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Realistisches und Phantastisches
Haus mit Säntis: Aus dem Buch «Tigerli kommt heim» (2006). (Bild: Bild: Appenzeller Verlag)
«Wenn ich male, brauche ich Leute um mich herum», sagt Lilly Langenegger. Sie sitzt an ihrem Arbeitstisch zwischen Küche und Stube. Licht fällt durch das Dachfenster. Auf dem Tisch eine Radierung, an der die Künstlerin arbeitet, und jede Menge Pinsel und Stifte. Dass einer ihrer Schaffensorte mitten in ihrer Wohnung ist, kommt nicht von ungefähr: Lilly Langenegger liebt Lebendigkeit. Und Phantasie.
Davon erzählen auch ihre Bilder in den drei Kinderbüchern – «Flöckli, das Geisslein», «Bläss und Zita» und «Tigerli kommt heim» –, mit denen die Gaiserin berühmt geworden ist.
Zürcherin findet nach Gais
Kommendes Wochenende verkauft Lilly Langenegger zugunsten der Weihnachtsaktion OhO in Herisau Kunstwerke, Radierungen und Karten. Das Engagement hat für die Künstlerin eine besondere Bewandtnis.
«Ich bin selbst in armen Verhältnissen aufgewachsen, und meine Familie lebte zuweilen von der Winterhilfe», sagt Lilly Langenegger.
Geboren ist die Malerin in Zürich. Dass das Mädchen talentiert zeichnet, war schon im Kindergarten aufgefallen. Das habe sie von ihrem Vater, die präzise Arbeitsweise von der Mutter, sagt Lilly Langenegger. Es dauerte aber Jahre, bis sie zu malen begann.
Denn die junge Frau machte erst eine Lehre als Kleinkinderzieherin, 1969 heiratete sie den Gaiser Landwirt Werner Langenegger.
«Bilder müssen leben»
«Mein erstes Bild habe ich 1975 im Spital gemalt, nach der Geburt meines vierten Kindes», erinnert sich die vierfache Mutter. Zu Hause blieb das Bild – «eine eher karge Winterlandschaft» – dann aber liegen. Sie sei immer zuerst Bäuerin und Mutter gewesen, sagt Lilly Langenegger.
Erst an dritter Stelle sei dann das Malen gekommen, das sie sich durch lange Übung nach und nach selbst beigebracht hat.
Auf die Bauernmalerei ist sie eher zufällig gestossen, hat darin aber eine eigentliche Berufung gefunden. Berühmt wurde sie mit den Karten für die Unicef. Ihre Darstellungen heben sich von denjenigen anderer Appenzeller Bauernmalereien ab. «Meine Bilder müssen leben und Geschichten erzählen», sagt Lilly Langenegger. Tatsächlich beben die Motive von Detailreichtum, an dem man sich kaum satt sehen kann.
Dahinter steckt Arbeit. Bis zu 400 Stunden musste Lilly Langenegger für ein einzelnes Bild in ihrem 2006 erschienenen Buch «Tigerli kommt heim» aufwenden. Das ging an die Kraft. «Ich liebe Detailtreue und exaktes Arbeiten. Aber bei diesem letzten Buch bin ich an meine Grenze gekommen», sagt die 66-Jährige.
Das Spiel mit den Mustern
Lilly Langenegger hat vor 30 Jahren beim St.
Galler Künstler Max Oertli auch die Technik des Radierens erlernt und arbeitete unter anderem regelmässig in einem Atelier in Zürich.
In den Radierungen trifft man auf eine weitere Facette. Hier begegnet einem Realistisches. Aber auch «Phantasiebäume», wie die Malerin die fein verästelten Gewächse nennt. Sie nimmt eine der Radierungen in die Hand. «Ich könnte endlos solche Muster zeichnen. In einem anderen Leben wäre ich vielleicht Stickereizeichnerin geworden.» (mwe)
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