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Tagblatt Online, 5. März 2008, 00:30 Uhr

Zwischen Schau und Scheu

Das Helmhaus Zürich widmet Manon eine grosse Einzelausstellung

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Befremdlich natürliche Schönheit: Aus Manons Serie «Borderline», C-Print, 2007. (Bild: Bild: Pro Litteris, Zürich)

Sie wäre längst fällig, die grosse Retrospektive zum Schaffen der in St. Gallen aufgewachsenen Künstlerin Manon. Die Einzelausstellung im Zürcher Helmhaus fasst jetzt immerhin das frühe und das aktuelle Werk auf zwei Stockwerken zusammen.

Ursula Badrutt Schoch

Im fensterlosen Raum dreht ein Spiegel im Rampenlicht. «Seduzione e dolore» von 1997–2008 ist eine minimalistische Rauminstallation und ein überraschender Auftakt zur Ausstellung jener Künstlerin, die vor allem mit ihren Selbstinszenierungen bekanntgeworden ist. Manon ist absent. «Verführung und Schmerz» bringt auf den Punkt, was das breite Spektrum an Selbstinszenierungen unendlich verschiedener Manons letztlich fördert: Die Erkenntnis, dass auf der Suche nach dem anderen wir uns selbst begegnen. Der Spiegel zur Selbstfindung entzieht sich aber ständig. Vergleichbare Installationen von unausweichlicher Kraft finden sich auch bei Louise Bourgeois.

«Ich wollte Kunst sein»

Bereits in der ersten performativen Arbeit von 1975, «Das Ende der Lola Montez», die als Installation 2006 für das Kunstmuseum St. Gallen wiederhergestellt wurde, kehrte Manon die Bedingungen des Ausgestelltwerdens um. Zwar präsentierte sie sich in hautengem Anzug in einen Käfig gesperrt, als wäre sie ein Raubtier, doch war sie es, die das Publikum in der Konfrontation der Blicke betrachtete und kontrollierte.

Mit «Das lachsfarbene Boudoir», das im Helmhaus die Blicke lockt, und das als Manons erster künstlerischer Auftritt gilt, stellte sie, die als Model und Modedesignerin und als Muse von Urs Lüthy bereits Legende und Stadtgespräch war, 1974 in der Zürcher Galerie Li Tobler erstmals weibliche Intimität zur Schau. Manon lebte von Anfang an die grenzenlose Verschmelzung von Kunst und Leben. «Ich wollte nicht Kunst machen, ich wollte Kunst leben und sein. Ich wollte mein eigenes Kunstwerk sein», formuliert sie es selber rückblickend.

Erst rückblickend zeigt sich, wie sehr Manon bis heute aktuelle künstlerische Haltungen vorweggenommen hat. So auch der Künstlername Manon selbst, den sie sich als eine Art Markenname bereits 1966 zulegte, in Abgrenzung und Distanzierung zu ihrer St. Galler Herkunft als Rosmarie Küng. – 1977 rasiert sich Manon den Kopf und zieht nach Paris. In «La dame au crâne rasé» erfindet sich Manon neu. Wie auch in anderen Fotoserien in Schwarzweiss untersucht sie mit dem eigenen Körper unterschiedliche Wirklichkeiten. Der Zeit voraus begreift sie Identität als bewegliche Einheit, die sich laufend neu formiert. Gleichzeitig interessiert sie das Verhältnis zwischen weiblichem Körper und sozialem und kulturellem Kontext. Obwohl in diesen Fotoserien, zu der auch «Die graue Wand oder 36 schlaflose Nächte» gehört, und die in Zürich in ungesehener Vollständigkeit gezeigt werden, die direkte Interaktion zwischen Künstlerin und Publikum wegfällt, kann man sich nicht entziehen. Mit beschiedenen Mitteln und perfekten Inszenierungen bieten die Fotografien bis heute ein überwältigendes Erlebnis. Es geht nicht um blosse Selbstdarstellungen, sondern um die Verhandlung der Bedingungen von Identitätskonstruktion und Geschlechterrollen.

Sich ständig neu zu erfinden entsprang einem inneren Bedürfnis, war Manon existenzielle Notwendigkeit, auszubrechen. Das wird in dieser Ausstellung erneut spürbar. Wünschbar jedoch wäre die Einbindung und vergleichende Betrachtung von Manons Schaffen seit den Anfängen mit Werken von Künstlerinnen wie Meret Oppenheim, aber auch Valie Export, Cindy Sherman, Hannah Wilkes oder jüngeren wie Sarah Lucas und Tracy Emin. Vorerst aber bleibt es bei einer Klammer («eine Person») zwischen Anfängen und reifem Werk.

Neue Frische zum Altern

Im Obergeschoss überrascht «Manon – Eine Person» mit einer neuen grossformatigen Fotoserie. Während der Mythos Manon jüngst wiederbelebt wurde, hat die Künstlerin weitergearbeitet, neue Fragen an sich und die Gesellschaft gestellt. «Borderline» sind Aufnahmen ihres Gesichtes aus der Distanz einer Armlänge, aufgenommen im eigenen Schlafzimmer. Die Zeit wird als wandernder Schatten auf der Haut lesbar, als allmähliches Ansetzen von Algen oder Grünspan an den Rändern oder als befremdende Verzerrungen. Alle Maskeraden sind abgelegt, zurück bleibt die ungeschönte Schönheit – nah an ägyptischen Totenbildern.

Seit 2004 entstehen zudem «Diaries», eine Art Tagebuch-Fotografien, die Bewegungen und Begegnungen der Künstlerin begleitend festhalten. Ungeschönt und in subjektiver Selektion erzählen die Bilder von der Intensität eines Lebens, das die Sicht auf den Tod, das Vergehen und die Angst davor nie ausgeklammert hat. – Bis heute berühren die älteren wie die neuen Arbeiten Manons bis zum Erschauern in ihrer Spannung zwischen Heiterkeit und Trauer, unberührbarer Distanz und schonungsloser Intimität, Schaulust und Scheu.

Helmhaus Zürich bis 20. April, Di–So 10–18, Do 10–20 Uhr. Swiss Institute New York 28. April bis 13. Juni.


Manon umfassend im Buch

Was die Ausstellung bei allen Verdiensten nicht zu leisten vermag, bietet ergänzend das Buch – es ist die erste umfassende Monographie über Manon und ihr bis heute aktuelles Schaffen. Der Werkübersicht in Bildern sind vielseitige textliche Annäherungen zur Seite gestellt. Brigitte Ulmer, Initiantin der Ausstellung, hat Leben und Werk sorgfältig recherchiert. Jean-Christophe Ammann, der Manon bereits 1975 im Kunstmuseum Luzern zeigte, nähert sich der Künstlerin über die Erinnerungen der Erotik und mit Hilfe von Hansjörg Schertenleibs Roman «Das Zimmer der Signora» an. Eine offene Einbindung in feministische Diskurse geschieht durch Amelia Jones, die Bedeutung von Manon für junge New Yorker Künstlerinnen wie Lizzi Bougatsos und Rita Ackermann arbeitet Gianni Jetzer, Direktor des Swiss Institute in New York, heraus. Jetzer hat während seiner St. Galler Zeit an der Kunsthalle das Künstlerbuch «On Manon 74–77», das Manon im Eigenverlag «Küng-Kong-Sisters» herausgegeben hatte, neu aufgelegt. Auch in der aktuellen Publikation sind neben Manons Kunst-Dokumenten auch Privatfotos und Unveröffentlichtes zu finden. «Manon – Eine Person» ist eine Künstlerbuch-Monographie geworden, welche die Handschrift der Künstlerin trägt und viel Material in spannender Abfolge zugänglich macht. (ubs)

Manon – Eine Person, Scheidegger & Spiess, Zürich 2008, Fr. 78.–


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