Eine Chance wahrgenommen

Der erste Durchgang des Mentoring-Pilotprojekts «Tandem 15+» wird demnächst beendet – mit Erfolg. Über die anspruchsvolle Begleitung der Jugendlichen und persönliche Einsichten
03. Juli 2007, 00:30

18 Jugendliche können die kommenden Sommerferien in vollen Zügen geniessen: Sie haben einen Ausbildungsplatz gefunden, sei es eine Lehrstelle (neun), einen Praktikumsplatz (acht) oder eine Au-pair-Stelle im Welschland. Unter den Glücklichen befindet sich auch Claudia Gähwiler, die mit Unterstützung ihrer Mentorin Bertie Frei eine Lehrstelle als Restaurationsfachfrau gefunden hat. Alexander Jankovic wartet noch auf das Resultat des Allergietests, den er für seine Lehrstelle als Lebensmitteltechnologe benötigt.

Damit hat das Mentoring-Pilotprojekt «Tandem 15+» der St. Galler Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung für Lehrstellensuchende der dritten Oberstufe sogar ein überdurchschnittlich gutes Resultat erzielt. «Einige der insgesamt 29 Tandems stehen zudem kurz vor dem Abschluss, so dass ich zuversichtlich bin, dass in den verbleibenden Tagen weitere Mentees eine Lösung finden werden. Oft hängt es noch von Details ab, bis auch sie den Ausbildungsvertrag unterzeichnen können», sagt Projektleiterin Barbara Erni. Alle Beteiligten hätten viel Aufwand, Zeit und Energie hineingesteckt, doch die Befriedigung über den positiven Ausgang entschädige für vieles.

Individuelle Begleitung nützt

Ihre persönliche Genugtuung? «Es hat sich gezeigt, dass es sich lohnt, individuell mit einzelnen Jugendlichen nach Lösungen zu suchen. Auch in unseren Tandem-Abschlussgesprächen kommt deutlich zum Ausdruck, dass diese jungen Männer und Frauen ohne zusätzliche Unterstützung keine Chance auf dem Lehrstellenmarkt gehabt hätten – trotz aller Bemühungen der Lehrerschaft, wie die vielen vergeblichen Bewerbungen im Vorfeld gezeigt hatten.»

Lehrerinnen und Lehrer von Kleinklassen, die oft Jugendliche mit Migrationshintergrund unterrichten, setzten sich aussergewöhnlich ein, aber sie müssten sich eben um eine ganze Klasse und nicht nur um einen Schüler kümmern. «Da kann ein Aussenstehender wie ein Mentor oder eine Mentorin zusätzlich frischen Wind in eine womöglich festgefahrene Situation bringen. Der Jugendliche profitiert von der Einzelbetreuung mit zusätzlichen Anregungen und einem neuen Beziehungsnetz. Für junge Frauen und Männer, die schulisch Mühe haben und zu Hause umständehalber kaum Unterstützung finden, kann ein Mentoring-Projekt eine grosse Chance sein, einen ersten Schritt ins Berufsleben zu tun.»

Umso erfreulicher, wenn beim Abschlussgespräch die Erkenntnis dämmert, wer den Erfolg bewirkt hat: «<Die Lehrstelle habe ich nur <meiner> Frau X. oder dem Herrn Y. zu verdanken>, haben die Mentees ganz klar zum Ausdruck gebracht», sagt Barbara Erni. Allerdings betonen die Mentoren, dass ohne grossen Einsatz der Jugendlichen keine Lehrverträge zustande gekommen wären. Und wie haben die Mentoren den Stein erfolgreich ins Rollen gebracht? Ein erstes Informationstelefon in einem Betrieb, um erste sprachliche Hürden zu überwinden, das Nachhaken nach einer abschlägigen Antwort, ein Besuch beim ehemaligen Kollegen und heutigen Lehrmeister, die nächtelange Suche nach letzten offenen Lehrstellen im Internet – um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Widersprüchliche Gefühle

Beim letzten Erfahrungsaustausch führen sich alle Teilnehmenden die Stationen der oft zermürbenden Suche nach einem Ausbildungsplatz für ihre «Schützlinge» noch einmal vor Augen. Monate voller widersprüchlicher Gefühle zwischen Hoffnung und Frustration – den Faktor Zeit wie ein Damoklesschwert im Nacken. Da und dort sind im Laufe der letzten Monate beinahe freundschaftliche Kontakte geknüpft worden. So abrupt möchte man die Verbindung nicht abbrechen lassen, selbst nach einem erfolgreichen Abschluss. «Ich habe meinem Mentee angeboten, dass ich mir gerne Zeit nehme für ein Gespräch, aber der Wunsch muss von ihr kommen», sagt etwa Bertie Frei. Andere wollen die Jugendlichen in den ersten Monaten ihres neuen Lebensabschnittes im Hintergrund begleiten oder überlegen sich, sich auch für die nächste Projektrunde für ein neues Mentee anzumelden.

«Diese Sechzehn- oder Siebzehnjährigen machen Anfang August ihren ersten Schritt in die unbekannte Arbeitswelt. In der Schule und im Kollegenkreis waren sie in einem geschützten Rahmen mehr oder weniger mit lauter Gleichaltrigen zusammen, nun treffen sie auf Erwachsene, müssen sich unbekannten Herausforderungen stellen und Gepflogenheiten anpassen. Was erwartet mich wohl <draussen>? Diese Ungewissheit macht vielen Angst», gibt eine andere Mentorin ihre Erfahrung weiter.

Wie viel Druck ist bekömmlich?

Die ständige Zwickmühle zwischen dem eigenen Anspruch auf Eigeninitiative der Jugendlichen und dem Wunsch nach der Führungsrolle hat von den Mentoren einiges abverlangt. «Ich musste erst vorsichtig abtasten, wie viel Druck mein Mentee vertrug – die richtige Dosierung. Das war nicht einfach», sagt einer der Teilnehmenden. «Ich fand es schwierig, die Verantwortung beim Schüler zu lassen und das Projekt nicht zu meiner eigenen Sache zu machen. Zudem wollte ich in kein Abhängigkeitsverhältnis rutschen. So musste ich erst meine Rolle finden und reflektieren», ergänzt seine Nachbarin.

Auch das unterschiedliche Engagement der Jungen kommt zur Sprache: Während die einen begeistert den Ratschlägen und Aufgaben ihrer Mentoren folgten, eigene Ideen einbrachten und sich an Abmachungen hielten, erschwerte bei anderen eine passive Haltung den Prozess. «Ich konnte tun, was ich wollte, ich kam einfach nicht an ihn heran. Er entglitt mir wie eine Seife, und ich habe mich so hilflos gefühlt. Manchmal fragte ich mich, ob sich der Jugendliche überhaupt im Klaren war, was es geschlagen hatte. War es einfach nur eine Frage der Bequemlichkeit oder die Folge vieler Rückschläge in seinem Leben, fehlte ihm gar eine Perspektive? Ich habe es nicht herausgefunden», sagt ein Mentor.

Auch die Erwachsenen haben vom Projekt profitiert: «Es war ein äusserst spannender Prozess, auf den ich mich gerne und mit Neugier einliess», sagt Bertie Frei. Roman Weibel, Mentor von Nazmi Bedzeti, hat das Projekt einen Einblick in die Nöte und Freuden von Jungen auf Lehrstellensuche ermöglicht. Als äusserst spannend und hilfreich habe er zudem die Einsicht in eine bislang unbekannte Kultur erlebt. Und alle nicken zustimmend, wie eine Mentorin sagt: «Die schwierige Situation von Kleinklassenschülern war mir nur vom Hörensagen bekannt. Jetzt erlebte ich es zum ersten Mal direkt, welche Hürden diese Jugendlichen mit grösstenteils ausländischen Wurzeln überwinden müssen.» Sybil Jacoby

Serie: Damit beenden wir unsere Berichterstattung über «Tandem 15+». Die zweite Projektrunde startet im November 07. Infos für interessierte Mentoren/Mentorinnen: www.berufsberatung.sg.ch


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