekts ist die Entwicklung eines Segelboots, das unbemannt und komplett selbständig den Atlantik überqueren kann. «Im Herbst 2009 an der Microtransat Challenge gilt es ernst», sagt Giger und fügt an: «Bis dann werden wir 16 000 Arbeitsstunden geleistet haben.» Die acht Daniel Düsentriebs entwickeln und bauen vom Rumpf bis zur Elektronik alles selber.

Kommunikation via Satellit

Das ambitionierte Vorhaben findet im Rahmen eines Fokusprojekts an der ETH Zürich statt, das Studenten im letzten Jahr des Bachelorstudiums belegen können. Auch der 20jährige Patrick Schwizer sitzt bei der Entwicklung mit im Boot. Er ist für die Regelung zuständig, programmiert also den Bordcomputer, damit Castor – so der Name des Bootes – vollautonom segeln kann. «Das Boot sammelt alle relevanten Daten wie Wellengang, Windstärke und Windrichtung und reagiert selbständig darauf», erklärt der Goldacher. Während dem Wettbewerb dürfen sie Castor nicht steuern, aber sie können das Boot via Satellit mit aktuellen Wetterinformationen und im Notfall mit Updates versorgen. «Wir werden wohl während der Überquerung laufend vor dem Computer sitzen.»

Wetterdaten sammeln

Die Gesamtkosten für das Projekt betragen 120 000 Franken, welche die Studenten durch Sponsoren auftreiben müssen. Die ETH stellt die Garage und die Computer zur Verfügung. «Wir haben bereits einige Sponsoren, aber für die Realisierung sind wir noch auf weitere Geldgeber angewiesen», sagt Giger. Bei diesem Projekt geht es um mehr als nur eine einmalige Ozeanüberquerung. Die jungen Erfinder überlegen sich bereits konkrete Einsatzmöglichkeiten für die entwickelte Technologie: «Beispielsweise kann sie Meeres- und Wetterdaten sammeln oder für Aufklärung und Überwachung eingesetzt werden», sagt Schwizer.

Schnelligkeit Nebensache

Castor wird ein halbes Jahr autonom segeln können. Für die Atlantiküberquerung rechnen die Studenten aber nur mit etwa acht Wochen. «Die Geschwindigkeit ist Nebensache, Hauptsache ist, dass unser Baby die Überquerung heil übersteht», ergänzt Giger, der Segeln auch als Hobby betreibt. Was keine Voraussetzung für dieses Projekt, aber doch ganz nützlich sei, wie er sagt. Damit das Schiff überhaupt so lange auf dem Meer fahren kann, gewinnen Solarzellen Energie. Für den Fall, dass die Sonne nicht genügend Energie liefert, werden die Studenten noch Brennstoffzellen einbauen.

Lehrreiches Projekt

Die beiden sind sichtlich fasziniert vom Projekt, beim Erzählen kommen sie schnell ins Schwärmen, wollen, dass der Zuhörer versteht, was sie hier so leidenschaftlich tun. Diese Leidenschaft brauchen sie auch, denn bis Castor im Herbst 2009 in See stechen kann, wird noch viel Zeit und Hirnleistung nötig sein. Währenddessen wird auch das Garagensofa wohl noch oft als Schlafstätte dienen müssen.


Leserkommentare

Anzeige: