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Tagblatt Online, 25. September 2007, 00:30 Uhr

«Meinl im Graben»

Aktientricks und Bankskandale schädigen den Finanzplatz Österreich

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Nach der Spekulationspleite der Bawag ist neulich bei der Meinl Bank ein mutmasslicher Aktien-Insiderhandel geplatzt. Die Justiz ermittelt ? auch gegen den früheren Finanzminister Grasser.

Rudolf Gruber/Wien

Der kindliche Mohr mit dem roten Fez, das Logo der Firma Meinl, gilt in Österreich seit Kaisers Zeiten als Inbegriff für hochwertige Lebensmittel und Delikatessen. Meinl ist auch eine Institution der Wiener Kaffeehauskultur: 1877 erfand Firmengründer Julius Meinl, ein zugewanderter Bäckerssohn aus Böhmen, eine Kaffeeröstmaschine, die ihn reich machte und die Wiener Melange weltberühmt. Seine Nachfolger heissen alle Julius und werden wie Könige gezählt. Zurzeit regiert Julius Meinl V.; der medienscheue Milliardär, im Wiener Klatschjargon despektierlich «der Fünfer» genannt, ist Absolvent der Universität St. Gallen (HSG) und gilt als einer der schillerndsten Unternehmer Österreichs. Auch sein 21-jähriger Sohn, Julius VI., besucht die Ostschweizer Manager-Schmiede.

Finanzgeschäfte statt Kaffee

Im Jahr 2000 brach der 48-jährige Clan-Chef radikal mit der Tradition. Er verkaufte die Handelskette an Rewe und Spar, um ins Investment- und Immobiliengeschäft einzusteigen. Vom einstigen Filialnetz in Österreich und Osteuropa (350 Läden) blieb nur das Restaurant und Feinkostgeschäft «Meinl am Graben» in Wien, benannt nach einer noblen Innenstadtadresse. Das grosse Geschäft macht Meinl jetzt im Osten, besonders in Russland. Die Meinl European Land (MEL) entwickelt Projekte für Einkaufszentren. Der Wert der Aktie hat sich in fünf Jahren auf 21 € fast verdoppelt; MEL ist die viertgrösste Immobiliengesellschaft in Europa. Zum Imperium zählen auch die Meinl Bank, der Flughafen-Investor Meinl Airports International (MAI) und die Energiegesellschaft Meinl International Power (MIP), an der auch Ex-Finanzminister Karl-Heinz Grasser beteiligt ist.

Meinl und Grasser im Visier

Doch Ende August geriet die Erfolgsmarke Meinl plötzlich in Verruf. Die auf der Kanalinsel und Steueroase Jersey registrierte und an der Wiener Börse notierte MEL hatte für über 1,8 Mrd. € die Hälfte der eigenen Wertpapiere zurückgekauft und dies den Anlegern gesetzwidrig verheimlicht. Experten vermuten eine Panikreaktion: Angesichts der weltweit unter Druck geratenen Immobilienwerte sollte die MEL-Aktie mit dem Rückkauf gestützt werden; zudem fürchtete man, schlechte Nachrichten könnten den Börsenstart von Grassers MIP verhageln.

Als die Aktion platzte, trat das Gegenteil ein: Das MEL-Papier rutschte zeitweise deutlich auf unter 10 €. Im Konzern herrscht dicke Luft. MEL-Manager traten zurück, weil Julius Meinl V. mit Verweis auf die Eigenständigkeit der Gesellschaften jegliche Verantwortung von sich weist und nur Bankier sein will: «Ich führe eine Bank und kein Immobiliengeschäft.» Aber die Anleger haben vorwiegend der Marke Meinl vertraut und nicht MEL.

Ausser der Finanzmarktaufsicht und der Nationalbank, die Meinl wegen Marktmanipulation, Insiderhandels und Verletzung der Veröffentlichungspflicht prüfen, nimmt jetzt auch die Justiz Bankier Meinl und zudem MIP-Manager Grasser ins Visier: Gegen beide werden Vorermittlungen wegen Verdachts der Untreue, des Betrugs und der Täuschung (von Anlegern) eingeleitet. Zuvor hatten die Geschädigten bereits Millionenklagen angekündigt. Eine Wiener Zeitung titelte höhnisch: «Meinl im Graben».

«Lauter Trockenschwimmer»

Als Manager erwies sich Grasser bisher als Niete. Sein glamouröser Name sollte Investoren in Scharen anlocken. Doch die MIP-Aktie bewegt sich hartnäckig abwärts: Grasser kann trotz seiner angeblich blendenden Kontakte zur Finanzwelt kein einziges Projekt vorweisen. Gleichwohl kassiert er laut Vertrag allein dieses Jahr über 3 Mio. € an «Managementgebühren» – steuerfrei, denn auch MIP ist auf Jersey registriert.

Auch für die seit Jahren beklagte Schläfrigkeit der österreichischen Finanzmarktaufsicht – «lauter Trockenschwimmer», wie ein führender Banker bemerkt – wird zunehmend Grasser mitverantwortlich gemacht. Als Finanzminister hatte er schon eine raschere Aufklärung der kriminellen Milliardenspekulationen der früheren Gewerkschaftsbank Bawag verschleppt. Vor seinem Rückzug aus der Politik hatte Grasser noch die Finanzkontrollorgane mit seinen Getreuen besetzt – und just seine Seilschaft soll jetzt ihn selbst und seinen neuen Arbeitgeber Julius Meinl V. unter die Lupe nehmen. Die Regierung, um den Finanzplatz Österreich plötzlich tief besorgt, verspricht nun längst fällige Reformen.



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