«alibert» stellt im Restaurant Linde 45 Karikaturen und Cartoons aus

Von Kuhglocken am Giraffenhals

14. September 1998, 00:30

Karikaturen sind verletzend, Satire ist bösartig. Weit gefehlt! Dass es auch Karikaturen der liebevollen Art gibt, beweist eine Ausstellung, die am Freitag im Restaurant Linde in Appenzell eröffnet wurde. «alibert» zeigt dort bis Ende Oktober Zeichnungen in, aus und um Appenzell.

toni dörig

appenzell. Wohl jeder hat sie schon einmal gesehen, die mit sicherem Strich gemalten Werke des 1937 in Leipzig geborenen Alex Blanke, der nun schon seit zehn Jahren in Niederteufen lebt. Vielleicht als Leser des Nebelspalters, der Ostschweiz, des Tagblatts, vielleicht auch im Appenzeller Volksfreund oder, wer weiss, möglicherweise im Playboy oder Penthhouse sind Sie vermutlich schon auf Karikaturen und Cartoons gestossen, die unverkennbar sind, natürlich weil fast immer «alibert» verbunden mit der Jahrzahl des Entstehens darunter steht, aber sicher auch weil die Gesichter, die Figuren, der Witz ihren unverwechselbaren Charme ausstrahlen. Man sieht, dieser Künstler zeichnet, was er mag. Das schliesst aber einen ironischen, einen kritischen Unterton keineswegs aus.

Wandern ist gesund

Die 45 in der Linde ausgestellten Werke haben allesamt irgendetwas mit Appenzell zu tun. Dem hinkenden Redaktor der Appenzeller Zeitung musste natürlich als erstes die farbige Darstellung der Wanderaktion «öbers Land» unter die Nase gehalten werden. Gleich daneben ein Sujet, das sinngemäss besagt: Laufen ist gesund. Worauf der Sportgezeichnete nur noch zur Krücke greifen und um einiges zielgerichteter als der im Bild fehlgeleitete Wanderleiter davonhumpeln kann.Die kleinen Appenzeller sind natürlich für einen Karikaturisten ein gefundenes Fressen, sie sind dankbare Opfer, allerdings auch wehrhafte, denn mit viel Schlagfertigkeit reagieren sie auf bestehende Vorurteile. Zum Beispiel wenn «der rückständige Bauer» eine Rede hält, wie sie komplizierter nicht einmal der wortgewaltige Philosoph Adorno in seiner verwirrtesten Phase geschafft hätte. So liebenswert die Zeichnungen sind, trotzdem sind sie auch entlarvend. Zum Beispiel wenn das Bäuerlein beim Anblick einer Giraffe ganz verklärt davon träumt, wieviele Kuhglocken an so einem Hals Platz hätten. Hat man nicht auch schon Schweinerücken kotelettgerecht gezüchtet?

Käufliche Regierung

Dann die Portraits: In der Mitte, farbig, die rebellische Kunstmalerin Sibylle Neff, fast jugendlich strahlend und mit Heiligenschein, sinnigerweise ganz harmonisch von der höchsten Obrigkeit umgeben, von den Landammännern Arthur Loepfe und Carlo Schmid, beide schwarz-weiss und für 600 Franken zu haben, was aber nicht heissen soll, dass die Regierung käuflich sei, wenigstens nicht für diesen Preis (wie ein Witzbold spöttisch kommentierte). Natürlich ist auch Noldi Koller zu sehen, inzwischen fünfundsechzig geworden, auf der zehn Jahre alten Zeichnung aber unverkennbar noch weniger gezeichnet von der Bürde der Amteswürde. Voll geglückt auch die Bilder des Wirtepaares Kurt Bühlmann und Regula Dörig, Gastgeber in der Linde. Und Käthi Kamber als Kantonsrichterin, selbstverständlich mit der Wage der Gerechtigkeit. Und ihr Mann, Werner Kamber, der «alibert» schon von seiner Zeitungszeit zum Beispiel beim Volksfreund her kennt und an der Vernissage vor beachtlich viel Publikum die Laudatio hielt.

Humoristisch hervorgehoben

Was eine Karikatur ist, beschrieb Kamber anhand der Lexikon-Definition: «Zerrbild, eine Darstellung bei der körperliche oder charakterliche Merkmale auf humoristische Weise hervorgehoben und überbetont werden». Das kann, wie gesagt, bösartig ausfallen. Eine von vier Qualitäten, die Kamber an «alibert» jedoch so schätzt, besteht gerade darin, dass er Personen und Begebenheiten karikiert, die er mag. Deshalb bleibt es selbst beim bissigsten Spott immer bei einem liebevollen Respekt.

Kein säuerliches Moralin

Die zweite «alibert-Tugend» besteht darin, dass er auch über sich selber lachen kann. Er zeichnet nie «von oben herab». Sein dritter Vorzug besteht darin, dass er das Leben nimmt, wie es ist. Diese Eigenschaft verhindert säuerliches Moralin. Und viertens machte der berufliche Werdegang aus Alex Blanke einen hervorragenden Zeichner. Er versteht sein Handwerk, weil er es gelernt hat, zum Beispiel als er in Berlin die Kunstakademie besuchte, aber auch als er acht Jahre lang am Stadttheater St.Gallen als Bühnenbildner arbeitete. Heute arbeitet er seit zehn Jahren selbständig für Zeitungen oder für Privatpersonen.

Leben vom Strich

Zusammenfassend bleibt noch Kambers Bonmot zum Abschluss: «Es gibt Karikaturisten, die sich nicht prostituieren, aber sie leben alle vom Strich.»


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