Tagblatt Online, 28. Juni 2012 06:18:00
Wenn Spitzenkader mehr als der Bundesrat verdienen
Der Bericht des Bundesrates über die Chefbezüge in den bundesnahen Betrieben für 2011 liegt vor. (Bild: Imago)
Die Chefs mancher Bundesbetriebe verdienen viel mehr als Bundesräte und künftig auch viel mehr als die Spitzenmanager der weit grösseren französischen Staatsbetriebe. Ob dies «gerecht» ist, bleibt Ansichtssache.
Hansueli Schöchli, Bern
Was ist ein «gerechter» Lohn? Eine objektive Antwort darauf gibt es nicht. Jeder hat seine eigenen Vorstellungen, wobei die Menschen die Grenzlinie zwischen verdientem Lohn und «Abzockerei» selbstredend weit über den eigenen Bezügen zu ziehen pflegen. Liberale Geister würden nicht die Zahlen in den Vordergrund stellen, sondern die Spielregeln des Arbeitsmarktes – die im Idealfall transparent sind und allen die gleichen Ausgangschancen geben. Die Ergebnisse des Arbeitsmarktes vor allem am oberen Rand der Verteilung sorgen aber oft für Unmut in der breiten Bevölkerung. Dass der Chef bei grossen Konzernen das Hundertfache des tiefstbezahlten Angestellten und das Zehnfache eines Bundesrates kassieren kann, will nicht vielen Leuten einleuchten.
Geld contra Würde
Selbst bei Bundesbetrieben verdienen manche Spitzenmanager deutlich mehr als Bundesräte, wie der am Mittwoch publizierte Kaderlohnbericht des Bundes für 2011 und die Firmengeschäftsberichte einmal mehr dokumentieren. Swisscom-Chef Carsten Schloter erhielt für seine Dienste fast 1,7 Millionen Franken. Bundesräte mussten sich mit rund 440 000 Franken plus einer Spesenpauschale von 30 000 Franken begnügen. Die Chefs der SBB und der Post brachten es auf fast 1 Million Franken. Auch bei der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (Suva), dem Flugsicherungsbetrieb Skyguide, der Schweizerischen Rundfunkgesellschaft (SRG) und der Finanzmarktaufsicht (Finma) erhielten die Geschäftsführer deutlich mehr als die Bundesräte (vgl. Tabelle).
Der Bundesrat gibt sich nicht neidisch. Im jüngsten Kaderlohnbericht orteten die zuständigen Departemente die Bezüge der einzelnen Betriebe wie gewohnt im Einklang mit den Leitplanken der Regierung.
Bundesräte, so glaubt man zu wissen, arbeiten in erster Linie für die Würde und den Einfluss und nicht des Geldes wegen – obwohl der permanente Kritikhagel, der auf die Regierung von vielen Seiten einschlägt, zuweilen Zweifel an der Attraktivität des Amtes hinterlässt. Interessenten gibt es jedenfalls immer eine Menge, wenn eine Stelle in der Regierung offen ist. Dass die Interessenten auch die Besten sind, mögen Kritiker bezweifeln, doch ähnliche Zweifel liessen sich zuweilen auch in der Privatwirtschaft trotz höherem Lohnniveau anbringen.
In Sachen Würde kann es in der Schweiz mit dem Bundesrat höchstens noch die Spitze der Nationalbank aufnehmen – wenigstens konnte sie es, bis die Hildebrand-Affäre einen grossen Schatten warf. Doch die Nationalbank-Spitzen waren in den letzten Jahren mit der Würde alleine offenbar nicht zufrieden. Nach deutlichen Lohnerhöhungen sind die Direktionsmitglieder nun bei Jahresbezügen um 1 Million Franken und damit dem Doppelten des Bundesratsniveaus angelangt.
Man muss nicht Chef der Nationalbank oder eines grossen Bundesbetriebs sein, um deutlich mehr als Bundesräte zu verdienen. Chancen dazu offerieren auch kantonale Institutionen. Der Chef der Berner Kantonalbank, beileibe kein globaler Akteur, verdiente im vergangenen Jahr fast 1 Million Franken, die grössere Zürcher Kantonalbank verdankte die Dienste ihres Chefs gar mit fast 1,7 Millionen Franken.
Die Leiter der hiesigen Staatsbetriebe können sich beglückwünschen, dass sie nicht unter französischem Kommando stehen. Unter dem neuen Staatspräsidenten François Hollande will Frankreichs Regierung einen Lohndeckel bei Staatsbetrieben installieren. Demnach soll der Höchstlohn nicht mehr als das Zwanzigfache des Tiefstlohns ausmachen und zudem nicht über 450 000 Euro (540 000 Franken) liegen. Einige französische Spitzenmanager müssen deshalb künftig den Gürtel enger schnallen. Und kritische Schweizer Stimmen mögen fragen, weshalb die Chefs von SBB, Post, Swisscom & Co. weit mehr verdienen sollen als ihre französischen Kollegen, die zudem deutlich grössere Betriebe führen.
Frankreich lässt grüssen
Im Vergleich mit Frankreich mögen böse Zungen allerdings auch Schweizer Bundesräte und manche Normalbürger als «Abzocker» bezeichnen. Frankreichs neuer Präsident begnügt sich mit einem Jahreslohn von umgerechnet knapp 200 000 Franken und damit weniger als einem halben Bundesratslohn. Und laut einer Erhebung der UBS über 15 verbreitete Berufe verdienen die Schweizer im Schnitt brutto wie netto fast doppelt so viel wie ihre Kollegen in Frankreich (und nach Berücksichtigung der Preisunterschiede immer noch etwa einen Drittel bis die Hälfte mehr).
Hochbezahlte Chefs von Schweizer Bundesbetrieben können zudem darauf verweisen, dass in Grossbetrieben der Privatwirtschaft zum Teil noch viel mehr bezahlt wird. Aus der Sicht von Verwaltungsräten oder Grossaktionären börsenkotierter Firmen ist es typischerweise nicht entscheidend, ob der Konzernchef eine halbe Million mehr oder weniger verdient; viel wichtiger sind die Unternehmensergebnisse sowie die Furcht vor dem Risiko, mit einem «nicht marktgerechten» Lohn vielleicht nicht die besten oder am stärksten motivierten Spitzenmanager zu erhalten. Für den Bund spielt dagegen die Gefahr der Vergiftung des politischen Klimas wegen breiter Empörung über mutmasslich überrissene Bezüge eine erhebliche Rolle. Doch offenkundig kann auch dies bei grossen bundesnahen Betrieben Managerbezüge weit über dem Bundesratsniveau nicht verhindern.
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Kommentar lesen
unangan (28. Juni 2012, 19:50)
orientierungsloses kapitalistisches System...
welch provokativer Einstieg...smile..
Beitrag kommentierenDoch an welchen "grossen" Leistungen orientiert sich die "Entlohnung" eines Bundesrates..???..
An seiner Verantwortung zum Volke, oder hämisch bemerkt, an den nach dem Abtreten, voraussichtlichen Einnahmen...???..
Gesichert ist, dass die deutsche Bundeskanzlin in etwa die selbe Entlohnung wie einer unserer Bundesräte bezieht.
Solche Zahlen sollten auch für die schw. Bundeskader gelten.
Mir kann keiner "Weismachen" dass jedwelcher Manager in Bundesdiensten, mehr Verantwortung trägt als ein Bundesrat.
Warum also, soll ein irgendwelcher "dem Bundesrat untergeordneter "Manager", mehr als sein/e Chef/in, beziehen.
Immer wieder wird bei solchen Salärfrage die Konkurrenzfrage gestellt. Doch in keiner Studie wird solches "Managerkonkurrenzsalär" bewiesen.
Alles nur Behauptungen der "Manager der Manager, die an den "Personalvermittlungsgebühren eine goldene Nase verdienen...!!!..
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