«Alles, was für mich Werbung ist, tue ich»

Das St. Galler Mentoring-Projekt zur Lehrstellensuche in der Praxis: Wir haben dem Tandem Bertie Frei und Claudia Gähwiler über die Schulter geschaut
01. Mai 2007, 00:30

Lehrstellensuchende müssen Augen und Ohren immer offen halten. Man weiss ja nie, wo sich plötzlich ein Türchen öffnet. Wenn sich auch die Eltern auf dem Laufenden halten, können sie ihnen unter Umständen nützliche Hinweise aus ungewöhnlichen Quellen geben.

Claudia Gähwilers Vater beispielsweise hat eines Samstags im Tagblatt von der Neueröffnung eines Blumengeschäfts in St. Gallen gelesen und dabei erfahren, dass die Inhaberin noch jemanden sucht. Claudia stellte flugs eine Bewerbungsmappe zusammen, denn mit einer Lehre als Floristin oder Gärtnerin würde wohl einer ihrer Träume in Erfüllung gehen. «Ich gestalte gerne mit Blumen und Pflanzen und habe bei einer Schnupperlehre festgestellt, dass der Beruf all meinen Vorstellungen entspricht», sagt die 16-jährige St. Gallerin.

Begleitung statt Vorbeten

Wir sitzen im Büro von Bertie Frei, ihrer Mentorin. Als NLP-Coach und ehemalige Leiterin des Empa-Mentoring-Projekts kann sie ihrem Mentee professionell mit Rat und Tat beiseite stehen und sie auf dem Weg zu einer Lehrstelle begleiten. «Ich habe zwar das nötige Fachwissen, doch ich gebe Claudia nicht vor, was zu tun ist, sondern leite sie an und unterstütze sie, wo und wie immer ich kann», sagt sie. Und sie stärkt sie: «Mit dieser Blindbewerbung als Floristin hast du super reagiert!»

Ihre zusätzliche Erfahrung als einstige Geschäftsführerin eines Gastrounternehmens kommt ihr zugute, wird doch von den Schülerinnen und Schülern der dritten Oberstufe heutzutage verlangt, ihren Blickwinkel auf ein möglichst breites Spektrum an Berufsfeldern zu öffnen. Claudia könnte sich auch eine Ausbildung als Restaurationsfachfrau im Service eines Restaurants vorstellen. Oder in einer Bäckerei/Konditorei eine Lehre zu machen. «Früh aufstehen macht mir nichts aus», sagt sie, «aber es schränkt meinen Rayon schon ein, wenn ich in einer Bäckerei um drei Uhr morgens anfangen muss: St. Gallen kommt natürlich an erster Stelle, aber auch bis Gossau, Wil oder nach Rorschach würde ich pendeln.»

Kaum mehr offene Lehrstellen

Ihre Mentorin hat sich während der Frühlingsferien im Berufsinformationszentrum (BIZ) und im Internet für sie umgeschaut – mit wenig Erfolg: In den gesuchten Berufsfeldern gibt es jetzt kaum mehr offene Lehrstellen. Claudia ist sich dessen bewusst und hat sich zusätzlich für ein Aufnahmegespräch fürs Berufsvorbereitungsjahr angemeldet. Sie ist eine gute Realschülerin, und der Unterricht ist ihr keineswegs verleidet.

Dutzende Bewerbungen hat sie verschickt und konnte sogar in allen gewünschten Berufen bereits einmal schnuppern, doch einen Ausbildungsplatz hat sie bisher noch nicht gefunden. «Oft kamen nichtssagende Absagen zurück oder sie haben nichts mehr von sich hören lassen», sagt sie bedrückt. «Hast du denn einmal nach dem Grund der Absage gefragt?», will ihre Mentorin wissen. «Ja, aber man hat mir auch am Telefon keine klare Begründung gegeben.»

Eine heikle Situation: Auf der einen Seite die Lehrmeisterin oder der Lehrmeister, die den Jungen nicht knallhart die Wahrheit ins Gesicht schleudern will, auf der anderen die Jugendlichen, die um jeden Hinweis froh wären . . .

Das Bewerbungsdossier

Das Kuvert mit den Bewerbungsunterlagen für die Floristin ist noch nicht abgeschickt. «Du weisst, mit dieser Mappe erhält die Lehrmeisterin einen ersten Eindruck von dir. Du musst damit unter den Hunderten von Bewerbungen ihre Aufmerksamkeit wecken, damit sie dein Dossier in die engere Wahl nimmt. Eine befreundete Personalchefin hat mir kürzlich verraten: <Alles, was nicht fehlerfrei daherkommt, schaue ich gar nicht näher an.> Deshalb würde ich gerne nochmals einen Blick hineinwerfen.» Damit handelt sie getreu ihrem Mentoring-Leitspruch, den sie auch der jungen Frau eingeimpft hat: «Alles, was für mich Werbung ist, das tue ich – und zwar gut.»

Claudia muss nicht lange überzeugt werden. Blatt für Blatt gehen sie gemeinsam die Unterlagen durch: Die durchsichtige Klemm-Mappe mit dem Deckblatt, das die grafisch gestaltete Silhouette einer Floristin ziert, wirkt sachlich und einladend. Und der Inhalt? «Das Foto auf dem Lebenslauf ist sehr sympathisch, doch haben wir den Text nicht kürzlich überarbeitet und die neuen Schnupperlehren noch angefügt? Da ist dir sicherlich die alte Version hineingerutscht. Bei der Gestaltung sollte von A bis Z dieselbe Schriftart verwendet werden, und wenn du die Abstände zwischen den einzelnen Blöcken noch ausgleichst, wirkt es übersichtlicher.» Claudia nickt dankbar. «Das habe ich ja völlig übersehen.» Auch der Begleitbrief wird Zeile um Zeile durchgesehen, hier ein Satz umformuliert, dort fügt die Jugendliche in ihrem Stil noch etwas hinzu, bis alles sitzt und dennoch nicht aufgesetzt wirkt.

Ein imaginäres Rollenspiel

Als Formulierungshilfe hat sie übrigens ein zufälliges Treffen mit der Inhaberin des Floristik-Geschäfts vor Augen, wie es ihr die Mentorin als Trick geraten hat: «Stell dir vor: Was würdest du dieser Frau sagen, wenn du sie zufällig auf der Strasse treffen würdest?» Die überarbeitete Mappe soll am nächsten Tag zur Post gebracht werden. Der zusätzliche Aufwand hat sich gelohnt.

Was erhöht das Interesse?

Die Mentorin bringt noch zwei weitere Anliegen zur Sprache: den Multi-Check (Test, den gewisse Lehrbetriebe als Bewerbungsbeilage verlangen), den Claudia noch einmal wiederholen möchte. Und eine eigene Idee, um die Bewerbungsmappe noch attraktiver zu machen: ein Formular für eine Kurzbewertung für jene Lehrbetriebe, in denen Claudia bereits schnuppern konnte. «Damit wissen die Personalverantwortlichen mit einem Blick über deine Fähigkeiten Bescheid. Und gewisse Betriebe erwarten zudem einen Basic Check – kannst du dich mal im Internet informieren, ob das auch für deine Wunschberufe gilt?»

Zudem suchen beide aufs nächste Treffen hin noch weitere Möglichkeiten, wo ausser im Lehrstellennachweis (Lena) offene Lehrstellen publiziert werden, und möchten allenfalls Projektleiterin Barbara Erni fragen. Und zudem wollen sie überlegen, wie man bei unklaren Absagen geschickt nachhakt.

Selbstvertrauen aufbauen

Apropos Fähigkeiten: Bei Jugendlichen, die schon seit Monaten eine Lehrstelle suchen, schwindet das Selbstbewusstsein mit jeder Absage. Wie sollen sie sich da gut «verkaufen» können? Diesen Umstand hat auch Bertie Frei als Mentorin erfahren: «Claudia wusste anfänglich kaum, wo ihre Stärken liegen oder sie sprach sie nur zögerlich aus. Heute hat sie Mut entwickelt und kann einem Lehrmeister geradeheraus sagen, weshalb er sie – und nur sie – anstellen muss.» «Ich kann gut mit Menschen umgehen, bin freundlich und aufgestellt, arbeite genau und bin verbindlich, pünktlich, hilfsbereit und zuverlässig», kommt es prompt von der 16-Jährigen. Sybil Jacoby

Serie: Wir begleiten einige Mentees und Mentorinnen/Mentoren des Projektes «Tandem 15+» bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz.


Zeitintensive Teambildung

Das Mentoring-Projekt «Tandem 15+» der St. Galler Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung wurde Mitte Januar dieses Jahres gestartet, und im März haben die meisten Tandems ihre Arbeit aufnehmen können. «Die Bildung der 28 Teams war sehr zeitintensiv und anspruchsvoll», sagt Projektleiterin Barbara Erni. «Die <Chemie> sollte stimmen und der Mentor oder die Mentorin einen Bezug zu den Berufswünschen des Mentees haben.» Einige der Jugendlichen mit Migrationshintergrund würden manchmal alleine ihres Familiennamens wegen bei der Lehrstellensuche benachteiligt.

«Während sich die Wünsche der jungen Männer vor allem auf die Autobranche und handwerkliche Berufe richten, haben die jungen Frauen hauptsächlich eine Lehrstelle im Dienstleistungssektor im Auge. «Rund 80 Prozent aller jungen Frauen wählen 20 Prozent aller Berufe. Lehrstellen im Detailhandel, als Kauffrau oder Coiffeuse sind immer noch sehr begehrt, weshalb die Plätze oft rasch vergeben sind.» Mit wenigen Ausnahmen – Malerinnen und Schreinerinnen – würden Mädchen weiterhin kaum Männerberufe in Erwägung ziehen, sondern solche mit Kontaktmöglichkeiten – unter anderem, weil für sie Beziehungen zentral seien.

Dass sie auch auf die Unterstützung der Eltern zählen kann, beweist folgende Begebenheit: «Bei ihrer ersten Tandem-Sitzung hat eine junge Migrantin ihrem anwesenden Vater alles genau übersetzt. Bei der Verabschiedung dankte dieser der Mentorin mit warmen Worten auf Deutsch für ihr Engagement und betonte, er wolle nur das Beste für seine Tochter, auch in der Ausbildung. Solche Begebenheiten motivieren uns ungemein», sagt Barbara Erni. (sj.)

www.berufsberatung.sg.ch

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