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Tagblatt Online, 16. Juni 2012 17:21:06

Stehende Ovationen für Aung San Suu Kyi

Aung San Suu Kyi ist auch vor dem Bundeshaus warmherzig empfangen worden. Zoom

Aung San Suu Kyi ist auch vor dem Bundeshaus warmherzig empfangen worden. (Bild: Reuters)

Die burmesische Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi ist im Parlament begeistert empfangen worden. Ihre Anwesenheit hat im sonst so lärmigen Nationalrat für ein paar ruhige Minuten gesorgt.

Ronny Nicolussi, Bern

Mit gelben Plakaten stehen rund zwei Dutzend Aktivisten von Amnesty International am Freitagmorgen vor dem Bundeshaus. Sie wollen nicht demonstrieren, sie wollen jemanden begrüssen. «You give us hope», steht auf einem der Plakate. Die Grussbotschaft gilt der burmesischen Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi. Dabei ist nach ihrem Schwächeanfall vom Donnerstagabend lange nicht klar, ob sie den Nationalrat überhaupt wie geplant besuchen wird.

Ungewohnte Ruhe

Pünktlich um 8 Uhr 30 fährt eine Wagenkolonne vor. Die Aktivisten applaudieren spontan. Aus einem dunkelblauen Van steigt Aung San Suu Kyi aus und begrüsst eine Handvoll Aktivisten persönlich. Sicherheitsleute eskortieren die Abgeordnete und Generalsekretärin der Nationalen Liga für Demokratie, die von Kameras und Fotografen umringt ist, ins Bundeshaus. Mit dem gläsernen Lift erreicht sie die Zuschauertribüne.

Im Nationalratssaal ist derweil die letzte Sitzung der Sommersession im Gang. Als Aung San Suu Kyi zusammen mit einer fünfköpfigen Delegation die Diplomaten-Tribüne oberhalb der SVP-Fraktion betritt, wird es ungewohnt ruhig im Saal – als hätte die Würde, welche diese Person ausstrahlt, eine Auswirkung auf den Lärmpegel im Parlament.

«Ehre für die Schweiz»

Auf den Anzeigetafeln, auf denen üblicherweise die Abstimmungsergebnisse visualisiert werden, wird nun eine Grussbotschaft für die burmesische Politikerin eingeblendet. Nationalratspräsident Hansjörg Walter (svp., Thurgau) begrüsst den prominenten Gast, worauf sich sämtliche Parlamentarier erheben und minutenlang applaudieren. Schüler verfolgen mit verdutzten Blicken die Szenerie von der Zuschauertribüne aus. Walter sagt in seiner Würdigung für die 66-Jährige, die Schweiz fühle sich geehrt, die erste Etappe von Suu Kyis erster Europareise nach so langer Zeit zu sein.

Während ihres viertelstündigen Aufenthalts auf der Diplomaten-Tribüne ist die Politikerin flankiert von Botschafter Beat Nobs und Claudio Fischer, dem Zuständigen für Aussenbeziehungen der Parlamentsdienste. Angeregt unterhält sie sich mit den beiden über die Besonderheiten des Schweizer Parlaments.

Bilderbuchwetter

Von der Öffentlichkeit abgeschirmt dreht derweil Ständeratsvizepräsident Filippo Lombardi (Tessin, cvp.) im Zimmer 7, gleich hinter der Galerie des Alpes, seine Runden. Ein Konferenztisch steht bereit. Aung San Suu Kyi kommt. Lombardi empfängt sie auf Englisch und zeigt ihr die herrliche Aussicht auf die Berner Alpen. Das Wetter spielt mit: perfekte Sicht auf Eiger, Mönch und Jungfrau. Der Genfer CVP-Nationalrat Luc Barthassat hält den Moment mit seinem iPhone fest, bevor die Türe zum Sitzungszimmer geschlossen wird.

Wenig später stossen auch Ständeratspräsident Hans Altherr (Appenzell Ausserrhoden, fdp.) und Nationalratsvizepräsidentin Maya Graf (gps., Basel-Landschaft) dazu. Die Gespräche drehen sich primär um den Demokratisierungsprozess in Burma.

Im Nationalrat stehen noch die letzten Schlussabstimmungen an. Nur für ein kurzes Treffen reicht es schliesslich Nationalratspräsident Walter. Mit grossen Schritten eilt er herbei. Später wird er sagen, es sei für ihn eine grosse Ehre gewesen, Aung San Suu Kyi zu treffen. Er habe ihr von der Reise seiner Frau in Burma erzählt, und die Oppositionsführerin habe die Schweizer Demokratie als vorbildlich gelobt. Graf empfand das Treffen mit Aung San Suu Kyi als sehr bewegend, wie sie auf Anfrage sagt. «Sie ist eine sehr warmherzige und überhaupt nicht oberflächliche Person, die sich für die Menschen, die sie trifft, interessiert.»

Erinnerungsfotos auf der Treppe

Nach dem halbstündigen Treffen steht ein Fototermin an. Die Präsidenten und Vizepräsidenten beider Räte posieren mit dem prominenten Gast auf der Treppe vor den drei steinernen Eidgenossen im Bundeshaus. Zugegen sind aber längst nicht nur professionelle Fotografen. Auch zahlreiche Journalisten und Parlamentarier zücken ihre Handys, um eine Erinnerungsfoto zu machen. Nationalrat Filippo Leutenegger (fdp., Zürich) filmt den Moment gar mit seinem Smartphone. Und der Genfer Fraktionspräsident der Grünen, Antonio Hodgers, nutzt die Gelegenheit um Aung San Suu Kyi persönlich zu begrüssen.

Kurz vor 10 Uhr fährt schliesslich wieder eine Wagenkolonne vor dem Bundeshaus auf. Mittlerweile stehen rund hundert Personen auf dem Bundesplatz, die zumindest einen Blick auf die 66-Jährige erhaschen wollen. Als Aung San Suu Kyi das Gebäude verlässt, wird sie mit Applaus empfangen. Eine Gruppe Asiaten ruft im Chor ihren Namen. Die Friedensnobelpreisträgerin zögert keinen Moment und geht auf die Gruppe zu. Eine ältere Frau bricht in Tränen aus.

Stoische Ruhe

Aung San Suu Kyi lässt sich vom Gedränge, das sich um sie herum bildet, nicht beeindrucken. Mit sanfter Stimme spricht sie zu den Menschen und signiert mit stoischer Ruhe alles, was ihr entgegengehalten wird. Der Berner Stadtpräsident Alexander Tschäppät, der sie nun für eine Stunde durch die Bundesstadt begleiten wird, steht ein bisschen verloren im Hintergrund. Schliesslich entschwinden die beiden im blauen Van, mit dem Aung San Suu Kyi am Morgen vorgefahren war.




Leser-Kommentare:
1 Beitrag

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unangan (16. Juni 2012, 20:19)
"Mit sanfter Stimme spricht sie zu den Menschen"

auch mit sanfter Stimme wurde vielfach populiste Schaumschlägerei betrieben...!!!..
Was hier mit einer "Friedennobelpreisträgerin" in den Medien veranstaltet wird.. ist wider besserem Wissen der Burmamentalität, beziehungsweise Geschichte.
Wir... im Westen, erklären gerne mal irgend welche Opositionellen zu Helden.
Und vergessen dabei, dass Asien und andere uns "unverständliche" Kulturen eine eigene Dynamik in der Politik haben.
Hauptsache... der, die Geehrte entspricht unserer neokapitalisten Vorstellungen, die vielfach als menschlich vermittelt werden.
Leider ... sind viele Kulturen nicht "westlich" kommpatibel.
Das heisst aber nicht, dass uns fremde Kulturen unseren westlichen Vorstellungen unterlegen sind....!!!....
Auch bei uns im Westen.... erfahren ungemein viele Bürger die existenziellen Nöte eines Regime, dass sich nur allzu gerne als menschlich darstellt....!!!..
Ein Vergleich zu den Suizidversuchen wäre ein Indiz..

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