Tagblatt Online, 20. Juni 2012 09:08:27
Jetzt rückt der Hausarzt in den Fokus
Bundesrat Alain Berset diskutiert mit Carlo Conti, dem Präsidenten der kantonalen Gesundheitsdirektoren. (Bild: RUBEN SPRICH / Reuters)
Gesundheitsminister Alain Berset holt wichtige Akteure an einen Tisch, um die Grundversorgung zu stärken. Mit einem Bündel an Massnahmen will er die Hausärzte besserstellen und das Nachwuchsproblem lösen.
For, Bern
Zwei Tage nach dem Volksnein zu Managed Care hat Bundesrat Alain Berset am Dienstag seine Arbeiten auf einer anderen Baustelle im Gesundheitswesen präsentiert. Mit einem Masterplan zur Hausarztmedizin will er die medizinische Grundversorgung stärken und hofft dabei, die Initiative «Ja zur Hausarztmedizin» werde zurückgezogen. Bundesrat und Ständerat lehnen das Begehren ab, weil damit die Hausärzte eine privilegierte Stellung in der Bundesverfassung erhielten. Ein direkter Gegenentwurf, der die Hausarztmedizin als tragenden Pfeiler der Grundversorgung anerkennt, fand in der Sommersession die Unterstützung der kleinen Kammer. Ergänzend hat Berset einen Masterplan vorgeschlagen, der schneller zu Lösungen führen soll.
Drei Viertel in Pension
Wie bei Managed Care sitzen auch beim Masterplan wichtige Akteure des Gesundheitswesens mit am Tisch. Dazu gehören die Kantone, das Initiativkomitee, der Verband Hausärzte Schweiz, die Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH) und die Schweizerische Universitätskonferenz. Einig ist man sich, dass gegen den drohenden Mangel an Hausärzten etwas unternommen werden muss. In den kommenden zehn Jahren gehen drei Viertel der Haus- und Kinderärzte in Pension, doch es fehlt am notwendigen Nachwuchs. Hier will der Masterplan Anreize setzen, indem die Hausärzte inskünftig in der Gesetzgebung, welche die medizinische Grundversorgung betrifft, explizit erwähnt werden. Mittels Professuren soll die Hausarztmedizin an den Universitäten besser verankert werden. Dazu sollen Gelder bereitgestellt werden. Für die Weiterbildung ist geplant, die Lehrgänge mit hausarztspezifischen Lernzielen und einem Praktikum in einer Hausarztpraxis zu ergänzen.
Neben der Lehre soll auch die Forschung ausgebaut werden. Laut dem Entwurf fördert die Universitätskonferenz die Vernetzung der hausarztmedizinischen Institute und schafft damit die Voraussetzungen für eine koordinierte Forschungstätigkeit. Ab 2016 soll ein Nationales Forschungsprogramm mit Schwerpunkt in Hausarztmedizin lanciert werden.
Der zweite Teil des Masterplans betrifft die Versorgung, die vor allem in der Verantwortung der Kantone steht. Ideen und Projekte, um die Grundversorgung in den Randgebieten zu erhalten, existieren bereits.
Streit um Geld programmiert
Während in den oben beschriebenen Bereichen die Akteure sich einigen dürften, wird bei der Frage der Finanzierung härter gerungen. Ziel ist es, über eine Revision des Tarifsystems Tarmed den durchschnittlichen Hausarztlohn von heute 200 000 Franken zu erhöhen. Zudem sollen die für die Hausärzte relevanten Schnellanalysen besser abgegolten werden. Laut Berset muss die höhere Vergütung kostenneutral erfolgen, was bedeutet, dass die Spezialisten Haare lassen müssen. Für Peter Tschudi hingegen, den Präsidenten des Initiativkomitees, sind dafür zusätzliche Mittel in der Höhe eines Prämienprozentes erforderlich. Beobachter gehen davon aus, dass man sich irgendwo in der Mitte treffen wird. Die Gesundheitskommission des Ständerats, die am Montag und Dienstag tagte, steht in dieser Frage hinter Berset. Mit einer einstimmig verabschiedeten Motion bestätigt die Kommission überdies ihre Unterstützung für den Masterplan.
Ob die Initianten ihr Volksbegehren zurückziehen, werden sie im März 2013 entscheiden. Bis dann liegen die Resultate des Masterplans vor.
Von der Einheitskasse bis zum Zulassungsstopp
For. Bern Das wuchtige Nein zu Managed Care ist bloss eine Zwischenetappe. Der Druck für Reformen im Gesundheitswesen bleibt. Verschiedene Vorschläge liegen auf dem Tisch:
Aufhebung des Vertragszwangs
Heute müssen die Krankenkassen mit allen Ärzten Verträge abschliessen. Würde der Vertragszwang aufgehoben, könnten die Versicherer entscheiden, mit wem sie zusammenarbeiten wollen. Möglich wäre eine teilweise Lockerung des Vertragszwangs für die Spezialisten. Politiker machen sich jedoch keine Illusionen über die Chancen einer solchen Reform gegen den Widerstand der Ärzteschaft.
Zulassungsstopp
Seit Anfang Jahr gilt kein Zulassungsstopp mehr für Spezialisten. Seither haben die Gesuche für Praxisbewilligungen stark zugenommen (vgl. NZZ 19. 6. 12). Eine neue Arztpraxis verursacht jährlich Kosten von 300 000 bis 500 000 Franken. Angesichts dieser Entwicklung könnte das Parlament den Zulassungsstopp wieder einführen, was dem Bund ein Steuerungsinstrument geben würde.
Verfeinerter Risikoausgleich
Ein wichtiges Element der Managed-Care-Vorlage war der verfeinerte Risikoausgleich. Damit sollte sich für die Krankenkassen die Jagd nach guten Risiken weniger lohnen. Im Parlament wurden bereits Vorstösse eingereicht, um diesen Teil zu retten. Anfänglich waren die Krankenkassen teilweise gegen den verfeinerten Risikoausgleich. Inzwischen ist ihnen klar, dass sie Hand bieten müssen zu Kompromissen, um überhaupt eine Chance im Kampf gegen die Einheitskasse zu haben. Mit gleichlautenden Vorstössen wollen Ständerat Felix Gutzwiller (Zürich, fdp.) und Chantal Galladé (sp., Zürich) ein weiteres Element aus der Erbmasse von Managed Care retten. Während der Schwangerschaft sollen sämtliche Leistungen von der Kostenbeteiligung befreit werden.
Einheitskasse
Eine Einheitskasse statt rund 80 verschiedene Krankenkassen – dies fordert die im Mai eingereichte Initiative für eine öffentliche Krankenkasse, die in breiten Bevölkerungskreisen auf Sympathien stösst. Die Befürworter erhoffen sich von einem Systemwechsel tiefere Kosten und eine Verlangsamung des Prämienwachstums. Die Allianz Schweizer Krankenversicherer kritisiert die Initiative als Scheinlösung mit schweren Nebenwirkungen. Sie löse keines der Probleme im Gesundheitswesen. Im Departement Berset wird derzeit an einem Gegenvorschlag zur Initiative gearbeitet.
Hochrisikopool
Die Behandlung von chronisch kranken Patienten wird aus einem Pool finanziert, in den die Versicherer und allenfalls der Staat Beiträge einzahlen. Die ursprünglich von Pascal Couchepin lancierte Idee ist von der SP aufgenommen worden. Mit dem Pool will sie den verfeinerten Risikoausgleich ergänzen, in dem für Krankenkassen immer noch zu wenig Anreize bestünden, Chronischkranke aufzunehmen.
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schwizer (21. Juni 2012, 14:04)
Wie waers...
...wenn man aus all den Gesundheitskassen eine macht - nach dem Vorbild der SUVA! Oder noch besser, die SUVA wird eine Unfallversicherung und Gesundheitskasse zugleich! Damit sparen wir MILLIONEN! Gleichzeitig koennen alle Gesundheitsdirektoren, Kantonsdirektoren, Sektionsdirektoren,und all den anderen Sesselklebern und Praemienvernichter per sofort freigestellt werden! Im Gesundheitswesen muessen Naegel mit Koepfen gemacht werden!
Beitrag kommentierendiethelm (20. Juni 2012, 22:23)
Einsparungen bei Spezialärzten sind nicht so einfach!
Nicht alle Spezialärzte verdienen besser als Hausärzte. Die grosse Gruppe der Psychiater/Psychotherapeuten verdient noch schlechter, da wäre eine Aufwertung auch nötig, da der Nachwuchs auch fehlt! Ausserdem verdienen viele operativ tätige Spezialärzte einen guten Teil ihrer Honorare mit zusatzversicheten Patienten im Spital. Wenn man die Tarmedtarife für die gut verdienenden Spezialärzte kürzt, ergibt das nicht allzu viel Geld zum Verteilen für die Hausärzte.
Beitrag kommentierenMan könnte im ambulanten Bereich auch wieder Privattarife zulassen wie vor 1996. Damals mussten sehr gut verdienende Patienten einen Zuschlag bezahlen. Heute bezahlt im ambulanten Bereich jeder Patient den ursprünglichen Sozialtarif, auch wenn er viel mehr verdient als der Arzt!
diethelm (20. Juni 2012, 22:19)
So klappt das nicht
Wenn alle Ärzte zuerst als Hausärzte arbeiten müssen, machen sie das entweder gleich nach dem Staatsexamen und entsprechend unqualifiziert, oder jeder Arzt muss zuerst den Facharzttitel für Allgemeine Innere Medizin machen (Dauer mindestens 5 Jahre) und dann eventuell noch eine Spezialarztausbildung, das wird dann zu aufwendig. Ausserdem wird so die Hausarztmedizin abgewertet, wenn man sie wie in anderen Ländern direkt nach dem Abschlussexamen oder nach nur 2-3 Jahren Weiterbildung (Eurodoc!) praktizieren darf, für die Spezialisierung aber viel länger braucht und dann mehr Ansehen hat.
Beitrag kommentierenadolfk31 (20. Juni 2012, 03:25)
Eigentlich ganz Einfach ...
Was sich Welt weit bewährt sollte eben auch bei uns in der Schweiz wiedereinmal eingeführt werden : Zulassung für Ärzte Praxis für die ersten Fünf Jahre als Hausärzte ! Bei Bewährung darnach ... beginnt das Läitärli ...
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