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Tagblatt Online, 20. Juli 2012 21:00:48

Der parlierende Puschlaver

Livio Zanolari (Mitte) hat sechs Bundesräten als Sprecher gedient. Zoom

Livio Zanolari (Mitte) hat sechs Bundesräten als Sprecher gedient. (Bild: Keystone/Peter Klaunzer)

In der Bundesverwaltung sind viele Kommunikationsleute tätig. Wenige haben sechs Bundesräte begleitet wie der Südbündner Livio Zanolari.

René Zeller

Wenn Medienschaffende in den letzten Jahren mit Christoph Blocher sprechen wollten, führte kein Weg an Livio Zanolari vorbei. Dieser blieb nach der Abwahl von Bundesrat Blocher vorerst auch unter der neuen Justizministerin Departementssprecher. Eveline Widmer-Schlumpf schickte Zanolari aber bald in die Wüste. Sie habe nicht mit jemanden zusammenarbeiten wollen, der weiterhin engen Kontakt zu ihrem Vorgänger pflege, begründete die Bündnerin später die «im gegenseitigen Einvernehmen» erfolgte Trennung.

Christoph Blocher blieb er treu

Der im entlegenen Poschiavo aufgewachsene Zanolari, der einst als TV-Korrespondent für die italienische Schweiz in Bern gewirkt hatte, kehrte 2008 dem Bundeshaus den Rücken. Christoph Blocher blieb er treu. Fortan koordinierte er auf Mandatsbasis dessen Öffentlichkeitsarbeit. Jetzt endet auch diese Arbeit. Der 57-jährige Zanolari sagt Blocher und der Res publica adieu. Eine neue Aufgabe in der Privatwirtschaft ruft. In der Südostschweiz (nicht bei der Ems-Chemie).

Wie hat der langjährige Insider die kommunikative Aufrüstung der Bundesverwaltung erlebt? Zanolari legt die Stirn in Falten. Der Zuwachs an Informationsbeauftragten habe in einzelnen Departementen «unglaubliche Ausmasse» angenommen, sagt er. Information sei wichtig, zumal die Bevölkerung transparent und sachlich – nicht schönfärberisch – über die Behördentätigkeit ins Bild gesetzt werden müsse. «Aber Information lässt sich nicht beliebig vermehren», mahnt Zanolari.

Indiskretionen

Neben dem informierenden Bundespersonal sind auch die Indiskretionen ins Kraut geschossen. Den diesbezüglichen Einfluss der Sonntagszeitungen bezeichnet Zanolari als markant. «Sie geben heute den Takt vor.» Weil die auf dem Latrinenweg gestreuten Nachrichten aber stets ein selektives und nie vollständiges Bild zeichneten, seien sie nicht zuletzt für die Medien selber riskant: «Wer sich instrumentalisieren lässt, gefährdet seine Unabhängigkeit.» Die ersten, die Indiskretionen abschwören müssten, wären die Journalisten, lautet Zanolaris (frommer) Wunsch.

Cotti, Deiss und Co.

Ein Unikat war Zanolari im Bundeshaus nicht deswegen, weil er den weiten Weg von der periphereren Talschaft Puschlav ins Zentrum der eidgenössischen Politik fand. Ungewöhnlich war, dass er sechs Bundesräten unterschiedlicher Couleur diente. 1997 trat er ins Aussenministerium ein, wo er zunächst namens der CVP-Magistraten Cotti und Deiss und anschliessend für die Sozialdemokratin Calmy-Rey parlierte. Im August 2003 wechselte er zur Christlichdemokratin Metzler ins Justizdepartement. Sie musste im Dezember 2003 gehen. SVP-Mann Blocher kam. Zanolari blieb. Die Kooperation mit Widmer-Schlumpf war ein kurzer Epilog.

Wie kann man sich als Sprecher von links bis rechts verbiegen? Livio Zanolari, der selber von 2000 bis 2006 für die CVP im Bündner Parlament sass, formuliert es so: «Ein Departementssprecher ist Verwaltungsangestellter, nicht Politiker.» Er habe sich stets darauf beschränkt, Entscheide des jeweiligen Departements und des Bundesrats in die Öffentlichkeit zu transportieren. Und: «Politische Stellungnahmen können letztlich nur die Bundesräte selber abgeben.»

Für einen intensiven Dialog

Gegen dieses Rollendenken lässt sich wenig einwenden. Wobei vor dem geistigen Auge des Schreibenden schon auch Informationsbeauftragte paradieren, die sich in Bundesbern weniger als Informationsvermittler denn als Imagepolierer und Vernebelungskünstler profiliert haben. Demgegenüber warb der einstige Bundeshausjournalist Zanolari, der mit allen Landessprachen vertraut ist, für einen intensiven Dialog zwischen Bundesräten und Medienvertretern. «Die Mitglieder der Landesregierung müssen die Zusammenhänge der komplexen politischen Geschäfte vertieft erklären», lautet sein Ceterum censeo.

Apropos Sprachgewandtheit: Zanolari war, wie einst Vizekanzler Achille Casanova, ein Bannerträger der Italianità im Bundeshaus. Der nationale Stellenwert seiner Muttersprache sei allerdings kümmerlich. «Faktisch ist Italienisch keine Arbeitssprache in Bern.»

Neue Rolle – alter Kurs

In den letzten Jahren hat auch Livio Zanolari sein Rolle geändert. Er flankierte Christoph Blocher in dessen Bestreben, mitunter auch den früheren Bundesratskollegen auf die Füsse zu treten. Die Solidarität des Puschlavers mit dem gewesenen Justizminister ging so weit, dass er 2010 von der CVP zur SVP wechselte – weil diese Partei stärker als die anderen bürgerlichen Parteien auf Eigenverantwortung poche, begründet Zanolari diesen Schwenk.

Sonst aber hält Zanolari Kurs. Wer glaubwürdig informieren will, streut keine Gerüchte. Anekdotisches oder gar Indiskretes zu den Magistratspersonen, die er im Bundeshaus begleitet hat, ist Zanolari nicht zu entlocken. Das stillt zwar den Appetit nicht, ist aber konsequent. Ohne diese Prinzipientreue hätte er es kaum auf einen Palmarès von sechs Bundesräten gebracht.




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