«Wie ein Triumphbogen»

DER ARCHITEKT MARC JORDI ÜBER DAS WERTHEIM-KAUFHAUS ⋅ Das 1904 von Alfred Messel errichtete Kaufhaus ist sowohl architektonisch als auch städtebaulich bemerkenswert. Es vereinte verschiedene Stile in einem Gebäude, als würden sich das Mittelalter, die Gotik, mit den Vorboten der Moderne treffen. Der Architekt Messel hat die damalige Zeit der Widersprüchlichkeiten in der Architektur, den «akademischen Eklektizismus», in diesem Gebäude auf den Punkt gebracht und ein Haus geschaffen, das typisch und zugleich untypisch für Berlin ist.
23. Dezember 2003, 00:30
Peter Voegeli/Berlin

Nicht nur die Familie Wertheim, sondern auch das Wertheim-Kaufhaus am Leipziger Platz war etwas Besonderes. Was zeichnete dieses Gebäude architektonisch aus?

Marc Jordi: Das 1904 von Alfred Messel errichtete Kaufhaus ist sowohl architektonisch als auch städte-baulich bemerkenswert. Es vereinte verschiedene Stile in einem Gebäude, als würden sich das Mittelalter, die Gotik, mit den Vorboten der Moderne treffen. Der Architekt Messel hat die damalige Zeit der Widersprüchlichkeiten in der Architektur, den «akademischen Eklektizismus», in diesem Gebäude auf den Punkt gebracht und ein Haus geschaffen, das typisch und zugleich untypisch für Berlin ist.

 

Inwiefern?

Jordi: Das mächtige gotische Dach ist für Berlin überhaupt nicht charakteristisch und fällt sofort auf. Der Jugendstil und die Mischung der Stile dagegen sind typisch für die damalige Zeit und in vielen Gebäuden Berlins anzutreffen.

 

Was ist städtebaulich an diesem Gebäude aussergewöhnlich?

Jordi: Das Kaufhaus ist im architektonischen Gedächtnis Berlins noch immer präsent, obwohl es schon lange nicht mehr steht. Das Wertheim-Kaufhaus bestand nicht nur aus dem auffälligen, massiven Kopfgebäude mit dem markanten Dach und den grossen Bögen. Entlang der Leipziger Strasse setzte sich das Kaufhaus in einer Reihe von Gebäuden fort, die sich aber diskret in die Umgebung einfügten. Das Kopfgebäude ist quasi eine mächtige Lokomotive, die anschliessenden Bauten die Eisenbahnwagen. Oder anders gesagt: Das Wertheim-Kaufhaus wirkt ähnlich wie ein Triumphbogen: Aus der Ferne betrachtet, ist es eine sehr starke und kompakte Figur, doch je mehr man sich nähert, desto mehr unterschiedliche Details stechen ins Auge. Das macht das Gebäude auch städtebaulich aussergewöhnlich.

 

Der Leipziger Platz wird zurzeit neu gebaut. Wie müsste ein Gebäude aussehen, das an die Stelle des zerstörten Wertheim-Kaufhauses kommt?

Jordi: Es müsste gleich und doch anders sein. Es müsste kräftig und städtebaulich dominant sein. Oder, anders gesagt, ein transparentes Glashaus wäre hier falsch am Platz. Das neue Gebäude müsste aus Stein sein und wenige grosse Öffnungen haben, es müsste aus «Stadtstein» gebaut sein. Dennoch würde die simple Rekonstruktion des alten Kaufhauses in der neuen Umgebung nicht wirken. Damals durften die Häuser nicht höher als das Stadtschloss sein. Heute gilt diese Regel in Berlin-Mitte zwar noch in der Theorie, in der Praxis wird sie aber durch zurückgesetzte Dachaufbauten immer wieder durchbrochen. Der Wiederaufbau des alten Wertheim-Kaufhauses wäre in der neuen Umgebung nicht mehr so wirkungsmächtig wie das alte. Ein Neubau müsste den Geist, nicht die Form des alten Kaufhauses widerspiegeln.

Marc Jordi

Der 35-jährige Berner Architekt Marc Jordi lebt seit über zehn Jahren in Berlin.


Leserkommentare

Anzeige: