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Tagblatt Online
16. November 2001, 01:30 Uhr
, aktualisiert: 11. März 2011, 09:13 Uhr

Direkte Kontakte ermöglichen ganz neue Sichtweisen

Mitglieder der Loge Odd Fellows St. Gallen haben gestern einen Tag im «Brüggli», Produktions- und Dienstleistungsbetrieb, in Romanshorn zugebracht. Dies ermöglichte einen intensiven Einblick in die Arbeitswelt von Menschen mit Handikap.

Romanshorn - Sich über eine Institution informieren lassen ist die eine Sache, einen ganzen Tag dort zu verbringen, den Alltag mitzuerleben, eine andere. Das ermöglicht einen Sichtwechsel, und solches zu bewerkstelligen hat sich die Thurgauer Fachstelle für Freiwilligenarbeit mit ihrem gleichnamigen Projekt «Sichtwechsel» zur Aufgabe gemacht.

Projektleiter Christian Bosshard benennt die Ziele mit: Grenzen überschreiten, Vorurteile abbauen gegen-über Menschen mit Einschränkungen, entsprechende Institutionen kennen lernen, die Wirtschaft zur Auftragsvergabe an Behindertenwerkstätten ermuntern sowie über Freiwilligenarbeit und Sozialzeit informieren. Und nicht zuletzt tut ein solcher Sichtwechsel einfach gut und erweitert den Horizont.
Und da Christian Bosshard noch seines Zeichens Odd Fellow ist, hat er seine Ordensbrüder von der St. Galler Alpstein-Loge eingeladen, sich einen ganzen Tag im «Brüggli» Romanshorn aufzuhalten, den Kontakt zu den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aufzunehmen und mit ihnen zu arbeiten. Gefolgt sind dieser Einladung neun der insgesamt 30 Mitglieder.

Erfolgsgeschichte

Im «Brüggli» gab es gestern vorerst Informationen von PR- und Kommunikationsleiter Alois Schütz. Als die Institution 1986 gegründet und ein Jahr später in Betrieb genommen wurde, hatte sie, zumindest im Thurgau, Pioniercharakter: Die erste geschützte berufliche Einrichtung für Menschen mit einer psychischen Behinderung. Aufgenommen werden jedoch auch Menschen mit einem körperlichen Handikap. Gestartet wurde damals mit 15 Personen, heute finden rund 300 Personen hier ihr Auskommen, davon sind 55 Leiterinnen und Leiter. Die «Brüggli»-Geschichte ist geprägt von Innovation, beispielsweise der Entwicklung und erfolgreichen Markteinführung des «Leggero» 1989, der ISO-Zertifizierung des Betriebs 1994 und dem Designpreis 1999 für das Modell «Twist».

Ausbildung im geschützten Rahmen

«Brüggli» bietet jedoch nicht nur Arbeitsstellen, sondern auch Ausbildungsplätze. Derzeit lernen 70 junge Menschen Berufe wie Koch, Informatiker, Polygraf usw. Rund die Hälfte der hier Arbeitenden sind Dauerbeschäftigte, da deren Integration in die quasi ungeschützte Arbeitswelt als nicht mehr sinnvoll oder möglich erachtet wird. 50 Prozent befinden sich entweder in Umschulung oder in Ausbildung hier.

Gelegenheit gab es gestern zudem für die Odd Fellows, sich kurz vorzustellen. Insgesamt 35 Männer und sechs Frauenlogen gibt es in der Schweiz, erklärte Walter Baumann. In St. Gallen ist das Gründungsjahr ins Jahr 1935 zurückzuführen. «Die Loge ist kein Religionsersatz, aber wir glauben an ein höheres Wesen.»
Sie seien keine Geheimorganisation, geheim seien allenfalls Passwörter und Zeichen und diese dienten nur der Identifikation der Mitglieder, wo anderswo Mitgliederkarten eingesetzt werden. Den Odd Fellows ist die Arbeit an ihrer eigenen Person sehr wichtig, aber ebenso auch die Unterstützung der Mitmenschen. Sie leben nach den drei Grundsätzen: Freundschaft, Nächstenliebe und Wahrhaftigkeit.






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