Soziologe Peter Schallberger über die Chancen für unternehmerische Jungbauern

«Mehr Freiraum»

27. Juni 2007, 00:30

Verfolgt man die Diskussionen in der Agrarpolitik, bekommt man den Eindruck, dass niemand mehr Bauer sein will. Jetzt wollen aber immer mehr junge Leute Bauer werden. Die Ausbildungszahlen belegen es. Woher kommt das?

Peter Schallberger: Die neue Agrarpolitik und die Reformen machen den Beruf des Bauern vielleicht gar wieder attraktiver. Es gibt mehr Gestaltungsmöglichkeiten. Und der vormals patriarchal durchgesetzte Zwang, den Hof zu übernehmen, kann nicht mehr aufrechterhalten werden. Das ermöglicht mehr Freiraum.

Und trotz dieses Freiraums entscheiden sich Junge für den Bauernberuf?

Schallberger: Ja. Vielleicht weil man nun die gegebenen Ressourcen unternehmerischer und vielfältiger nutzen kann. Die Bewirtschaftung des Landes und die Weite suggerieren aber auch Autonomie. Das kann gerade im Zeitalter der Selbstverwirklichung attraktiv erscheinen. Auch für jene, die in einer bäuerlichen Tradition gross geworden sind. Sicher gibt es noch jene Höfe, die junge Leute fast unter Zwang übernehmen müssen. Aber das sind Betriebe, die langfristig geringe Überlebenschancen haben.

Dann hat sich auch die Haltung der Bauern gegenüber ihrem Hof und dem Land verändert?

Schallberger: Verändert hat sich das Bewusstsein davon. Junge Leute entscheiden sich heute bewusst für diesen Weg, sie reflektieren ihn. Bis in die 60er- oder 70er-Jahre musste oder durfte man sich gar nicht entscheiden.

Junge Bauern betonen tatsächlich die Attraktivität der Selbständigkeit. Und es scheint sich eine neue Naturverbundenheit zu etablieren.

Schallberger: Ich behaupte, dass es diese Naturverbundenheit immer schon gab. Nur leben wir heute in einer Zeit, in der wir solche Bindungen reflexiv wahrnehmen. Das heisst, wir alle, auch Bauern, denken über den eigenen Lebensentwurf nach. So wird einem Bauern plötzlich bewusst, welche Bindung er an den Hof hat. Aber auch eine ältere Bäuerin beispielsweise im Schächental hat diese Bindung, diese Liebe zur Natur.

Hat die neue Attraktivität des Bauerntums denn auch mit der Neuentdeckung undder Neudefinition des Begriffs Heimat zu tun?

Schallberger: Das bezweifle ich. Ich glaube, dass die Kultivierung von Heimat und deren Verknüpfung mit Landwirtschaft, Bauerntum und der Schweiz etwas ist, das nicht von den Bauern selber, sondern von politischen Kräften kommt. Heutzutage interessanterweise von konservativen Kräften. Im ausgehenden 19. Jahrhundert war der Bauernmythos Schweiz ein von den Liberalen kultivierter Begriff, mit der Absicht, eine kollektive Identität zu erzeugen.

Meine kleine Umfrage ist nicht repräsentativ. Aber junge Bauern scheinen keine Angst zu haben, sie könnten ihren Job verlieren.

Schallberger: Ihr Eindruck täuscht nicht. Bauern haben keine Angst, ohne Arbeit zu bleiben und ökonomisch zu verarmen. Sie haben vielmehr Angst davor, das Land, das sie bewirtschaften, zu verlieren. Nicht mehr Bauer sein zu dürfen, das ängstigt sie.

Warum haben Bauern keine Angst vor ökonomischer Verarmung?

Schallberger: Bauern sind Leute, die notfalls auch unqualifizierte Arbeiten annehmen. Sie sind, wie man heute sagt, Multitasker, Generalisten, die gerade im handwerklichen Bereich auch ohne zusätzliche formale Qualifikationen eine Tätigkeit ausüben können. Denn die bäuerliche Ausbildung und Praxis ist sehr breit.

Dann nimmt die Öffentlichkeit die Befindlichkeit der Bauern falsch wahr?

Schallberger: Es gibt zwei Stimmen. Die Stimmen der Einzelnen, für die das Ende des Bauernlebens zwar tragisch wäre, aber nicht das Ende bedeuten würde. Und dann gibt es die kollektive Stimme des Bauernstandes, der offiziellen Organe. Der einzelne Bauer identifiziert sich zwar mit dieser kollektiven Stimme, handelt aber im Alltag nicht unbedingt danach. Unter den Bauern gibt es eine harte Konkurrenz um frei werdendes Land.

Nach aussen hin tritt man aber als Kollektiv mit gemeinsamen Interessen auf. Sind Bauern in dieser Phase der Deregulierung auch überlebensfähig, weil sie trotz Individualisierung eben doch noch als Sippe funktionieren?

Schallberger: Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Viele Höfe werden als Familienbetrieb geführt. Das ermöglicht den Bauern, den Hof auch dann noch weiterzuführen, wenn er streng ökonomisch nicht mehr funktioniert. Weil eben eine zweite Generation mithilft oder weil man eine Ehefrau hat, die auswärts Geld verdient. Auch dominiert in der Öffentlichkeit noch das Bild der jungen Frau auf dem Bauernhof, die als arme Chrampferin ausgebeutet wird.

Also erleben die Bauernhöfe auch noch einen Emanzipierungsschub?

Schallberger: Durchaus. Die Stellung der Frau auf dem Bauernhof hat sich extrem verändert. Für die Frauen kann ein Bauernhof attraktiv sein. Sie können auswärts einem Erwerb nachgehen, ohne sich legitimieren zu müssen. Einfach weil das Geld gebraucht wird. Und wenn sie Kinder haben, gibt es oft den strategischen Vorteil, dass der Ehemann auf dem Hof präsent ist oder Grosseltern da sind, die die Betreuung mittragen.

Nützt den Bauern die Modernisierung der Gesellschaft sogar? Städter, die das romantische Gegenbild einer heilen Natur bewahren wollen und so der bäuerlichen Kultur helfen zu überleben? Weil sie diese Gegenwelt als Projektionsfläche brauchen?

Schallberger: Und zwar nicht nur auf der Ebene dieser Projektionen und Bilder, die ja auch allzu idyllisch sind, helfen sie den Bauern zu überleben, sondern auch auf der ökonomischen Ebene. Denn letztlich entscheiden die Bürgerinnen und Bürger in den Städten, ob und in welcher Höhe Direktzahlungen entrichtet werden.

Der neue Werte-Kapitalismus oder Karma-Kapitalismus, der alles wertbasiert vermarktet, als neue, zusätzliche Chance für die traditionelle Landwirtschaft?

Schallberger: Ja, der wiederbelebte, modernisierte ökologische Diskurs gibt den Bauern in der Schweiz nur zusätzliche Argumente für ihre bäuerlich organisierte Landwirtschaft in die Hand.

Interview: Karin Fagetti

Der Soziologe Peter Schallberger ist Professor an der Fachhochschule St. Gallen. Literatur: Claudia Honegger/Caroline Bühler/Peter Schallberger: «Die Zukunft im Alltagsdenken. Szenarien aus der Schweiz», Konstanz 2002. – Peter Schallberger: «Subsistenz und Markt. Bäuerliche Positionierungsleistungen unter veränderten Handlungsbedingungen», Bern 1996.


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