Direkte Links und Access Keys:

Tagblatt Online, 7. November 2007, 00:30 Uhr

Schweizer Schüler, eine rare Spezies

Leidet das Niveau, wenn nur 3 von 16 Schülern zu Hause deutsch sprechen?

Zoom

Oberstufenlehrer Reto Sprenger mit seiner 1e, in der fast ein Dutzend Nationen vertreten sind. (Bild: Bild: Hannes Thalmann)

St. Gallen. Eine Studie hat gezeigt, dass auch viele fremdsprachige Schüler in einer Klasse die Leistung der deutschsprachigen nicht drücken. Aber wie sieht die Realität aus? Ein Besuch in der Realschule Schönau.

Thomas Walliser Keel

Es gibt Realschulen im Kanton St. Gallen, in denen der Anteil Schüler mit fremder Muttersprache über 70 Prozent erreicht. In einzelnen Klassen kann das Verhältnis noch extremer sein: In der 1e des Oberstufenzentrums Schönau in St. Gallen beispielsweise sprechen drei Schüler zu Hause deutsch, die anderen philippinisch, albanisch (4), serbisch (2), somalisch, kroatisch, spanisch, portugiesisch, vietnamesisch und aramäisch.

Kann Unterricht gleich gut sein?

Für einen Teil der Bevölkerung ist diese babylonische Sprachenvielfalt ein schrecklicher Zustand. Aber man muss nicht rechts aussen stehen, um sich zu fragen, ob der Unterricht in derartigen Klassen gleich gut sein kann wie in anderen. Eine wissenschaftliche Antwort hat eine kürzlich veröffentlichte Studie geliefert, die sich auf kantonsweit gleiche Tests stützt: Auch bei mehr als 40 Prozent Fremdsprachigen fällt die Leistung der Deutschsprachigen nicht ab, jene der Fremdsprachigen hingegen schon.

Studien sind das eine, aber wie sehen es Direktbetroffene? Die Klasse 1e seziert gerade Bohnen. Auf die Frage des Journalisten, was sie von den vielen Nationalitäten in ihren Reihen hielten, antworten zwei, drei: «Da isch normal.» Klassenlehrer Reto Sprenger hat die Situation vertiefter reflektiert: «Ich habe nicht das Gefühl, dass das Niveau schlechter ist. Das zeigen auch Vergleichstests der Vorjahre.» Laut Reto Sprenger sind manche Fremdsprachige in deutscher Grammatik sogar besser, weil sie den Stoff in der Integrationsklasse intensiv durchgenommen haben. Doch vor allem beim Wortschatz stellt er Unterschiede fest, etwa wenn ein Kind das Wort «Fenchel» nicht kennt.

Eltern ziehen extra um

Wenn er solche für Schweizer selbstverständliche Dinge erklären muss, bleibt da nicht weniger Zeit für den übrigen Schulstoff? Kommen nicht gerade stärkere Schweizer Schüler zu kurz? Diese Befürchtung haben auch Eltern. Betroffene aus einem anderen St. Galler Quartier haben in Rotmonten eine Zweitwohnung gemietet, damit ihr Kind nicht mit so vielen Fremdsprachigen in die Schule gehen muss. Andere Eltern – auch ausländische – weichen auf die Privat-Sekundarschule «Flade» aus, wenn sie genug Geld haben. Reto Sprenger kennt einen solchen Fall. «Nur schaffte das Kind dort die Probezeit nicht und kam dann doch zu uns in eine Realklasse mit vielen Fremdsprachigen. Von dort schaffte es den Übertritt in die Sek und bereitet sich jetzt auf die Kanti vor. Für mich ein Hinweis, dass gute Leistungen nicht von der Klasse abhängig sind.» Und schwächere oder anstrengende Schüler, die mehr Aufmerksamkeit brauchen, habe es schon immer gegeben.

Lehrer ist entscheidend

In diesem Zusammenhang machte Urs Moser vom Institut für Bildungsevaluation der Universität Zürich bei der Vorstellung der Studie eine entscheidende Feststellung: «Der Einfluss der einzelnen Lehrkraft und andere Faktoren sind für die Leistung viel wichtiger als die Klassengrösse und der Fremdsprachigen-Anteil.»

Zu den «anderen Faktoren» gehört einerseits der persönliche Rucksack jedes Schülers. Der Leiter des städtischen Schulamts, Christian Crottogini, fasst es so zusammen: «Schwierig wird es, wenn jemand ausländischer Herkunft ist, Sprachprobleme hat und aus einer bildungsfernen Familie stammt.» Anderseits kann die Schule einiges dazu beitragen, dass viele Fremdsprachige nicht das Niveau senken. Basis dafür ist ein gutes Schulklima. So legt Schönau-Schulleiter Rolf Breu Wert darauf, dass sich Sekundarschüler und Realschüler des Oberstufenzentrums mischen, zum Beispiel in Projektwochen.

Ebenso wichtig ist, dass sich die Schüler aussprechen können, wenn sie Probleme haben. «Bei 330 Kindern vergeht wohl kein Tag, an dem es keine Auseinandersetzung gibt. Entscheidend ist, dass wir falls nötig rasch eingreifen. Das schafft Vertrauen und Sicherheit», sagt Rolf Breu. Dazu passt das Resultat einer Umfrage im vergangenen Jahr: Über 80 Prozent der Schülerinnen und Schüler finden, das Zusammenleben der 18 Nationen funktioniere gut oder sehr gut.

Damit ist natürlich nicht alles in Minne. Viele Fremdsprachige in einer Schule zu haben, ist eine Herausforderung. Aber eine durchaus lösbare – und vielleicht sogar eine bereichernde.


Aufgabenhilfe

und Schülerrat

Um auf die Bedürfnisse der heterogenen Schülerschaft einzugehen, hat die Schulleitung des Oberstufenzentrums Schönau verschiedene Massnahmen getroffen. Kinder mit Sprachproblemen können freiwillig einen Stützkurs besuchen. Die Aufgabenhilfe in Sprachfächern und Mathematik wird auch über Mittag angeboten, «damit sich die Schüler sinnvoll beschäftigen und gar nicht auf die Idee kommen, etwas anzustellen», sagt Schulleiter Rolf Breu. Auch die Mittagsbetreuung an zwei Tagen durch freiwillige Frauen hat den Zweck, die Heranwachsenden nicht unbetreut zu lassen. Neu ist der Schülerrat. (twk)



Anzeige:

Gewinnspiel Tippen Sie mit

Ostschweizer Trauerportal

tagblatt.ch / leserbilder

facebook.com / tagblatt

 ...