Nazmi hat eine Lehrstelle

Fünf Monate nach dem Start des St. Galler Mentoring-Projektes «Tandem 15+» hat mehr als die Hälfte der Lehrstellensuchenden einen Ausbildungsplatz ? dank ihres eigenen Einsatzes und der Beharrlichkeit ihrer Mentoren. Einer davon ist Nazmi Bedzeti, über dessen Suche wir hier berichtet haben.
09. Juni 2007, 00:30

Gut ein Dutzend junger Frauen und Männer – und ihre Eltern – können jetzt aufatmen, denn die Qual der Ungewissheit ist vorüber. «Für 15 Mentees von insgesamt 29 haben wir bereits eine Anschlusslösung finden können – das entspricht erfahrungsgemäss dem Durchschnitt solcher Unterstützungsangebote. Ich bin zuversichtlich, denn wir haben noch einen Monat Zeit, und einige Tandems stehen kurz vor einem Vertragsabschluss», sagt Barbara Erni, Projektleiterin des Mentoring-Projekts «Tandem 15+» der St. Galler Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung. «Acht haben eine Lehrstelle gefunden, sieben einen Praktikumsplatz. Die Praktikumsplätze gingen mehrheitlich an junge Frauen, wohl auch, weil bei uns mehr weibliche als männliche Mentees angemeldet wurden.»

Unterschätztes Praktikum

Aus Zeitgründen sei ein Praktikumsplatz im Rahmen der Vorlehre für die Betreuer einiger Jugendlichen klar die Zielvorgabe gewesen und nicht etwa eine Notlösung. «Wenn es gut läuft, ist ein Praktikum als Einstieg ins unbekannte Berufsleben sehr viel wert – auch als Reifeprozess für die Jugendlichen», sagt Barbara Erni. Nicht zu unterschätzen sei zudem der Erfahrungsvorsprung bei der späteren Lehrstellensuche. Es freue sie ungemein, dass selbst Junge mit ausländischen Namen nun doch eine Chance erhielten, sich im Arbeitsleben zu bewähren.

Mathi-Test gab den Ausschlag

Nazmi Bedzeti zum Beispiel. Der junge Mazedonier hat zwar Freude an Zahlen, doch im Schulfach Mathematik gabs für den Realschüler keine Glanznote. Mentor Roman Weibel war deshalb überrascht, dass sein Mentee nach einer erfreulich verlaufenen Schnupperlehre bei einem Mathematiktest des Lehrbetriebs sehr gut abgeschnitten hat – und nun bei diesem Betrieb im Raum St. Gallen eine vierjährige Lehre als Metallbauer antreten kann. «Ich bin wirklich sehr froh, es ist mir einfach gut gelaufen», sagt Nazmi am Handy und erzählt, dass seine Eltern ihn zur Vertragsunterschrift begleitet hätten – ein gegenseitiges Kennenlernen auch auf Wunsch des Lehrmeisters. Er sei überzeugt, dass sein Mentor ihm durch persönliche Anrufe bei Firmen die Chance eines Vorstellungsgesprächs verschafft habe. Roman Weibel wehrt bescheiden ab: «Ich habe mich zwar als Türöffner eingesetzt, doch Nazmi war es, der sich im entscheidenden Moment bewährt hat. Ich war mir sicher, dass ich einen Ausbildungsplatz für ihn finden würde, doch rechnete ich eher mit einer Anlehre. Dass es mit einer Lehre geklappt hat, ist ausserordentlich, und ich bin stolz auf Nazmi!»

Auch Mentee Alexander Jankovic hatte seines Namens wegen von vorneherein schlechte Karten beim Start ins Berufsleben. Der junge Mann mit ausländischen Wurzeln sucht eine Lehrstelle als Logistiker im Detailhandel oder als Lebensmitteltechnologe. Sein Mentor Gallus Hengartner ist zuversichtlich: «Alexander muss Mitte Juni einen Allergietest im Kantonsspital machen – eine Bedingung, um in dieser Branche arbeiten zu können. Verläuft dieser positiv, kann er nochmals einige vertiefende Schnuppertage in einem Betrieb machen, den er bereits einmal kennengelernt hat», sagt er. Die Chancen stünden gut, dass auch er bald einen Lehrvertrag als Lebensmitteltechnologe in den Händen halte.

Neuigkeiten lassen sich auch von Claudia Gähwiler berichten, die sich ihre berufliche Zukunft in der Gastronomie, in einer Bäckerei oder als Floristin vorstellt. «Sie durfte sich letzte Woche in einem Restaurant als Restaurationsfachfrau vorstellen und drei Tage schnuppern. Es hat ihr dort sehr gut gefallen, und nun wartet sie auf einen Bescheid», berichtet ihre Mentorin Bertie Frei. Als ausgebildeter NLP-Coach hat sie ihr ausserdem Zuversicht und Selbstbewusstsein für diese entscheidenden Tage mitgeben können. «Insbesondere für junge Menschen ist das Vorstellungsgespräch und auch das Schnuppern oft ein grosser Schritt ins Unbekannte. Sie wissen nicht genau, was sie erwartet, und dies kann verunsichern. Deshalb müssen wir sie bei der Vorbereitung auch in diesem Bereich unterstützen.» Ausserdem habe Claudia in einem Floristikgeschäft – auf das sie aufgrund eines Tagblatt-Artikels gestossen ist – schnuppern können. «Wir sind froh, dass nun doch noch was läuft, obwohl eigentlich gar keine Lehrstellen in ihren Berufen mehr offen waren.» Hartnäckig bleiben die beiden am Ball.

Ausbildung in der Betreuung

Donata Faust hat für ihr 17-jähriges Mentee mit türkischen Wurzeln einen Praktikumsplatz in einem Altersheim gefunden. «Wir haben uns auf ihren Wunsch hin gemeinsam vorgestellt – als Mentorin hat man ja auch eine <Brücken-Funktion> –, und das hat ihr den Rücken gestärkt, da sie eher scheu ist. Wenn sie sich bewährt, hat sie nun die Möglichkeit, sich nach einem Jahr Vorlehre-Praktikum zur Fachangestellten Betreuung ausbilden zu lassen», sagt sie.

Glückliche Fügung

Peter Schenker hatte beim Einstieg ins Mentoring-Projekt nach Möglichkeit einen Schüler aus einem bestimmten St. Galler Oberstufenzentrum gewünscht – er war dort langjähriger Kleinklassenlehrer. Es klappte. Sein Mentee suchte eine Lehrstelle im Metallbau, als Logistiker, Bodenleger oder Maler. «Nachdem wir uns auf eine Anlehre als Malerei-Arbeiter geeinigt hatten, konnten wir gezielter ans Werk gehen. Der Zufall wollte es, dass der Chef eines ins Auge gefassten Lehrbetriebes gleichzeitig der Besitzer des Hauses war, in dem die Eltern meines Mentees wohnten. Da er nur gute Erfahrungen mit diesen ausländischen Mietern gemacht hatte, gab er ihrem Sohn vor anderen Mitbewerbern eine Chance.»

Welch unglaublicher Zufall. Oder einfach Glück? Sybil Jacoby

Serie: Wir haben einige Mentees und Mentoren im Rahmen des Projekts «Tandem 15+» begleitet. Im nächsten (und letzten) Artikel werden die «Türöffner» über ihre grundsätzlichen Erfahrungen berichten.


Weshalb Lehrbetriebe Ausländer meiden

Wie oft hört man, dass ausländische Jugendliche wegen schulischer Defizite Probleme haben, eine Lehrstelle zu finden. Der Soziologe Christian Imdorf hat im Rahmen einer Studie im Rahmen des Nationalfondsprogramms NFP51 untersucht, wo die wirklichen Ursachen liegen. Er kommt zum Schluss, dass Lehrbetriebe vielmehr nach Auszubildenden Ausschau halten, von denen sie sich eine möglichst unproblematische Ausbildung versprechen.

Welches sind die wesentlichen Anforderungen der Lehrbetriebe an Jugendliche? Sie sollen laut Studie «möglichst betriebstauglich» sein und keine Probleme machen. Ihre Begleitung sollte nicht allzu viel (Zeit-) Aufwand zulasten von produktiven Aufgaben erfordern. Die Lernenden sollten zudem den Absatz eines Produktes oder einer Dienstleistung nicht gefährden. «Von ausländischen Jugendlichen werden derartige Störungen in besonderem Mass erwartet», schreibt der Autor.

Wie begründen die Berufsbildner im Lehrbetrieb ihrerseits den Ausschluss ausländischer Jugendlicher? Mit sprachlichen und schulischen Defiziten, den Sachzwängen, Bedürfnissen, schlechten Erfahrungen ihres Ausbildungsbetriebes, mit Ängsten vor vermeintlichen Konflikten zwischen nationalen Mitarbeitergruppen oder mit der schweizerischen Tradition des (Familien-)Unternehmens.

Fazit: «Ausländische Jugendliche müssen sich häufiger bewerben als Schweizer, was sich auf die Sorgfalt der einzelnen Bewerbungen niederschlägt. Sie werden vermehrt gezwungen, sich auf geographisch entferntere Stellen zu bewerben. Sie müssen sich länger und immer kurzfristiger bewerben. Zudem vermuten Lehrmeister bei Jugendlichen, die schon lange auf Lehrstellensuche sind, besondere Probleme. Schliesslich müssen sie sich auf ein breiteres Spektrum von Berufen bewerben, was als fehlendes Interesse für einen spezifischen Beruf oder mangelnde Berufswahlreife ausgelegt wird», kommt Christian Imdorf zum Schluss. (sj.)

Quelle: «Panorama», Fachzeitschrift für Berufsberatung, Berufsbildung, Arbeitsmarkt, 2/07

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