Ein Glücksfall für die Wissenschaft - die Niederschrift einer Supernova durch St. Galler Mönche im Jahr 1006

Mönche sahen Sternentod

Eine Furcht einflössende helle Erscheinung am Himmel hatten die St. Galler Benediktinermönche vor 1000 Jahren beobachtet. Dieses seltene Ereignis einer Supernova schrieben die Mönche in den «Annales Sangallenses Maiores» nieder.
09. Mai 2006, 00:30
Christian Pinter

Es war ein grandioser Anblick: Am 1. Mai 1006 strahlte ein neues, unbekanntes Gestirn auf. Bald schien es heller als der junge Mond. Tausend Jahre lang sollte kein ähnlich heller Stern mehr am Firmament gleissen. Mönche des Benediktinerstifts St. Gallen beobachteten die Erscheinung. Man hielt sie in den «Annales Sangallenses Maiores» fest, die Ereignisse zwischen dem frühen 8. Jh. und dem Jahr 1056 umfassen. Zusammen mit 2100 mittelalterlichen Handschriften wurden sie im Fluchtturm aufbewahrt. Der Eintrag auf Seite 222 des Codex 915, mit hellerer Tinte aufs Pergament gesetzt, ist ein Glücksfall für die Wissenschaft. Denn im übrigen Europa fand der neue Stern kaum Beachtung.

Nicht ohne Furcht

Dabei hatte St. Gallen ganz schlechte Karten. Hier hob sich das Gestirn bloss eine Handbreit über den Südhorizont. Die Sichtbarkeit blieb auf etwa drei Stunden pro Nacht begrenzt. Stellte sich der Säntis in den Weg, war sie sogar unterbrochen. «Nicht ohne Furcht», so der Bericht, nahm man den neuen Stern ungewöhnlicher Grösse im äussersten Süden wahr, tiefer als alle sichtbaren Sternbilder des Himmels. Dieser Hinweis sollte Astronomen später helfen, die Position des Gestirns abzustecken.

Sie war nämlich der Grund für die überaus schwierigen Beobachtungsbedingungen. Der Neuling strahlte im Sternbild Wolf, das in St. Gallen nur teilweise über den Horizont lugte. Die Griechen hatten darin den hochmütigen, grausamen König Lykaon gesehen.

Für jemanden, der die Grundsätze antiker Astronomie kannte, muss der Stern von 1006 selbst ein «Frevler» gewesen sein – tauchte er doch unvermittelt auf und verblasste drei Jahre später wieder. Damit widersprach er der Vorstellung von der Unveränderlichkeit der Fixsternsphäre. Die Zahl der Sterne in den einzelnen Konstellationen galt als konstant. Werden und Vergehen gab es dort vermeintlich nicht. Kurzlebige Himmelserscheinungen wie die Kometen wurden bloss als Phänomen der Lufthülle betrachtet.

In China sah man den Himmel mit anderen Augen, begriff ihn als Ort der Veränderungen. Beamtete Hofastronomen informierten den Kaiser auch über das Auftauchen von Gaststernen. Auf kaiserlichen Befehl wurde jenem von 1006 geopfert. Man verglich seinen Glanz mit dem einer goldenen Scheibe.

Berichte aus islamischem Raum

Berichte liegen ausserdem aus dem islamischen Raum vor. Ab dem 9. Jh. hatten islamische Gelehrte die astronomischen Werke antiker Autoren übersetzt und überarbeitet. Besonderes Interesse fand der epochale «Almagest» des Claudius Ptolemäus. Der Alexandriner legte seinem Werk um 150 n. Chr. einen Katalog bei, der tausend Fixsterne in 48 Konstellationen umfasste. Die himmlischen Lichtpunkte bezeichnete er nach ihrer Lage im jeweiligen Sternbild. Später übertrug man die arabischen Übersetzungen ins Lateinische. Eigennamen blieben dabei, wenngleich oft verballhornt, erhalten: Deshalb heissen die Sterne des himmlischen Löwen z. B. «Denebola» (Arabisch: Schwanz), «Duhr» (Rücken), «Subra» (Mähne), «Aldhafera» (Haarsträhne), «Kabeleced» (Herz) oder «Algieba» (Stirn).

Offensichtlich übernahmen islamische Astronomen auch die griechische Idee von der Unveränderlichkeit der Fixsternsphäre. Jedenfalls ignorierten himmelskundliche arabische Quellen die folgenden Gaststerne der Jahre 1054 und 1181 im Stier bzw. der Cassiopeia. Europäische Klosterchroniken schweigen sich hier ebenfalls aus.

Erst die Erscheinungen des 16. bzw. 17. Jh. sollten wiederum Beachtung finden. Tycho Brahe studierte den neuen Stern von 1572. Das Buch «De nova stella» machte den Dänen weit über die Grenzen seines Landes bekannt. 1604 musterte Johannes Kepler abermals ein neues Gestirn. «Den Fixsternen vollkommen ähnlich», wirkte es auf ihn im Untergehen «wie eine Fackel, in welche der Wind weht».

Die Klosterbibliothek des Stifts St. Gallen ist eine der frühesten der Welt und die älteste der Schweiz. Eine Sondervitrine widmet sich dem Thema «Astronomie im Kloster St. Gallen».


Leserkommentare

Anzeige: