Tagblatt Online, 10. Juli 2012 09:08:11
Mittellandseen laden wieder zum Bade
Während Jahrzehnten war der Baldeggersee ein Sorgenkind des Gewässerschutzes. Heute sind die schlimmen Bilder bloss noch eine böse Erinnerung. (Bild: cc-by-2.5/chrn)
Vor dreissig Jahren standen der Baldegger-, der Hallwiler- und der Sempachersee vor dem ökologischen Kollaps. Mittlerweile konnten sich die drei Gewässer erholen. Doch richtig gesund sind sie noch lange nicht.
Pirmin Schilliger, Hochdorf
Während Jahrzehnten war der Baldeggersee ein Sorgenkind des Gewässerschutzes. Er geriet immer wieder in die Schlagzeilen, weil er sich im Frühsommer jeweils rot verfärbte und Wochen später massenhaft Fische starben. Heute sind die schlimmen Bilder bloss noch eine böse Erinnerung. Der See – ein Naturschutzgebiet – präsentiert sich an klaren Tagen von seiner schönsten Seite. An bestimmten Stellen darf wieder gebadet und geangelt werden.
Die Phosphorkonzentration von 23 mg pro Kubikmeter Wasser liegt inzwischen unter dem kritischen Wert von 30 mg/m³. Der Genesungsprozess ist insofern erstaunlich, als der See vor dreissig Jahren noch masslos überdüngt war. Das setzte periodisch den erwähnten verhängnisvollen Kreislauf in Gang: Teppiche von blühenden Burgunderblutalgen, die später bei ihrer Zersetzung dem Wasser den Sauerstoff entzogen, so dass der See «kippte» und die Fische erstickten.
Künstliche Belüftung
Der erfreuliche Zustand von heute hat allerdings einen Makel: Noch immer hängt der Baldeggersee an einem künstlichen Belüftungssystem. Die Idee für diese Notfallmassnahme ging seinerzeit aus einem von den Kantonen Luzern und Aargau ausgeschriebenen Wettbewerb hervor. 1982 wurden die Maschinen installiert, die seither Luft ins Gewässer pumpen: Im Sommer wird das Wasser mit Sauerstoff angereichert, im Winter mit Druckluft in Zirkulation gehalten. Der technische Eingriff war eine Pioniertat. Der Baldeggersee erhielt als erstes grösseres Gewässer weltweit ein «Beatmungsgerät».
In den folgenden Jahren entschieden sich auch die Gemeinden am Sempachersee und am Hallwilersee für diese Rettungsmethode. Denn sie standen vor den gleichen Problemen wie am Baldeggersee. Und hier wie dort war in der Folge die Therapie erfolgreich. Für die Verantwortlichen ist aber der Genesungsprozess noch längst nicht abgeschlossen. «Die Seen befinden sich weiterhin auf der Intensivstation», erklärt Josef Wermelinger, der Präsident des Gemeindeverbandes Baldegger- und Hallwilersee.
Dieser wie auch der Gemeindeverband Sempachersee wurden seinerzeit gegründet, um die Sanierung der Seen zu organisieren und zu finanzieren, in enger Zusammenarbeit mit den Kantonen Aargau und Luzern, dem Bund sowie der Eidgenössischen Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz (Eawag). Wermelinger wäre glücklich, wenn eines Tages die Belüftungsmaschinen definitiv abgestellt werden könnten. Doch das dürfte ein Wunschtraum bleiben, solange die Seen ihr natürliches Gleichgewicht nicht wiedererlangt haben.
Auf dem richtigen Weg
Von diesem nachhaltigen Zustand sind sie mitsamt ihren Einzugsgebieten noch deutlich entfernt. Der Grund: Die im Rahmen des Sanierungskonzeptes beschlossenen externen Massnahmen in der Landwirtschaft haben bisher zu wenig gefruchtet. Mittlerweile haben sich zwar drei Viertel der Bauern vertraglich zu massvoller, an Boden und Vegetation angepasster Düngung verpflichtet. Für die Einschränkungen, die sie dafür in Kauf nehmen, werden sie entschädigt. Trotzdem ist die Belastung der Böden mit Phosphor weiterhin zu hoch. Der Baldeggersee etwa erhält durch Abschwemmung eine doppelt so hohe Fracht pro Jahr, als ihm eigentlich zuträglich wäre. Besser sieht die Bilanz beim Sempachersee aus. Laut neuster Studie der Eawag ist der Eintrag zumindest in trockenen Jahren bereits unter dem kritischen Zielwert von 6,1 Tonnen Phosphor. Nun soll in den nächsten Jahren die künstliche Belüftung schrittweise reduziert werden.
Wann die Maschinen definitiv abgestellt werden können, lässt sich allerdings nicht vorhersagen. «Die verschiedenen Massnahmen zeigen aber, dass wir uns auf dem richtigen Weg befinden», betont Franz Stadelmann, Leiter Ressourcen und Raumnutzung des Kantons Luzern. Endgültig gesund wären die Seen, wenn sich die Felchen – die Brotfische der Berufsfischer – wieder natürlich fortpflanzen könnten. Voraussetzung für die Verlaichung wäre ein Sauerstoffgehalt von 4 mg pro Liter Wasser unmittelbar am Seegrund. Das ist heute noch nicht der Fall. Deshalb müssen jährlich Hunderttausende in Zuchtbecken aufgezogene Jungfische ausgesetzt werden.
Entschädigung in der Kritik
Auf Kritik stösst das Sanierungskonzept weiterhin bei den Umweltverbänden. Am Ziel sei man erst, wenn die Seen sich ohne menschliches Zutun selbst gesund halten könnten, bemängelt Samuel Ehrenbold von Pro Natura Luzern. Die Organisation fordert schon lange einen Abbau der zu hohen Nutztierbestände in den Einzugsgebieten. Im Vergleich mit den 1980er Jahren halten die Landwirte heute zwar 20 Prozent weniger Vieh. Doch es ist immer noch zu viel, und die Phosphor-Austragung mittels Gülle bleibt eine Bedrohung für die Seen. Die Umweltverbände finden es stossend, dass die Bauern für die ungenügenden Massnahmen auch noch entschädigt werden. Bisher hat die öffentliche Hand in die Sanierung der drei Seen einen hohen zweistelligen Millionenbetrag investiert.
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