Amor Ben Hamida deckt kulturelle Missverständnisse und Gemeinsamkeiten zwischen Orient und Okzident auf

Mit Büchern Brücken bauen

Rorschach. Er ist in der arabischen und der westlichen Kultur verwurzelt. Der gebürtige Tunesier Amor Ben Hamida lebt seit Jahrzehnten in Goldach und Rorschach. Als Buchautor will er Vorurteile ausräumen.
31. März 2007, 00:30
Arne Goebel

Der Rorschacher Amor Ben Hamida hat gerade die Arbeit zu seinem zweiten Buch abgeschlossen. Ende des Monats soll es erscheinen. «Ich erwarte Reaktionen und Diskussionen», sagt der gebürtige Tunesier. Das Buch trägt den Titel «Mit arabischen Grüssen» und will Klarheit und Verständnis schaffen für beide Kulturen – die arabisch-islamische und die westliche. Nachdem der 48-Jährige in seinem Buch «Tunesier sucht Europäerin» über binationale Beziehungen aus denen in der Regel rasch Ehen erwachsen, geschrieben hatte, greift er in seinem neuen Buch Themen wie Tourismus und Terrorismus auf. Weiter skizziert er das Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne in der arabischen Welt. «Es ist ein sehr selbstkritisches Buch», sagt Ben Hamida, der den grössten Teil seines Lebens in der Region Rorschach verbracht hat, sich aber dennoch bestens in der arabischen Gedankenwelt zurechtfindet.

In die Schweiz geholt

«Mit zwölf Jahren wurde ich als Halbwaise in Tunesien von Vertretern des Pestalozzidorfes ausgesucht. Sie haben 1970 mit sieben Kindern aus dem ganzen Land eine weitere Tunesien-Gruppe gebildet», erinnert sich Ben Hamida. Das Kriterium nach dem die Kinder ausgewählt wurden: «Brav und gut in der Schule.» Die Anfangszeit in Trogen sei eine grosse Umstellung gewesen. Er erinnert sich, dass ihm am Essen die vertraute Schärfe gefehlt hatte und dass am 18. April 1970 zwischen St. Gallen und Trogen noch Schnee gelegen hatte. Mit 14 Jahren begann er Gedichte zu schreiben, von denen heute keines mehr existiert. «Ich schrieb ellenlange Gedichte auf Französisch. Das war eine Art Ventil für mich.» Mit 18 Jahren hörte er auf zu schreiben. Später besuchte er die Handelsschule in Neuchâtel und lebte mit seiner Schweizer Frau 20 Jahre lang in Goldach. Nach der Scheidung zog er 2004 nach Rorschach und ist heute als Business Analyst bei einem grossen Rückversicherer in Zürich tätig. Auch hier setzt er seine Mission als Vermittler und Brückenbauer um. «Ich arbeite mit langhaarigen IT-Entwicklern und den Anzugträgern im Kader», sagt Ben Hamida. «Die sprechen verschiedene Sprachen, die ich beide verstehe», fügt er an. Doch nicht nur im Beruf vermittelt Ben Hamida. Integrationsbeauftragte fragen ihn für Lesungen mit anschliessender Diskussion an. Oft sind diese Anlässe öffentlich.

Secondos als Hoffnungsträger

Kaum ist das zweite Buch fertig, hat Ben Hamida auch schon ein weiteres Thema im Blick: «Ich werde drei junge Secondos aus der Ostschweiz auf einer Reise nach Tunesien porträtieren.» Es gebe da drei Erziehungsmodelle, das traditionell arabische, das westliche und eine Mischform. Jeder der drei Secondos repräsentiert einen dieser Stile. Auch Secondos könnten Brückenbauer sein, denn sie seien im Idealfall in beiden Kulturen verwurzelt. Ben Hamida bezeichnet sie als Hoffnungsträger, die wesentlich zum Verständnis der Kulturen beitragen können. «Es ist alles eine Frage der Sichtweise: Es gibt Menschen, die sind hier und in ihrer Heimat fremd. Und es gibt Menschen, die sind hier und dort, wo sie herkommen zu Hause.»

Eine klare Mission

Für den Tunesier in Rorschach ist seine Mission klar: kulturelle Unwissenheit, Missverständnisse und Vorurteile durch Kommunikation aus dem Weg räumen. Doch auch jeder Ausländer müsse sich sprachlich ausdrücken können, denn die Sprachlosigkeit führe zu Konflikten, die nicht sein müssten. «Tunesier und Schweizer sind sich ähnlicher, als wir denken. Deshalb beschreibe ich in meinen Büchern vor allem Alltagssituationen und bin bemüht, am Ende des Buches einen Lösungsvorschlag zu machen.»

Unter www.benhamida.ch sind im Internet Leseproben von Amor Ben Hamida zu finden.


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