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Tagblatt Online, 28. April 2007 00:30:59

«Feldforschung» im Hochhaus

FHS St. Gallen setzt sich mit der Lebensgemeinschaft des höchsten Rorschacher Hauses auseinander

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Unterricht mit Aussicht ? Studierende der FHS bereiten sich unter der Leitung von Selina Ingold und Mark Riklin auf das neue Projekt vor.

rorschach. Was mit Butlern begann, mit Liegestühlen bequem wurde und dann die Stadt in Szene setzte, wird nun von Studenten der Fachhochschule für Soziale Arbeit in Rorschach mit dem Projekt «Nachbarschaft auf 14 Etagen» fortgesetzt.

Nach «Eine Stadt verzaubern» (2005), «Lob der Siesta» und «Szenen einer Stadt» (2006) folgt am 1. Mai der vierte Streich in der Reihe «Stadt als Bühne»: Im Hochhaus an der Thurgauerstrasse 33, das vor bald 40 Jahren an der Stelle des alten Badhofs entstand, unternehmen Mark Riklin und Selina Ingold in Zusammenarbeit mit Studierenden der FHS St. Gallen, Hochschule für Angewandte Wissenschaften, den Versuch, den Faden zu den 54 Mietparteien aufzunehmen.

Realitätsnahes Projekt

Auf der Suche nach einer geeigneten Liegenschaft, wo sich Menschen unterschiedlichster Generationen, Kulturen und sozialen Schichten mischen, sind Mark Riklin und Selina Ingold über den Hochhaus-Komplex an der Thurgauerstrasse 33 gestolpert: aufgrund der einmaligen Lage direkt am See, aufgrund der Geschichte als eines der ersten Hochhäuser in der Stadt Rorschach und nicht zuletzt aufgrund der Klingelschilder, die unterschiedlichste Lebensentwürfe erahnen lassen, die auf engstem Raum neben-, über- und untereinander wohnen.

Diese Faszination teilen seit Anfang Woche 14 Studierende des Fachbereichs Soziale Arbeit, die Projektmanagement und Öffentlichkeitsarbeit im Rahmen eines zweiwöchigen Kompaktseminars an einem konkreten Beispiel möglichst realitätsnah erfahren wollen. Das Projekt «Nachbarschaft auf 14 Etagen» bietet ihnen die Gelegenheit, direkt in die Lebenswelt der Hochhaus-Bewohner einzutauchen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Nicht weil ein Problem besteht, sondern ganz einfach aus Interesse an Mensch, Wohnform und Nachbarschaft. Auf Basis einer Tulpenpost, mit der über die Projektidee informiert wurde, versuchten die Studierenden telefonisch mit Mietern in Kontakt zu treten und Treffen zu vereinbaren, bevor unter Leitung von Werner Seiler, Mieter auf der 11. Etage, eine erste Ortsbegehung stattfand.

Seither dient die Hochhaus-Terrasse als Ausgangspunkt für Fahrstuhl-Gespräche und abenteuerliche Geschichtenreisen in einzelne Wohnungen, wo die Studierenden gastfreundlich empfangen werden.

«Café Terrasse» für eine Stunde

Was manch einem Mieter fehlt, sind regelmässige Nachbarschaftstreffen, beispielsweise auf der Dachterrasse, die In-Lokal-Potenzial in sich berge, wie eine Studentin vermutet. Diesen Wunsch möchten die Studierenden zumindest für eine Stunde erfüllen: Am 1. Mai soll hoch über dem Schwäbischen Meer die Illusion eines stationären Cafés entstehen, das um punkt 13 Uhr wie eine Fata Morgana erscheint, um eine Stunde später wieder zu verschwinden.

Der Besuch des Cafés ist öffentlich und kostenlos. (mrk/rtl)


Wörtlich

Theorie in die Praxis umsetzen

«Das Tolle an diesem Projekt ist die Tatsache, dass wir nicht in dieses Hochhaus gehen, weil es dort Probleme gibt, sondern einfach in eine andere Lebenswelt eintauchen dürfen. (. . .) Wir gehen mit einem generellen Interesse an Menschen und ihren Geschichten in das Haus und kommen jedes Mal mit vielen Erzählungen von Lebensgeschichten, Schicksalsschlägen und Anekdoten wieder heraus. Uns zeigt das, wie wichtig es ist, auch für unseren Beruf, dass wir jedem Menschen mit einer offenen Haltung begegnen. Zudem ruft es uns in der Erinnerung, dass jeder Mensch seine ganzen Erfahrungen, Prägungen und Lebensumstände vor unserem Gespräch nicht abstreifen kann.

Je besser wir die Lebenswelt der Menschen kennen, mit denen wir arbeiten, desto besser können

wir ihr Verhalten und ihre Handlungen verstehen.

Das Projekt bietet uns die Chance, die Theorien von einer anderen Perspektive aus anzuschauen und sie in der Praxis zu erproben.»

Martina Götsch angehende Sozialarbeiterin



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