Besuch bei den Organisatoren des ersten St. Galler Steinzeit-Events

Pfeil und Bogen statt Gameboy

Die «St. Galler Steinzeitgruppe» um Remo Gugolz lädt am Wochenende zum «Steinzeit-Event». Ein Gespräch mit den Initianten zeigt, dass es beim Anlass um viel mehr als nur um prähistorisches Wissen geht.
04. Juni 2007, 00:30
Ralf Streule

Ein Besuch in der Stube von Remo Gugolz lässt erahnen, womit Menschen in der Steinzeit lebten. Beutel aus Brennnessel-Schnüren, Steinklingen, Birkenrinden und Tierhäute liegen auf dem Tisch. «Eine Vogelbeere gefällig?», fragt der Waldspielgruppenleiter. Die sei nicht giftig. Im Gegenteil: «Ohne Vogelbeere gäbe es uns nicht, hätten die Steinzeitmenschen keinen Winter überlebt.»

Schon ist Gugolz in seinem Element: Geschichten über unsere Vorfahren im Alpstein, über die Jagd mit Bumerangs aus Mammut-Elfenbein und über die Suche nach Feuer sprudeln aus ihm heraus. «Es ist nicht die Steinzeit an sich, die mich interessiert», sagt der St. Galler. Vielmehr fasziniere ihn der elementare Umgang mit der Natur und das Experimentieren mit prähistorischen Materialien.

Steinzeit zum Mitmachen

Mit seiner Faszination hat Remo Gugolz einige Freunde anstecken können. Katharina Hörler und Nicole Wolschendorf haben mit ihm zusammen die «Steinzeitgruppe St. Gallen» gebildet. Im November des vergangenen Jahres beschlossen sie, den «Steinzeit-Event» vom kommenden Wochenende (Kasten) auf die Beine zu stellen. Zuerst war nur ein kleiner Anlass unter Freunden geplant. Das Interesse von vielen Seiten, auch von Fachleuten, bewog die Gruppe dann dazu, einen öffentlichen Anlass zu organisieren. Der allgemeine Steinzeitboom im Fernsehen – eine deutsche Reality-TV-Sendung und die geplante Pfahlbauer-Serie des Schweizer Fernsehens – hätten nichts mit ihrem Engagement zu tun, meint Katarina Hörler. «Davon wussten wir bis vor kurzem noch gar nichts.» Ihr Anliegen sei es nicht, den Besuchern des Anlasses die Steinzeit als Konsumgut vorzulegen. «Die Leute sollen bei uns selber tätig werden und erleben, wie sich unsere Vorfahren zu helfen wussten», sagt Katarina Hörler.

Feuermachen als Erlebnis

Remo Gugolz hat inzwischen Feuerstein geholt und zeigt, wie Funken geschlagen werden. «Wenn ein Kind es schafft, so ein Feuer zu entfachen, wird es dies nie mehr vergessen», ist Gugolz überzeugt. Die Fähigkeiten unserer prähistorischen Vorfahren bezeichnet er als ein Kulturgut, das nicht verlorengehen dürfe. Er sei letzthin über sich selber erschrocken, als er im Internet die Information suchen musste, wie man aus Brennnesseln Schnüre macht. «Jedes Kind kann Computer bedienen, hat aber kaum Ahnung, was für Möglichkeiten in der Natur stecken.» Steinzeitliches Handwerk sei eine gute Schule für die Geduld, Kreativität und Spontaneität. Mit dem Selbermachen und Experimentieren lerne der Mensch viel über sich selber.

Sein Engagement für den «Steinzeit-Event» sei gewissermassen eine «Suche nach unserer Kultur». In einer Zeit, in der vieles schnell gehen muss, tue es gut, sich auf elementare Dinge der Natur zu konzentrieren. «Steinzeitmenschen nutzten die Natur, wir nutzen sie immer mehr aus.»

Der Jäger und Sammler in uns

Gugolz ist sich sicher, dass wir uns von unseren Steinzeit-Vorfahren kaum unterscheiden. «Auch wir sind noch Jäger und Sammler», behauptet er. Wenn er an einer Abfallmulde mit Brettern und Schiefertafeln vorbeikomme, könne er diese kaum dort liegen lassen. Er finde immer irgendeine Verwendung für das Material.

Remo Gugolz ist so von der prähistorischen Lebensweise angetan, dass er wohl gerne einige tausend Jahre vorher zur Welt gekommen wäre. «Es könnte ganz interessant sein», meint er. «Aber ich würde es kaum überleben – wir sind zu verweichlicht.» Er wäre mit seinem steinzeitlichen Wissen aber wohl besser vorbereitet als die meisten anderen.

Weitere Aktionen geplant

Der Anlass vom Wochenende soll keine einmalige Sache bleiben. Die Steinzeitgruppe um Gugolz sieht den «Steinzeit-Event» vielmehr als Startschuss für einen grösseren «Mitmachanlass». Geplant ist eine Aktion am See, dazu sind aber noch Gemeinden oder Privatpersonen gesucht, die ein passendes Gelände zur Verfügung stellen würden.


Die Reise zurück in die Steinzeit

Der öffentliche «Steinzeit-Event» vom kommenden Samstag (9 bis 18 Uhr) und Sonntag (9 bis 16 Uhr) wird im Aussengelände der St. Galler Rudolf-Steiner-Schule an der Rorschacher Strasse 312 durchgeführt. In Demonstrationen und in Workshops präsentieren Fachleute mit steinzeitlichen Werkzeugen und Materialien die Herstellung von Waffen und Alltagsgegenständen wie Pfeilbogen, Speerschleuder, Steinzeitbrötchen oder Lederbeutel. «Die Besucher sind nicht nur zum Zuschauen, sondern auch zum Mitmachen eingeladen», schreiben die Organisatoren. Die Workshop-Teilnehmer haben «die einzigartige Gelegenheit, anschauliche Kenntnisse in Handwerk und Kulturtechniken jener Zeit zu erhalten und <steinzeitliche> Handlungskompetenzen aufzubauen». Erwachsene bezahlen 15 Franken, Kinder ab 12 Jahren zehn Franken, ab sechs Jahren fünf Franken Eintritt. (rst)

www.steinzeitexperimente.ch

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