In der Nacht auf morgen Sonntag verdüstert sich der Mond wie anno 1504

Kolumbus und die Mondfinsternis

03. März 2007, 00:30

500Jahre alt ist der Name «Amerika». Der deutsche Kartograf Martin Waldseemüller und der Dichter Matthias Ringmann prägten ihn 1507 – in der Annahme, der florentinische Seefahrer Amerigo Vespucci hätte den neuen Kontinent entdeckt. Ein Jahr zuvor war Christoph Kolumbus verstorben, darauf beharrend, die «Länder Indiens» betreten zu haben. Das kostete ihm den Ruhm der Entdeckung, machte Eilande der Karibik zu «Westindischen Inseln» und die eigentlichen Bewohner der neuen Welt zu «Indianern».

Eine Mondfinsternis hatte Kolumbus in seinem Irrglauben bestärkt. Ein solches Himmelsschauspiel wiederholt sich höchst eindrucksvoll in der Nacht vom 3. zum 4. März, also von morgen Samstag auf den Sonntag (siehe «stichwort»).

Günstige Schätzungen

Die Kugelform der Erde stand unter Gelehrten nicht mehr zur Debatte, als Kolumbus das weit im Osten gelegene «Reich des Grossen Khan» auf der Fahrt nach Westen erobern wollte. Schon Aristoteles hatte gezeigt: Nur eine Kugel wirft stets jenen kreisförmig begrenzten Schatten, der bei Mondfinsternissen auf den Erdbegleiter fällt. Sogar für den Erdumfang lag seit der Antike ein verblüffend genauer Wert vor. Kolumbus zog allerdings Schätzungen vor, die einen kleineren Globus suggerierten. Um 150 nach Christus hatte Claudius Ptolemäus die Weltkugel zur Hälfte mit Festland bedeckt.

Der Ozean schrumpft

Mit Hilfe der Reiseberichte des Marco Polo und anderer Quellen walzte Kolumbus diese Landfläche nun noch weiter aus. Im Gegenzug schrumpfte der Ozean – und es schwanden die Bedenken, dessen Überquerung sei ein technisch unmögliches Unterfangen. Am 3. August 1492 lief Kolumbus, vorsorglich mit dem Titel «Vizekönig von Indien» ausgestattet, in spanischem Auftrag aus.

Dem Kompass mehr als dem Polarstern vertrauend, segelten die Schiffe über den Atlantik. Im Schnitt schafften sie nur «Schritttempo», überwanden einen Längengrad pro Tag. Jedes Mal verspätete sich der Sonnenuntergang um vier Minuten. Dieses Phänomen entging den Männern, zumal sie die Zeit mit dem Sandglas nur grob schätzen konnten.

Ungewöhnliche Sternschnuppe

Die Höhe vertrauter Sterne über dem Horizont verriet den aktuellen Breitengrad, doch das Fehlen einer präzisen Uhr vereitelte die Bestimmung der geographischen Länge. Am 15. September ging ein «herrlich anzusehender Feuerstreifen» nieder: Die ungewöhnlich helle Sternschnuppe galt als übles Vorzeichen und schürte die Befürchtung der Seeleute, ins Nichts zu steuern.

Nach zehn Wochen tauchte eine Insel auf. Für Kolumbus gehörte San Salvador zu Asien. Während seiner zweiten Expedition liess er seine Männer schwören, Indiens Küste zu sehen.

Auf der vierten und letzten Fahrt strandete er auf Jamaika. Die von Meuterern drangsalierten Inselbewohner weigerten sich, weiterhin Proviant zu liefern. Kolumbus drohte mit allerlei Strafen Gottes. Zunächst würde dieser, so kündigte er nach einem Blick in den astronomischen Almanach an, den Mond in Zorn entflammen lassen.

Die Finsternis von 1504

Tatsächlich verwandelte sich das Gestirn am 29. Februar 1504, eine Stunde nach Sonnenuntergang, in eine unheimlich dunkle, blutig-rote Scheibe. Die entsetzten Jamaikaner gaben den Widerstand auf.

Kolumbus nützte die totale Mondfinsternis auch als «Himmelsuhr»: Alle Beobachter dieser Welt sahen sie gleichzeitig. Doch über Spanien war es laut Almanach bereits Mitternacht, für Kolumbus erst früher Abend. Aus dieser «Zeitverschiebung» leitete er die geographische Länge ab. Er irrte sich um zweieinhalb Stunden, rückte Jamaika um 38 Grad zu weit von Europa fort. Da er mit völlig falschen Vorstellungen über Lage und Grösse Asiens aufgebrochen war, fiel ihm das Missgeschick nicht auf. Es wiegte ihn sogar noch mehr in trügerischer Gewissheit, das Ziel erreicht zu haben. In Wahrheit trennte ihn mehr als ein ganzer Ozean davon. Ein wirklicher Inder hätte die Finsternis deshalb in der Morgendämmerung erlebt!

Der Mond wird dunkelrot

Heute Abend tritt der Vollmond wieder in den Erdschatten ein. Des Sonnenlichts beraubt, zerrinnt er zur Lichtsichel, dann verschwindet auch sie. Während der Geisterstunde glimmt eine gespenstische, mattrote Mondscheibe am Firmament. Der irdischen Atmosphäre gelingt es nämlich, einige knapp an der Erdkugel vorbeisegelnde Sonnenstrahlen in den Schatten zu lenken. Die lange Passage durch die Luft raubt ihnen den Blauanteil. Als düster-rotes Dämmerlicht fallen sie auf die Mondlandschaft.

Dabei wird es uns allerdings nicht mehr so unheimlich zumute werden wie den Jamaikanern.

Christian Pinter


Stichwort

Finsternis-Fahrplan

Die Mondfinsternis von heute auf Sonntag beginnt um 21.16 Uhr mit dem Eintritt des Mondes in den Halbschatten der Erde. Ab 22.30 Uhr bewegt er sich in den Kernschatten, von 23.32 bis 01.58 Uhr dauert die totale Verfinsterung. Um 02.11 Uhr tritt der Mond aus dem Kernschatten wieder aus. (R.A.)


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