Projektausstellung zum Thurgauer Volksschuljubiläum – Echo zum «Fehlerbüro» bisher positiv

Fehler können auch sympathisch sein

Frauenfeld. Seit Februar sammelt ein Fehlerbüro die Irrtümer der Thurgauer Bevölkerung. Daraus wird ein Kunstprojekt zum 175. Geburtsjahr der Volksschule.
16. Mai 2008, 00:30
Brigitta Hochuli

«Sammle möglichst viele Fehler, wähle einen aus und schicke ihn zu uns ins Fehlerbüro!», schreiben Yvonne Scarabello und Peter Hügli in einem Comic-Brief an die über 26 000 Thurgauer Volksschülerinnen und Volksschüler. Wenn dadurch Erinnerungen, Gedanken und Diskussionen ausgelöst würden und wenn Schülerinnen und Schüler danach mit Lust und Neugier begännen, ihre gemachten Fehler anzuschauen, «dann haben wir das erreicht, was wir uns davon erhoffen».

Alle können mitmachen

Scarabello und Hügli haben den Projektwettbewerb zum 175-Jahr-Jubiläum der Thurgauer Volksschule gewonnen. Zur Realisierung stehen ihnen 50 000 Franken zur Verfügung. Aus den Einsendungen auf Karteikarten (A5), aus Tonaufnahmen, Fotos oder Filmen wollen sie Plakate und eine Ausstellung gestalten (ab 31. Oktober). Zum Mitmachen aufgefordert sind neben den Schülern auch ihre Eltern oder Grosseltern. Mitmachen kann aber auch die übrige Bevölkerung.

Neue Sichtweisen erhofft

Dem «Fehlerbüro» geht es nicht nur um Schreib- oder Rechenfehler. «Peter ist oft schusselig, das finde ich lustig», sagt Yvonne Scarabello im Projektbeschrieb. «Yvonne schnarcht. Früher hat es mich gestört, aber jetzt…», sagt ihr Partner Peter Hügli. Fehler müssten nicht negativ sein, sie könnten eine Person auch sympathisch oder liebenswert machen. Fehler könnten dumm und ärgerlich, aber auch intelligent und lustig sein. «Wir wollen die Fehler aufwerten und sie auf den Jubiläumssockel stellen», sagt Scarabello.

Sie ist sich bewusst, dass es nicht jedermanns Sache ist, seinen Fehler auf Jubiläumsplakaten anzutreffen oder in einer Fehlersammlung ausgestellt zu sehen. Das Fehlermachen werde schnell als Versagen aufgefasst und zu häufiges Versagen werde bestraft. «Ja, das Fehlermachen hat einen schlechten Ruf», betont die Künstlerin. «Mit unserem Projekt verweigern wir uns aber gerade dieser negativen Logik in unserem Umgang mit Fehlern. Darin besteht sein Kern.» Sie erhoffe sich davon neue Sichtweisen auf «unsere Fehlerkultur und damit auch auf unsere Schule».

In der Pädagogik gälten Fehler auch als Lernquelle, sagt Hügli. Dabei erinnert er an die Forschungsarbeit der Universität Fribourg, wo Fritz Oser, Professor für Pädagogik und Pädagogische Psychologie, und seine Oberassistentin, die Psychologin Maria Spychiger, die Fehlerkultur erforschen. «Lernen ist schmerzhaft», heisst denn auch ihr vielbeachtetes Buch «Zur Theorie des negativen Wissens und zur Praxis der Fehlerkultur» aus dem Jahr 2006.

Die 39jährige Yvonne Scarabello ist in Frauenfeld aufgewachsen und war eine gute Schülerin. Sie habe kein Fehlertrauma, sagt sie. Nach einer Kürschnerlehre und verschiedenen Jobs besuchte sie die Schule für Gestaltung und die F+F Schule für Kunst und Mediendesign Zürich. Seit 2002 arbeitet sie als freischaffende Künstlerin. Im Kanton Thurgau bekannt geworden ist sie mit dem Projekt «HAB+GUT», für das sie einen Beitrag der Kulturstiftung Thurgau bekam.

Scarabellos Partner Peter Hügli (35) ist in Tobel aufgewachsen, hat das Seminar Kreuzlingen besucht und war als Primarlehrer in Frauenfeld tätig. Zurzeit verfasst er an der Uni Fribourg eine Lizenziatsarbeit in Philosophie. Die Künstlerin und der Pädagoge und Philosoph ergänzen sich. «Für einen allein wäre das Projekt zu gross.»

Tausende Beiträge erwartet

Nach einer ersten Ankündigung des Fehlerbüros im Februar und seit nach den Frühlingsferien an die Lehrer ein Schuldossier mit Unterrichtsvorschlägen verschickt worden ist, gibt es schon etliche positive Reaktionen und Einsendungen. Das Projektverfasserpaar rechnet aber mit Tausenden von Beiträgen. Wie sie sie sichten, archivieren und ausstellen wollen, wissen sie noch nicht.

Brücke schlagen

Das Vorhaben sei grundsätzlich «scho chli fräch», meint Yvonne Scarabello. Umso mehr hätten sie die Einstimmigkeit der Fachjury und die Begeisterung seitens des Volksschulamtes gefreut. Aus dem Kunstprojekt resultiere nicht einfach ein Objekt, das Ganze sei ein Prozess, die Installation des Fehlerbüros sei das eigentliche Kunstwerk. Damit solle auch eine Brücke geschlagen werden zwischen Kindern, Schülern und Erwachsenen. «Denn wir alle machen Fehler.»

Fehler können bis 4. Juli eingesandt werden an fehlerbuero@tg.ch oder FEHLERBÜRO, schuleTG, Regierungsgebäude, Frauenfeld; ab 1. Juni www.fehlerbüro.ch


Stichwort

Emotionen geweckt

Für das Kunstprojekt zum 175-Jahr-Jubiläum der Thurgauer Volksschule wurden laut Gesamtkoordinator Beat Benkler fünf

Vorschläge eingereicht. Darin

enthalten gewesen seien Elemente wie Wappen, Fahnen, Installationen mit elektronischen Medien, Schiefertafeln oder eine Mediathek. Die Originalität des Themas Fehler habe Emotionen geweckt. Doch der Umgang mit Fehlern sei ein Teil der Geschichte der Volksschule. «Oft ist der Fehler negativ belastet. Doch da gibt es auch Aufmunterndes: Aus Fehlern kann man lernen!» Das Kostendach bei der Ausschreibung sei bei 50 000 Franken angesetzt und dürfe in der Umsetzung nicht überschritten werden. Die Auswahl, Verarbeitung und Installation machten die grössten Ausgabenposten aus.

Gegenwärtig prüfe man Alternativen zum einmal angedachten Ausstellungsraum in Frauenfeld. Möglich sei etwa auch das

Schulmuseum in Amriswil. (ho)


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