Aus der Stadt gejagt worden

07. Januar 2006, 00:30

Ich lege mich auf die Liege und werde von der Rückführungsleiterin mit einer Decke zugedeckt. Sie fordert mich auf, die Augen zu schliessen. Nun zählt sie schrittweise von 20 rückwärts bis Null und heisst mich dazwischen, meinen ganzen Körper gedanklich zu massieren. Ich habe jegliches Zeitgefühl völlig verloren. Irgendwie bin ich wach und doch nicht und ich weiss, dass ich auf einem Bett liege, aber vor meinen Augen laufen Bilder durch, die nicht aus diesem Raum stammen.

Die Therapeutin sagt, ich stünde vor einem Tor, und augenblicklich ist da auch ein Tor. Sie sagt auch, mein höheres Selbst befinde sich bei mir.

Reise in die Vergangenheit

Tatsächlich, ich schaue mich in meinen Gedanken-Film um und entdecke einen kleinen Wicht mit freundlichem Gesicht. Das Tor geht auf, als die Thearpeutin mich darauf aufmerksam macht. Vor mir ist nichts, in der Ferne grüner Wald, unter mir ist auch nichts, kein Boden. Es ist, als trete ich aus dem Fels in das Innere eines Kraters eines erloschenen Vulkans. Trotzdem falle ich nicht. Die Therapeutin fordert mich auf, genauer hinzusehen. Ich tue es und finde mich auf einer Strasse aus dem Mittelalter wieder. Das Kopfsteinpflaster ist nass, links und rechts alte Häuser. Aus deren Fenstern schauen Menschen abschätzig, fuchteln mit ihren Händen. Die Therapeutin fragt mich nach dem Namen der Stadt. Ich habe keine Ahnung und weiss auch nicht die Zeit, in der sich die Szene abspielt. Ich fühle mich klein, trage eine fünf-eckige Mütze, weinrote Schuhe aus Filz mit nach oben gebogenen Spitzen - als wäre ich ein Hofnarr. Ein einäugiger Krüppel mit einer Armbrust im Anschlag treibt mich vor sich her, die Menschen lachen hämisch und rufen durcheinander, aber ich verstehe sie nicht.

Jahrzehntensprung nach vorne

Ich höre die Therapeutin fragen: «Was passiert da gerade?» Ich sage: «Sie jagen mich aus der Stadt!» «Warum machen sie das?» «Sie ertrugen nicht, was ich sagte. Ich hatte doch recht, aber sie wollten es nicht hören.» Ich sehe mich völlig verstört zu einem Haus ausserhalb der Stadt rennen und stelle fest, dass es ein Wirtshaus ist. Es sind Leute da aber sie wollen nichts mit mir zu tun haben. Ich besteige ein Pferd. Irgendwie geht es aber nicht weiter mit der Geschichte, mit dem Film, der da abläuft in mir. Die Therapeutin sagt: «Wenn ich auf drei gezählt habe, befinden Sie sich an einem anderen bedeutenden Ort.» Und tatsächlich, ich bin plötzlich in einem prächtigen Saal. Rechts von mir ist eine aufgeregte Schar Bauern, links eine Gruppe ebenso aufgeregter fein gekleideter Edelleute, in der Mitte ich auf einem grossen Stuhl.

Mehrere Leben in drei Stunden

Nach mehreren solchen Zeitsprüngen (ich befinde mich dabei in einer Hafenkneipe, in einem Gerichtssaal, an einem österreichischen Hofball) holt mich die Rückführungsleiterin gezielt aus dem entrückten Zustand zurück. Ich brauche einige Zeit, bis ich vollends da bin und schaue auf die Uhr: Es sind fast drei Stunden vergangen!   Michael Hug


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