GETROFFEN

13. Juli 2002, 00:30

11 Uhr, Wassergasse

Ein bisschen geistesabwesend wirkt der Mann, der raschen Schrittes meinen Weg kreuzt. Die Digitalkamera, die er an einem Riemen trägt, schlenkert wild. So sieht kein Tourist aus. Aber auch kein Fotograf. Ein Beamter vielleicht? Einen Augenblick bitte!

Meine Frage wird von einem Anruf auf sein Natel unterbrochen. Doch dann: «Ich glaube, ich bin nicht der richtige Mann. Wissen Sie, ich bin von der Konkurrenz.» Von der Konkurrenz? Ja, Welte sei sein Name, Franz Welte. Und zudem zweifle er, ob seine Geschichte es wert sei, erzählt zu werden. «Aber wenn Sie meinen . . .»

*Er verfolge sehr genau, was in anderen Zeitungen geschrieben werde. Dem versuche er dann in «seinem» Blatt etwas entgegenzusetzen. «Ich lasse halt gerne Stimmen zu Wort kommen, die sonst kaum ein Forum haben: provokative, ja, sogar extreme Meinungen.» Er selber behandle gewisse Kreise «ziemlich hart». Kürzlich habe er beispielsweise gefragt: «Ist die Regierung noch glaubwürdig?» Ein Hang zur Opposition halt, seit seiner Jugend schon.*Aufgewachsen ist Franz Welte in der Stadt Luzern. Der Vater starb von drei kleinen Kindern weg, die Mutter war jung und ohne Ausbildung. Deshalb gab sie die beiden Mädchen und den damals zweijährigen Franz in ein Kinderheim, in welchem der Bub nicht sehr glücklich war. «Militärisch ging es zu und her bei den katholischen Nonnen. Man wurde im Laufschritt und in Zweierkolonnen Richtung Kirche aufs Leben vorbereitet.» Mit zehn Jahren durfte Franz ins Elternhaus zurück, und die Mutter zog mit den Kindern nach Zürich, wo sie ein Studium für angewandte Psychologie absolvierte. «Der 68er-Geist sowie das familiäre Umfeld inspirierten mich zu politischer Aktivität. Ich trat der SP bei und sass - übrigens zusammen mit Hans Ulrich Stöckling - im Jugendparlament. Vom ideologischen Standpunkt her machte mich das Ganze eigentlich nicht besonders an, aber ich persönlich fand es wichtig, für Gerechtigkeit zu kämpfen. Für die Besserstellung der Arbeiter, für Sozialleistungen und angepasste Löhne.»

Nach der KV-Lehre und der anschliessenden Lektoratsstelle bei einem Verlag ging Franz Welte als Lokalredaktor zur Berner «Tagwacht». Die Redaktion sei in einem Gewerkschaftshaus untergebracht gewesen, in welchem sich linksgerichtete bis linksextreme Kreise trafen. Die Kontakte zogen sich durchs ganze Land. In St. Gallen gab es die «Ostschweizer Arbeiter-Zeitung», die OAZ, und Franz Welte wagte den Sprung.

*«Nach zwei Jahren wurde ich vom damaligen Gründer des ‹Anzeigers›, Edi Nuber, gefragt, ob ich bei ihm einsteigen wolle. Mir war es gerade recht. Ich hatte schon lange gespürt, dass die parteigebundenen Zeitungen wohl keine Zukunft haben würden. Und ich hatte mich verändert. Ich merkte, dass es eine starke Wirtschaft braucht, und ärgerte mich über die Sturheit in linken Kreisen, die dies nicht einsehen wollten.»

Als der «Anzeiger» nach 17 Jahren verkauft wurde und ihm das neue Konzept nicht sehr behagte, wechselte Franz Welte zur neu gegründeten Wochenzeitung «St. Galler Nachrichten». Er habe für sich dort «eine Nische gesehen, wo politische und wirtschaftliche Themen ausegalisiert werden können». Wohl wissend, dass man als Journalist gegen die «Grosswetterlage Neoliberalismus» nicht anschreiben könne.Weil gute und erfahrene Journalisten lieber bei renommierten Zeitungen arbeiten würden als bei einer Gratis-Wochenzeitung, beschäftige er fast ausschliesslich Volontärinnen und Volontäre, für deren Ausbildung er sich verantwortlich fühle. Die eigenen Artikel schreibe er deshalb hauptsächlich nachts und an den Wochenenden. Ausser er mache als Journalist gerade einen Autotest. Dann setze er sich ans Steuer eines dieser Fahrzeuge, kurve mit seiner Frau ein bisschen in der Schweiz herum, und sie hätten Zeit für Gespräche.

*Die beiden Kinder, die Tochter Juristin, der Sohn Müllereitechniker, seien aus dem Haus und er versuche vermehrt, sich auf sich selber zu besinnen. Dass er Mitglied des Ordens «Odd Fellows» geworden sei, habe mit dieser Absicht zu tun. Hier werde, was nichts mit einem Geheimbund zu tun habe, nach bestimmten Ritualen auf Werte wie Wahrhaftigkeit, Freundschaft, Hilfsbereitschaft geschworen. Nach aussen hin betätigten sich Ordensmitglieder in sozialen Bereichen, wie beispielsweise als Tixi-Taxifahrer oder mit Spenden. Viele Leute hätten nach der Art seiner Schreibweise sicher den Eindruck, er sei als Mensch ein Haudegen - aber nein, das sei er nicht. Er sei vielmehr «ein Suchender», sagt Franz Welte.

  Brigitte Schmid-Gugler


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