Arte TV wird morgen Mittag eine vom «Verein zur Verzögerung der Zeit» initiierte Aktion filmen

Heiterer Ernst am Wegkreuz

st. gallen. Ein Manifest für die Bedächtigkeit, ein Anstoss für das Wahrnehmen von Entschleunigung. Ein Zeichen für Glück, Zeit und Humor. Das soll die Aktion auf der Kreuzbleiche-Verkehrsinsel sein.
12. Oktober 2007, 00:30
Brigitte Schmid-Gugler

Unüblicher Ort, unübliche Zeit: Es hat, obwohl in den Farben der Schweizer Fahne gehalten, ganz und gar nichts mit der Olma zu tun. Es ist keine Demo gegen den Lärm, keine gegen Luftverschmutzung und keine gegen die SVP. Es wird kein Asphalt aufgespitzt und es werden keine Schwarzen Blöcke – äxgüsi – Schafe im Zau(m)n gehalten. Dafür werden Liegestühle auf dem relativ unwirtlichen Dreieck aufgestellt. Liegestühle aus Holz mit einem rot-weiss gestreiften Leinenbezug. Mark Riklin hat vor einem Jahr zweimal fünfzig importieren lassen. Aus Tschechien. In die eine Hälfte von den hundert kann man sich setzen oder hineinliegen und einfach mal warten. Schauen, was passiert mit einem, wies einem so zumute ist, wenn man plötzlich etwas tut, was man eigentlich nicht tut. Im Liegestuhl dem Verkehr zuschauen. Eine Stunde lang Zeit verschwenden. Lachen vielleicht. Wenn das geschehen könnte, wäre viel (Zeit) gewonnen, sagt Mark Riklin, der Initiant der Aktion und seit März dieses Jahres Schweizer Vertreter des «Vereins zur Verzögerung der Zeit». Das ist kein Witz, im Fall. Den Verein mit dem eigenartigen Ziel, die Zeit und ihre Entschleunigung neu zu definieren, gibt es wirklich. Er wurde 1990 in Klagenfurt von Professor Peter Heintel gegründet. Es handelt sich dabei um den «grössten interdisziplinären Zusammenschluss von Zeitexperten» im deutschsprachigen Raum.

Auf Zeit gestossen

Heintel versammelt Menschen und Fachleute um sich, die ihr Lebens- und Arbeitsumfeld kritisch durch die Zeitlinse betrachten wollen. Jedes Jahr finden Symposien statt; in öffentlichen Talkshows, Interviews und Fernsehsendungen ist die Sichtweise der «Zeitverzögerer» gefragt. Es war 1998, als Mark Riklin in Berlin, ein abgeschlossenes Studium in Soziologie, Psychologie und Politologie und eine Magisterarbeit über Strassenkinder in der Tasche, das erste Mal in der «Berliner Zeitung» auf einen Artikel stiess über den «Verein zur Verzögerung der Zeit». «Es machte mich sofort nervös», erinnert er sich. Und zwar nicht aus Abwehr vor dem Inhalt der Lektüre, sondern weil sie etwas in ihm anklingen liess, was ihn persönlich schon seit längerer Zeit beschäftigte.

Feuer entfachen…

Die Initialzündung war das Buch «Eine Landkarte der Zeit» des amerikanischen Sozialpsychologen Robert Levine gewesen, in welchem dieser während einer zwölfmonatigen Forschungsreise das Lebenstempo und das Zeitempfinden in 31 verschiedenen Ländern untersuchte. Es bietet eine Fülle von Reflexionen über die kulturell bedingte unterschiedliche Erfahrung von Zeit. Mark Riklin begann zum Phänomen zu recherchieren und veröffentlichte in Berlin, wo er mehrere Jahre lebte, Artikel zu diesem und anderen Themen, was ihm vom Chefredaktor der Wochenzeitung «die Welt» bezeichnenderweise das Lob einbrachte, seine Texte läsen sich «ausgeruht».

Seit seiner Rückkehr in die Schweiz vor sieben Jahren beschäftigt sich Riklin neben der Tätigkeit als freier Journalist und Lehrer mit Aktionen zu den magischen Begriffen «Glück» und «Zeit», die seiner Ansicht nach wie ein Zwillingspaar zusammengehören. Denn: «Im Innehalten, in der Reflexion, im Bewusstseinsprozess von Zeit, in der Langsamkeit können Glücksmomente entstehen.» Wobei Langsamkeit nicht das kategorische Verlangsamen jedes Ablaufs bedeute, sondern das Unterscheiden, mehr Sorgfalt walten lassen können.

Im Jahr 2000 etwa veranstaltete er im Bahnhof Romanshorn mit Maturandinnen und Maturanden den «Maturaschlaf». Die jungen Frauen und Männer schliefen auf Feldbetten auf dem Perron zwischen Passanten sowie ein- und abfahrenden Zügen. Der Fahrdienstleiter trug seinen Teil dazu bei, indem er sämtliche Durchsagen nur noch flüsterte und damit der Aktion zur «Reifefrage» ein Maximum an Aufmerksamkeit und Belustigung einbrachte. Im Rahmen seiner Anstellung an der Schule für Beruf und Weiterbildung SBW richtet er seine Aufmerksamkeit als beratendes Mitglied innerhalb der Geschäftsleitung auf unausgegorene Denk- und Entwicklungsprozesse, und er macht den Mund auf, wo Schweigen das Beschleunigen fördern würde. Regeneration gegen Effizienz, der Verlust von Zeit gegen den Gewinn von Zeit, beides wechselseitig ausbalanciert.

Als vergangenes Jahr Walter Bürki, der bisherige Schweizer Landesvertreter des «Vereins zur Verzögerung der Zeit» starb, bewarb sich Mark Riklin um dessen Nachfolge und wurde auf Anhieb gewählt. Dass jetzt Arte TV für eine Spezialsendung über Langsamkeit gerade in St. Gallen dreht, hat mit seiner praxisbezogenen, humorvollen Umsetzung von «entschleunigter Zeit» zu tun.

…statt Fässer füllen

Mit seiner Aktion will Mark Riklin visuelle Gedankenanstösse geben, Erkenntnisse über den Begriff von Zeit zulassen und natürlich auch irritieren. Menschen, die an den Liegestühlen hängenbleiben – sei es als ausprobierende Teilnehmer oder auch nur als vorbeischlendernde Beobachter – sollen nicht auf die übliche «Flyer»-Art überschwemmt werden von «gescheiter» machenden Infos, sondern sie sollen selber gwundrig werden und nachsinnen.

Die «Querdenker»-Aktionen sind mitten hinein plaziert in vermeintlich routinierte Alltagsabläufe. Als Bühne dienen die Holzbretter des Lebens und wen es gelüstet, kann darauf die Karten des Spiels von Zeit, Glück und Humor neu mischeln. «Es gibt viel zu tun, also lassen wirs», einer der bezeichnenden Slogans des «Vereins zur Verzögerung der Zeit» – im Sinne von augenzwinkerndem Weltflanierertum.


Statisten gesucht

Die Aktion «Lob der Siesta» auf der Verkehrsinsel bei der Autobahnausfahrt «Kreuzbleiche» wird von Arte TV für eine Spezialsendung über Langsamkeit dokumentiert, die demnächst im Kulturmagazin «Tracks» ausgestrahlt werden soll.

Für die Aktion von 12.30 bis 13.30 Uhr werden Statistinnen und Statisten gesucht, die Lust haben, sich an ungewohnter Stelle der Siesta hinzugeben und sich von «Komplizen des Schlafes» der Butler Agentur verwöhnen zu lassen mit erfrischenden Getränken, einschläfernder Lektüre oder verführerischen Bettmümpfeli.

Die Aktion findet bei jeder Witterung statt. Ein Liegestuhl kann reserviert werden unter der Siesta-Line: 071 223 73 80 oder 071 340 02 32. (red.)


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